Alternative Geschichtsschreibung gilt unter ernsthaften Historikern als eine milde, gutartige Form des Wahnsinns. Der alternative Historiker befasst sich beispielsweise mit der Frage, wie die Geschichte gelaufen wäre, wenn Hitler ein stiller Kunstmaler in Wien und nicht der brüllende Diktator in Berlin geworden wäre. Oder er denkt darüber nach, was geschehen wäre, wenn Kennedy im geschlossenen Wagen durch Dallas gefahren und nicht erschossen worden wäre. Ein geheimer Held der alternativen Historiker ist der Afroamerikaner Dizzy Gillespie, Menschenfreund und genialer Musiker, feinsinniger Kämpfer gegen den Rassenhass und einer der Heiligen des Jazz. Im Jahr 1964 bewarb sich Dizzy um das Amt des amerikanischen Präsidenten, mehr spaßeshalber, damit das Kandidatenfeld, darunter Lyndon B. Johnson und Barry Goldwater, ein wenig aufgemischt werde. Seiner Kampagne ging rasch das Geld aus, und so blieb Dizzy einer der größten Künstler Amerikas und wurde nicht Weltherrscher, aber es ist atemberaubend, sich vorzustellen, was aus Amerika geworden wäre, wenn er es ins Weiße Haus geschafft hätte. Er hatte beispielsweise vor, unverzüglich die amerikanischen Truppen aus Vietnam abzuziehen. Max Roach, der Schlagzeuger, war als sein Verteidigungsminister angefragt, Duke Ellington, der Grandseigneur unter den Bandleadern, wäre Außenminister geworden, und der finstere Schmelzmeister aller musikalischen Gattungen, der Trompeter Miles Davis, hätte die CIA neu strukturiert.

An diesem Punkt kommt Barack Obama ins Spiel. Vergangenen Freitag verneigte er sich vor Dizzy. Der amerikanische Präsident lud ins Weiße Haus zu einem der größten Jazzkonzerte, welches die Welt seit Langem gesehen hat. Und der erste Mann, den er in seiner Rede erwähnte, war der schwarze Präsidentschaftskandidat von 64. "Dizzy", so Obama, "wollte das Weiße Haus in das Blues House verwandeln." Es klang so, als wollte Obama sagen: Vermutlich wären die Dinge dann besser gelaufen; versuchen wir, seine Vision einen Abend lang zu verwirklichen.

Während Obama spricht, dämmert dem Berichterstatter, der heute als einer von 500 Gästen im Weißen Haus umherspaziert, dass Dizzy Gillespie ein echtes Vorbild Obamas sein könnte: Jene Mischung aus Eleganz und Witz, zu der Obama in der Lage ist, hat Dizzy verkörpert. Die Fähigkeit, Formen zu beherrschen, ohne ihnen zu erliegen, seine Neigung, Macht so zu repräsentieren, dass ein wenig Belustigung über den Rand der Konvention hinausmoussiert – all das ist pure Dizzy-Schule. Obama regiert ja, als wolle er nicht dabei ertappt werden, die Sache mit der Macht zu ernst und zu persönlich zu nehmen, mit ein paar synkopischen, eckigen Bewegungen hat er die Hebel bewegt – und das ist ungefähr so, wie Dizzy Musik gemacht hat; er hat es auf der Bühne immer geschafft, die Zwänge des Rhythmus zu erfüllen und zugleich zu unterlaufen – als mache er sich über das Marschmäßige, das Gleichschaltende des Rhythmus lustig.

Obama öffnet an diesem Abend das Weiße Haus dem Jazz, um den World Day of Jazz zu feiern, und das ist mehr als eine Gefälligkeit zu Ehren des Organisators dieses Festes, des großen Jazzmusikers Herbie Hancock. Es ist eins der stärksten kulturellen Zeichen, die Obama in seiner Amtszeit gesetzt hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

Der Jazz, sagt er jetzt auf der Bühne, sei Amerikas ureigener Beitrag zur Weltkultur, eine Kunstform, die den nackten Künstler verlange, der auf die Bühne gehe mit nichts als dem Vorsatz zur Improvisation, zur Erschaffung des Unwiederholbaren, und im Grunde sei die amerikanische Nation selbst nichts anderes als eine dauernde große Improvisation. Er selbst, sagt Obama, sei 1971 von seinem Vater, den er kaum gekannt habe, zum ersten Jazzkonzert mitgenommen worden, es spielte die Dave Brubeck Band, "and I got hooked": Von da an war er am Haken, ein Mann des Jazz.

Nun muss geklärt werden, wie der Berichterstatter der ZEIT in dieses Konzert gekommen ist. Der famose deutsche Trompeter Till Brönner ist der einzige Deutsche in diesem fantastischen Allstar-Ensemble, und er hat uns einen Platz im Weißen Haus besorgt.

In den nächsten zweieinhalb Stunden spielen folgende Musiker zusammen: Joey Alexander, Brian Blade, Dee Dee Bridgewater, Till Brönner, Chick Corea, Jamie Cullum, Paquito D’Rivera, Kurt Elling, Aretha Franklin, Robert Glasper, Buddy Guy, Herbie Hancock, Al Jarreau, Diana Krall, Lionel Loueke, Hugh Masekela, Christian McBride, John McLaughlin, Pat Metheny, Marcus Miller, Danilo Perez, Dianne Reeves, Lee Ritenour, Kendrick Scott, Wayne Shorter, Esperanza Spalding, Sting, Trombone Shorty, Chucho Valdes. Und der Schauspieler Morgan Freeman, Hollywoods bevorzugter Leinwandpräsident dieser Jahre, führt durch den Abend.

Es ist eines der Ereignisse, bei denen von einem "Vermächtnis" gesprochen werden kann. Amerika, eine Improvisation? Der Abend ist eine einzige rauschende, symbolische Einlösung des Satzes "Yes we can". Eine "good old-fashioned jam session", so Morgan Freeman, werde man jetzt erleben, vollführt von einem "Once-in-a-lifetime orchestra", und bei Gott, das ist dieses Konzert. Dass eine ganze Nation wie eine hellhörige Jamsession mit auswärtigen Gästen sein könnte – für zweieinhalb Stunden konnte man es glauben.

Allerdings, vor den Rausch haben die Bürokraten die Sicherheit gesetzt. Wie kommt man hinein ins Weiße Haus? Das Gelände ist eine Burg mit mindestens drei Burggräben. Man muss durch einen Parcours von Sicherheitsschleusen, den man so ähnlich beim Eintritt in die Grüne Zone von Bagdad oder in das Isaf-Hauptquartier von Kabul zu erwarten hätte, und unter einem Schreibtisch hechelt der diensthabende Sprengstoffhund. So dringt man ins Weiße Haus vor, als kämpfe man sich in einem Abflussrohr in der falschen Richtung voran.

Erst wenn man diesen von Furchtsamkeit verengten Schließmuskel der Macht passiert hat, öffnet sich die Pracht der Weltherrschaft. Man geht noch hundert Meter unter freiem Himmel, betritt den östlichen Flügel des Weißen Hauses. Und plötzlich fängt das Tageslicht sich in matt spiegelnden Holzpaneelen und Ölgemälden: Wir sind angekommen. 19. Jahrhundert. Es ist nun so, als wäre man auf einem riesigen Schiff, welches seit Langem alle Weltmeere befährt. Der Admiral ist noch im Kartenraum, aber gleich wird er sich zu uns gesellen. Wir sind im Weißen Haus, nichts Schlimmes kann uns mehr zustoßen.