Sie verpackt ganze Gedankengebäude in einem Wort, schützt vor Vereinfachung, führt uns zu Erkenntnissen – warum Wissenschaftssprache unverzichtbar ist.

Die Sprache der Wissenschaft ist oft hässlich, umständlich oder aufgeblasen; darin kann man Yascha Mounk nur zustimmen. Für den Studenten eines Faches besteht häufig die ärgerlichste (manchmal aber auch einzige) Hürde darin, die Ausdrucksweise dieses Faches zu erlernen; in der Abschlussarbeit wird dann geprüft, ob er Dinge, die er zuvor einfacher hätte sagen können, auch genauso abstrakt und verblasen formulieren kann, wie es Standard seines Faches ist. Wer das Glück oder das Pech hat, dass sich im Laufe seines Studiums die Theoriemode ändert (auch Wissenschaften unterliegen der Mode), kann sogar erleben, wie mühsam erarbeitete Begrifflichkeiten über Nacht entwertet und durch neue Sprachkleider ersetzt werden, die nunmehr den alten Erkenntnissen übergezogen werden müssen.

Ist also die Wissenschaftssprache nur ein albernes Gewand, das man statt der allgemein verständlichen Alltagssprache benutzt, um akademisch glaubwürdig auftreten zu können? Die Antwort ist leider anstrengender, als Mounk es wahrhaben will. Sie lautet: Das muss man erst herausfinden. Die Arbeit dieses Herausfindens oder auch Entzauberns kann man keinem Studenten abnehmen, es ist der eigentliche Kern wissenschaftlichen Arbeitens, dessen Voraussetzungen zu durchleuchten. Ob Erkenntnisse Bestand haben, hängt auch davon ab, mit welchen Instrumenten sie geschaffen wurden, und zu diesen Instrumenten gehören ebenso die Begriffe, mit denen man sie formuliert.

Natürlich gibt es Disziplinen, die besonders anfällig dafür sind, Allerweltseinsichten nur wissenschaftlich umzuformulieren. Was Handbücher der Betriebswirtschaft in ihrem hochtrabenden Denglisch vortragen, wird der bloß angelernte Einzelhandelskaufmann meistens eh schon und besser wissen. Das muss aber nicht so sein; manchmal besteht der zugegebenermaßen bescheidene Gewinn auch schon darin, konkrete Erfahrungen in abstrakte Muster zu übersetzen. Die Wissenschaft lässt die Praxis fremdartiger aussehen, als wir sie erleben – und erlaubt gerade dadurch, sie zu verstehen und zu durchleuchten. Was Mounk besonders ärgerlich vorkommt – die Verfremdung des Einfachen und Alltäglichen –, ist hier der erste und notwendige Schritt zur Wissenschaft.

Es müssen selbstverständlich weitere Schritte folgen (was nicht immer der Fall ist). Aber der Gebrauch seltsamer Begriffe, die in der Umgangssprache nicht vorkommen, ist keineswegs so lächerlich, wie Mounk glaubt – und zwar besonders dann nicht, wenn sie intuitiv unzugänglich sind. Die Zurückweisung der Intuition, ihre Verweigerung und kritische Überprüfung, ist geradezu das Wesen von Wissenschaft. Wenn Wissenschaft nur sagen dürfte, was wir gleich verstehen, würde sie auch nur sagen können, was wir schon wissen.

Im Übrigen hängt von den Begriffen mehr ab, als es auf den ersten Blick scheinen mag; manchmal sind es ganze Weltbilder oder philosophische Systeme, die an einem Wort hängen. Es macht einen Riesenunterschied, ob ein Philosoph von einer (unveränderlichen) menschlichen "Existenz" spricht – oder von (veränderlichen) menschlichen "Verhältnissen". Der unbedachte Gebrauch solcher philosophisch aufgeladener Begriffe kann dazu führen, dass man sich ein ganzes Gedankengebäude einschleppt, das man vielleicht gar nicht in seiner Arbeit haben möchte. Auch um eine solche Infektion mit fremden Ideen zu vermeiden, treiben manche Wissenschaftler den sprachlichen Aufwand, der Anfänger abschreckt; man kann das beispielsweise sehr gut an dem Satz von Hans Jonas ("Nun besteht aber dieses Paradox der Sinneswahrnehmungen ...") studieren, den Mounk unverständlich findet. Er ist aber ganz und gar nicht unverständlich, sondern nur sehr knapp und fast überpräzise. Eine Übersetzung in die Umgangssprache würde mehr Zeilen verschlingen, als dieser Artikel umfasst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28.4.2016.

Die Abhängigkeit von Begrifflichkeiten gilt nicht nur für die Geisteswissenschaften. Wer in der Kernphysik von "Teilchen" spricht, hat sich schon dafür entschieden, dass es solche gibt, auch wenn sie sich nicht betrachten, sondern nur aus Messergebnissen erschließen lassen. Das Denken in "Teilchen" lässt überhaupt erst den Bau von Teilchenbeschleunigern sinnvoll erscheinen.

Man kann darum selbst den genervtesten Studenten das Erlernen einer Wissenschaftssprache nicht ersparen; und sei es, dass sie diese erst beherrschen müssen, um sie später zu verwerfen. Es ist leider tatsächlich eine akademische, keine soziale Hürde; und es spricht auch nichts dafür, dass die familiäre Herkunft bei der Überwindung dieser Hürde eine Rolle spielt. Jeder Mensch kennt sonderbare Fachsprachen aus seiner Umgebung, und sei es nur vom Fußball oder von den Subgenres der Popmusik. Vielleicht kann sogar der Student, der in einem Milieu von Auto-Tunern und illegalen Straßenrennen aufgewachsen ist, eher mit merkwürdigen Ausdrucksweisen umgehen als das verwöhnte Söhnchen.

Aber selbst wenn es nicht so wäre – die soziale Emanzipationsleistung eines Studiums muss ja gerade darin bestehen, "die Höhen der bürgerlichen Kultur zu erobern", wie die SPD einmal formulierte – und nicht etwa darin, die Höhen zu schleifen und alle Wissenschaft auf das Niveau bildungsferner Schichten zu bringen. Ein Studienplan, der Kompliziertheiten aus pädagogischen Gründen unterschlägt, wäre Betrug.

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