Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder kam der neue Roman von Sarah Kuttner mit dem Titel 180° Meer nie auf den Tisch eines Lektors. Oder er wurde unter der kulturpessimistischen Prämisse lektoriert, die vermutlich jüngere Leserschaft Sarah Kuttners ließe sich nur auf einem sehr schrägen Stil- und Sprachniveau erreichen. Angeblich bringen heute ja selbst Abiturienten keinen grammatikalisch und gedanklich korrekten Satz zustande. Bei einem Absatz, wie er sich auf Seite 22 dieses Buches findet, würde allerdings auch jeder Deutschlehrer einer zehnten Klasse aufjaulen:

"Vor meiner Wohnung stehen Tims Schuhe. An den Schnürsenkeln ordentlich mit einer Schleife zusammengebunden. Tim macht das so. Er macht es schon so, seit er eine Schleife machen kann. Nachdem er es im späten Alter von erst neun Jahren endlich gelernt hatte, gab es für ihn weder Halten noch Gründe dafür, die Schuhe nur am Fuß zu binden. Stattdessen wurden sie auch außerhalb des Körpers gebunden. Verbunden. Miteinander. Er tut das mit all seinen Schuhen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016.

Dass das Verb "machen" in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen gleich dreimal verwendet wird, klingt schon arg unbeholfen, könnte zur Not aber mit dem Alter des Schuhzubinders erklärt werden. So reden Kinder nun mal, und Tim ist neun, als er sich die Bindetechnik aneignet. Was aber ist mit der Formulierung gemeint, es gab für Tim "weder Halten noch Gründe dafür, die Schuhe nur am Fuß zu binden"? Halten wobei? Bei der Anzahl der Knoten? Beim Binden von allem, was sich binden lässt? Wahrhaft rätselhaft indes ist der nächste Satz. Der kleine Tim, so heißt es, machte es sich zur Gewohnheit, Schuhe "auch außerhalb des Körpers" zu binden. Band er sie bis dahin innerhalb seines Körpers?

Es ist nicht ganz leicht, der Geschichte von Sarah Kuttners neuem Roman zu folgen. Es geht um eine Sängerin namens Jule, die mit ihrem Beruf hadert, mit ihrem Freund gelinde und mit ihrem Vater schwere Probleme hat. Nur lenkt der Dschungel der Stilblüten und sprachlichen Seltsamkeiten doch massiv von Jules Seelenleben ab. Auf Seite 200 äußert die Ich-Erzählerin beispielsweise, es hätte ihr "gut gefallen, mit Michael noch ein bisschen über Hunde zu sprechen. Eine eher unabsichtliche Gemeinsamkeit, die wir beide noch eine ganze schöne Weile hätten melken können ..." Man ahnt so ungefähr, was gemeint ist. Aber verstörend ist es schon, sich das Melken von Gemeinsamkeiten bildhaft vorzustellen.

Oder handelt es sich hier um zeitgenössisches Jugenddeutsch, über das Leser älterer Generationen schlichtweg nicht verfügen? Gibt es Menschen in Jules Alter, die zueinander sagen: Du, ich muss noch schnell die Schuhe im Körper zubinden, dann können wir weiter unsere Gemeinsamkeit melken?

Sarah Kuttner: 180° Meer. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016; 270 S., 18,99 €, als E-Book 16,99 €