Tag der Arbeit hört sich für sie an wie Tag des Heroins. Ein Feiertag für den Stoff, der sie betäubt, der ihre Gesundheit ruiniert und ihre Familien zerstört. Einen Stoff, den man nicht fassen kann, der aber allgegenwärtig ist, der die ganze Gesellschaft durchdringt. Arbeit bildet die Grundlage allen Wohlstands, sie stiftet Sinn, sie schafft Struktur. Und manche Menschen macht sie abhängig.

Ein großer, kahler Raum. Für einen Moment herrscht im Stuhlkreis Schweigen. Jeder wartet darauf, wer zuerst sprechen mag. Dann ergreift eine Frau, um die 40, dunkles, gelocktes Haar, das Wort:

"Ich bin Meike. Ich bin arbeitssüchtig."

"Hallo, Meike!", antworten die anderen im Chor.

"Ich möchte etwas Positives erzählen", fährt Meike fort. "Ich habe es im Urlaub geschafft, fünf Tage nicht zu arbeiten. Na ja, fast fünf. Zwischendurch habe ich zwei Arbeitsblätter entworfen, aber das zählt eigentlich nicht. Ich gönne mir jetzt auch mehr Schlaf. Ich hatte lange keine Nacht mehr, in der ich ewig am Schreibtisch gesessen und nur zwei Stunden geschlafen habe. Darüber bin ich sehr froh. Danke fürs Teilen."

"Danke, Meike!"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 19 vom 28. April 2016.

Drei Männer und drei Frauen sitzen in dem Raum zusammen, den die Caritas jeden Donnerstagabend für ihre Treffen zur Verfügung stellt. In der Mitte bedeckt ein rosafarbenes Tuch den Kachelboden. Darauf leuchten zwei Kerzen, daneben liegen Broschüren, eine rote Spendenbüchse, ein Buch (Zwölf Schritte und zwölf Traditionen, das Standardwerk vieler Selbsthilfegruppen) und Pappschilder mit Hinweisen. Auf einem steht: "Redezeit Empfehlung 3–5 Minuten". Zeit ist knapp, auch hier. Vielleicht gerade hier. Beim Gruppentreffen der Anonymen Arbeitssüchtigen.

Die Anonymen Alkoholiker sind allgemein bekannt, auch Spielsüchtige kennt man, Magersüchtige, Sexsüchtige. Aber Arbeitssüchtige? Das klingt seltsam. Zwar spricht man manchmal von "Workaholics", aber meist ist das nicht ganz ernst gemeint. Kann es das wirklich geben: Arbeitsjunkies? Menschen, die so etwas Profanes und oft Lästiges wie Arbeit süchtig macht? Und warum ist das überhaupt ein Problem – wer viel leistet, wird doch mit Erfolg belohnt! Ein bisschen Arbeitssucht schadet nicht, oder?

Viele Menschen erleben das anders. Praktisch in jeder großen deutschen Stadt treffen sich regelmäßig Anonyme Arbeitssüchtige. In Berlin immer dienstags, in München und Stuttgart an Donnerstagen, in Karlsruhe freitags, in Freiburg an jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat, in Köln samstags, in Frankfurt jeden zweiten Dienstag, in Münster ebenfalls dienstags – um nur einige Beispiele zu nennen.

Statistiken darüber, wie viele Menschen Arbeit als Droge empfinden, gibt es nicht. Stefan Poppelreuter, ein Psychologe, der seine Doktorarbeit über Arbeitssucht geschrieben hat, zitiert Schätzungen, nach denen es allein in Deutschland 200.000 bis 300.000 sein könnten. Auch die Zahl 500.000 kursiert im Internet. Doch es fehlt an Daten.

Alkoholikern sieht man ihre Sucht irgendwann an. Ebenso Magersüchtigen oder Junkies. Aber ein Blick in den Stuhlkreis der Anonymen Arbeitssüchtigen zeigt: Sie sehen ganz normal aus. Meike ist eine attraktive, strahlende Frau, die vor dem Treffen winkend in einem großen Auto vorfährt, voller Elan. Ihr gehe es momentan gut, sagt sie. Sie hat zwei Kinder und arbeitet als Lehrerin. Niemand von ihren Freunden, Kollegen und Schülern ahnt, dass sie seit einem Zusammenbruch vor einigen Jahren jede Woche zu dieser Selbsthilfegruppe geht. Weil sie nicht möchte, dass sie es erfahren, sind ihr Name, die Namen anderer Betroffener sowie einige persönliche Details in diesem Artikel verfremdet.

Meike leitet an diesem Abend die Gruppe. Auf ihrem Schoß liegt ein abgegriffener Aktenordner. Zum festen Ablauf der Meetings gehört, Texte aus dem Kanon der Anonymen Arbeitssüchtigen zu rezitieren. Meike liest eine Passage vor, die sich wie ein Glaubensbekenntnis anhört: "Wir halten uns immer beschäftigt, um unsere Gefühle zu betäuben. Wir genießen das Hochgefühl, das von Adrenalin erzeugt wird, wenn wir unter Hochdruck auf Termin hinarbeiten. Wir werden vielleicht sogar von einer arbeitssüchtigen Firma beschäftigt, die mit Lob und Beförderung unsere Sucht fördert. Aber wir zahlen dafür einen hohen Preis. Wir gefährden unsere Gesundheit und zerstören unsere Beziehungen."

"Danke, Meike!"

Wer zum ersten Mal zu den Anonymen Arbeitssüchtigen geht, könnte meinen, er sei bei einer Sekte. Von einer höheren Macht ist die Rede und von den zwölf Schritten. Doch die seltsam wirkenden Rituale sind fast eins zu eins von den Anonymen Alkoholikern übernommen. Und wie dort gibt es keinen Vordenker, sondern bloß kleine, sich über Spenden finanzierende Gruppen.

Medizinisch gilt Arbeitssucht nicht als eigenständige, anerkannte Krankheit. Der Diagnosekatalog der Ärzte führt sie nicht auf. "Trotzdem haben wir immer wieder Patienten, die unter Arbeitssucht leiden", sagt Michael Tischinger. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet die Adula-Klinik in Oberstdorf im Allgäu. "Zu uns kommen zum Beispiel Menschen mit Depressionen, Suizidgedanken oder Angststörungen. Das sind oft Folgeerkrankungen, hinter denen eine pathologische Fixierung auf die Arbeit steckt." Tischinger rät dann, auch die Anonymen Arbeitssüchtigen aufzusuchen. Bei diesen Patienten und ihrem Umgang mit Arbeit, sagt der Chefarzt, sind alle Merkmale einer Sucht erfüllt: Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Dosissteigerung.

Der Übergang zwischen Arbeitseifer und Arbeitswahn ist fließend

Die Betroffenen erleben das selbst sehr unterschiedlich. Meike, die Lehrerin, erzählt von der Angst, Fehler zu machen, sich vor ihren Schülern zu blamieren, und davon, dass sie sich bei schwierigen Aufgaben völlig verzettele und kein Ende finde. Aus diesen Gründen verbringe sie viele Nächte am Schreibtisch. Martin, ein Ingenieur, der in einer anderen Stadt zu den Anonymen Arbeitssüchtigen geht, schildert es so: "Wenn ich arbeite, komme ich in einen Flow, das ist wie ein Rausch. Ich vergesse mich völlig. Ich vergesse, dass ich Hunger habe oder Durst, dass ich Schlaf brauche oder eigentlich mal zur Toilette müsste. Ich bin dann wie unter Drogen." Für ihn ist die Arbeitssucht vor allem mit Lust verbunden, für Meike eher mit Angst und Zwang.

Gemeinsam haben beide, dass sie über lange Zeit weit mehr als normal gearbeitet haben, mehr als ein Mensch aushalten kann. Arbeitssüchtige sind dabei keineswegs immer besonders erfolgreich. Die meisten werden im Laufe der Zeit immer unproduktiver und brechen schließlich zusammen.

Als er noch "richtig drauf" war, erzählt Martin, arbeitete er als Bauleiter jeden Tag 14 Stunden, manchmal auch 48 Stunden am Stück. Er brüllte Untergebene an, rauchte zwei Schachteln Marlboro am Tag und trank am Abend zwei, drei Bier und eine Flasche Rioja, um die Anspannung wegzuspülen. "Am Wochenende litt ich dann unter Entzug, hatte Schweißausbrüche, war niedergeschlagen, bekam Selbstmordgedanken." Irgendwann hatte er einen Nervenzusammenbruch, mehrfach musste er in eine Klinik und fiel monatelang aus. Die Arbeitssucht, sagt Martin, habe auch seine Ehe zerstört.

Heute ist der Ingenieur nach eigener Einschätzung "trocken". Bei Arbeitssüchtigen bedeutet das: nicht völlige Abstinenz, sondern kontrollierter Umgang mit ihrem Suchtmittel. Die meisten versuchen das mithilfe selbst gesetzter Regeln zu erreichen. Martin hat für sich ein ganzes Bündel dieser sogenannten bottom-lines formuliert: Kein Arbeitsbeginn vor acht Uhr morgens! Jeden Tag eine Stunde Mittagspause! Drei Mahlzeiten am Tag! Spätestens um halb sieben den Computer aus! Um zehn Uhr ins Bett (außer der FC Bayern spielt in der Champions League)!

Solche Grenzen zu ziehen fällt heute aber schwer. Für viele Menschen ist ihr Job durch das Smartphone stets nur eine Armlänge entfernt. Manche empfinden das als Freiheitsgewinn, andere als Herausforderung – für Arbeitssüchtige ist es die Hölle. "Bei jeder Abhängigkeit kommt es darauf an, wie leicht ein Suchtmittel verfügbar ist", sagt der Mediziner Tischinger. "Arbeit ist heute so leicht verfügbar wie nie zuvor. Das macht es für Suchtgefährdete extrem schwer."

Spielsüchtige versucht der Staat mit Einlasskontrollen vom Spielcasino fernzuhalten. Für Arbeitssüchtige gibt es so etwas nicht.

Der Übergang zwischen Arbeitseifer und Arbeitswahn ist fließend. Tischinger spricht von einem "Prozess". Am Anfang stehe der gelegentliche Missbrauch, einzelne allnighter, Nächte im Büro, dann setze eine Gewöhnung ein, das Verhalten werde der Normalfall, bis sich alles nur noch um die Arbeit drehe. "Beim Vollbild der Arbeitssucht", sagt der Klinikleiter, "gibt es schließlich keinen Lustgewinn mehr."

Kompliziert wird es, wenn sich die Sucht nicht auf die Arbeit im Beruf beschränkt.

"Ich bin Frank. Ich bin arbeits- und erledigungssüchtig."

"Hallo, Frank!"

"Also wenn ich höre, dass jemand sechs Stunden schläft, das erfüllt mich mit Neid. Ich schlafe nach wie vor sehr wenig. Es gibt immer so viel zu tun, auch zu Hause: aufräumen, putzen, die Steuererklärung. Bei der Arbeit versuche ich jetzt wenigstens freitags früh zu gehen. Das klappt auch ganz gut. Aber ich nehme die Dinge im Kopf mit nach Hause. Unter der Dusche fällt mir irgendwas ein, dann mache ich mir Notizen: Das musst du unbedingt im Büro erledigen. Ich hasse es, wenn Leute ihre Arbeit nicht ordentlich machen!"

Franks Gesicht verzieht sich vor Ekel.

"Aber ich verplane auch meinen Urlaub. Ich mache mir am Jahresanfang schon Pläne, wann was erledigt werden muss. Jetzt steht mir gerade bevor, dass ich meinen Kühlschrank putzen muss, eine enorm widerwärtige Arbeit, aber das muss ja gemacht werden alle paar Monate. Ich plane das und hake das dann wöchentlich ab. Ich weiß, das ist krank und bekloppt, aber ich kann das nicht einfach abstellen. Danke."

"Danke, Frank!"

Manches, was Meike, Martin und Frank erzählen, kennt jeder Berufstätige – lange Tage im Büro, Probleme abzuschalten, vielleicht sogar ein Flow-Gefühl bei der Arbeit. Anderes erscheint sehr fremd. Viele Mitglieder der Anonymen Arbeitssüchtigen leiden unter weiteren Problemen. Meike hatte früher oft Fressattacken, und Frank hat ein sicher nicht ganz zwangfreies Verhältnis zum Putzen. Arbeitssucht hat auch eine individuelle Komponente. So können ein geringes Selbstwertgefühl, ein Hang zum Perfektionismus und falsche Vorbilder in der Familie Arbeitssucht begünstigen, wie die Lüneburger Wirtschaftspsychologin Christine Voigt herausfand. Nötig sei aber auch ein gesellschaftliches Umdenken, weg von einer "Ideologie der Arbeit".

Das würde den Betroffenen vielleicht helfen. Aber die meisten Menschen sind ja nicht arbeitssüchtig. Sie kommen mit dem herrschenden Arbeitsethos, der seine Kraft aus ökonomischen, religiösen, kulturellen und psychologischen Wurzeln zieht, zurecht. Sie werden die Welt deshalb nicht so schnell ändern.

Die Anonymen Arbeitssüchtigen erwarten das auch nicht. Ihr Prinzip ist es, mit der Veränderung bei sich selbst zu beginnen. Vielleicht nützt es schon, sich manchmal, am 1. Mai etwa, in Erinnerung zu rufen, dass Arbeit im Leben nicht alles ist. Oder wie Frank sich selbst oft sagt, wenn er seinen Pflichteifer bremsen will: Es gibt auch ein Leben vor dem Tod!

Am Ende des Gruppentreffens bittet Meike alle, sich zu erheben. Gemeinsam sprechen sie das sattsam bekannte Gelassenheitsgebet, das auch die Anonymen Alkoholiker verwenden: "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Dann verabschieden sie sich voneinander, so herzlich, wie es gute Freunde tun. Einige lachen, ihre Stimmung ist jetzt heiter, fast beschwingt. Nur der Abschiedsgruß, den sie sich zurufen, lässt ahnen, wie fragil ihre Gelassenheit ist: "Gute 24 Stunden!"

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio