Wo die kleine Alma Deutscher auftaucht, vergisst selbst die gediegene Klassikbranche ihre soignierten Konventionen. Ungläubig starren die Orchestermusiker auf das Geschehen am Bühnenrand. Es ist Probenpause bei den Wiener Philharmonikern. Im Goldenen Saal des Musikvereins bespricht sich der gefeierte Dirigent und Pianist Daniel Barenboim mit Zubin Mehta, dem großen Maestro, als sich ein blaues Kleidchen mit weißen Faltern zwischen beiden aufbaut und die Achtung gebietenden Herren einfach unterbricht. Bald weicht das verdutzte Stirnrunzeln des Starpianisten einem milden Lächeln. Einige ungläubige Nachfragen später wird Barenboim das Mädchen bitten, ihm und Maestro Mehta etwas vorzuspielen – aus jener Oper, die es selbst komponiert hat.

Diese Oper ist der Grund, warum Alma Deutscher, britische Komponistin, Pianistin, Violinistin, und gerade einmal elf Jahre alt, vergangene Woche nach Wien gekommen ist. Ihr großer Wunsch sei, so hatte Deutscher vor wenigen Monaten im langen Gespräch mit der ZEIT erzählt (ZEIT Nr. 2/16), ihr erstes großes Opernwerk Cinderella in Wien zu zeigen. Seit Kurzem steht fest: Dieser Traum geht in Erfüllung. In Wien wird Ende Dezember die Uraufführung der Märchenoper zu erleben sein, nun kümmert sich das erstaunliche Mädchen in der geschichtsreichen Musikstadt um die ersten Details der Inszenierung.

Etwas Vergleichbares hat es zuletzt vor 250 Jahren gegeben, 1767, als in Salzburg die erste Oper des damals elfjährigen Mozart uraufgeführt wurde. Den Vergleich mit Wolfgang Amadeus, wie er zuhauf in Medien wie dem Guardian, der Times oder der BBC gezogen wurde, wehrt Alma Deutscher zwar ab. "Oh no", sagt sie und reckt die sommersprossige Nase kopfschüttelnd nach oben: "Ich bin Alma, ich komponiere meine eigene Musik, nicht die von Mozart. Außerdem war er ja ein Junge."

Ganz kann das Mädchen die Parallelen zum Salzburger Wunderknaben aber nicht abstreiten. Das liegt schon daran, dass ihre Musik geprägt ist von den Klängen dieser längst vergangenen Zeit. "Well, nun gut", beginnen viele ihrer Antworten auf die immer gleich erstaunten Fragen Erwachsener. "Ich liebe Mozart und Schubert und Tschaikowsky." Sie strahlt, streckt den Rücken durch und fällt in einen rasenden Wortfluss über die Schönheit dieser Melodien, über die Kunst der Modulationen, Passagen und vollkommenen Strukturen, über den Zauber der Romantik und den Wohlklang der Wiener Klassik. Pizzakäse tropft derweil vom Finger, im kindlichen Überschwang muss sie nach Luft schnappen zwischen den Silben. Ihr Vater legt eine Papierserviette über ihr rosa geblümtes Kleid.

In solchen Momenten, mittags vor einem Imbisslokal in der Wiener Innenstadt, ist die Tochter von Guy Deutscher ein Kind wie jedes andere auch. Ein Knirps, der Eis und Sachertorte liebt. Der zu Hause in Dorking, 40 Kilometer südlich von London, mit der kleinen Schwester im Baumhaus spielt. Ein Kind, das nach dem Essen über die Gehsteigkante am Wiener Ring balanciert und ermahnt werden muss, auf den Verkehr zu achten.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Natürlich ist es auch gefährlich, dauernd zu hören: ›Du bist unglaublich und wunderbar‹", sagt Guy Deutscher. Der Brite mit israelischen Wurzeln ist ein international renommierter Linguist, sein letztes Buch über den Einfluss von Sprache auf die Wahrnehmung war auch in der deutschen Übersetzung ein großer Erfolg. Mit seinem nächsten Werk ist er aber im Rückstand. Guy Deutscher kümmert sich nun fast ausschließlich um Alma. Er will, dass sie mit ihrem Talent aus dem Vollen schöpfen kann. Er will sie zugleich beschützen vor einer sensationslüsternen Welt, die kleine Genies ebenso verlässlich hochjubelt wie verbrennt. Ein schmaler Spagat.

Deutscher, ein feingliedriger, stiller Mann, betrachtet seine Tochter mit väterlicher Zärtlichkeit und oft auch mit verblüffter Ehrfurcht. Etwa dann, wenn sie hinter der Bühne völlig unbefangen mit den Größen der Wiener Musikszene plaudert. Dann kippt ihre schmale Gestalt wie ein Brett im Winkel von gut 45 Grad nach vorn und nimmt alles und jeden ein mit ihrer Mischung aus kindlicher Verve und wohlerzogener Bildungskonversation.

Die viele Aufmerksamkeit, wohin Alma Deutscher auch kommt? " Oh, I‘m loving it! " Nervosität? "O nein, ich bin nie nervös, das war ich noch nie! Dann würde ich auch nicht gut spielen können. Aber ich weiß ja, dass ich es kann", sagt Alma und schiebt sich mit lautem "Hmmm" noch ein Stück Pizza in den Mund.