An Hochschulen und Akademien, an denen Datenfälschung bekannt wird, entsteht nicht nur Erstaunen, wie so etwas geschehen konnte. Es wird auch versucht, durch Verpflichtung auf Normenkataloge für gute wissenschaftliche Praxis und Ethikkurse für angehende Forscherinnen und Forscher dergleichen in Zukunft zu verhindern. Doch solche Reaktionen verkennen die "Tiefe" der Schwierigkeiten, in die institutionalisierte Wissenschaft geraten ist und die mit Problemen zu tun haben, vor die auch säkulare westliche Demokratien gestellt sind.

Man kann unter "Demokratie" mit John Dewey, dem großen amerikanischen Philosophen des Pragmatismus im letzten Jahrhundert, ein gesellschaftliches (und nicht nur politisches) Projekt verstehen. In ihm versuchen egalitäre Gemeinschaften, sich in Autonomie so zu entwickeln, dass sie in der Lage sind, sich selbst Normen und Ziele zu geben. Sie lassen sich diese nicht von einer religiösen, wissenschaftlichen oder militärischen Elite vorgeben. Heute muss man feststellen, dass Demokratie im Deweyschen Sinne kaum noch ein lebendiges Projekt ist. Denn westliche Demokratien sind, wie unter anderem Colin Croach in seinen Büchern zeigt, dabei, sich moralisch zu entkernen.

Den "Kern" demokratischer Gesellschaften bilden individuelle Gewohnheitsmuster und gemeinschaftsbildende Zielvorstellungen, die es ermöglichen, demokratische Projekte und Institutionen mit Leben zu füllen. Dieses Leben ist ein überindividuelles. Doch die Möglichkeiten, solche Gewohnheitsmuster und Zielvorstellungen auszubilden, sind durch die Folgen der Konkurrenzgesellschaft, die das Marktmodell auf eine groteske Weise verallgemeinert hat, so gut wie zerstört worden. Die hier gemeinten demokratischen "Kernkompetenzen" sind erstens: die kognitive und emotionale Fähigkeit von Individuen, sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen. Denn nur Perspektivenwechsel erlaubt es, mit anderen eine norm- und zielsetzende Gemeinschaft zu bilden (Empathie). Zweitens: die Anerkennung fremder Lebensentwürfe, die nicht den eigenen Vorstellungen folgen. Denn nur aufgrund solcher Anerkennung können aus einander fremden Lebensentwürfen neue gemeinschaftliche Projekte entstehen (Toleranz). Drittens die Kompetenz, wirtschaftlich und auf andere nicht private Weise Kooperationen auch mit Menschen einzugehen, die andere Lebensentwürfe als man selbst verfolgen (Vertrauen). Und schließlich viertens der Wille und die Kreativität, gemeinschaftliche Ziele zu entwickeln, die nicht nur die kurzfristigen Interessen der jeweils agierenden Einzelnen betreffen (langfristige, mehrere Generationen betreffende Teleologien).

In Konkurrenzgesellschaften ist die ursprünglich von Adam Smith mit vielen Einschränkungen und nur für das Wirtschaftsleben formulierte These, dass das Streben nach partikularem Eigennutz und die sich daraus ergebende Konkurrenz auf Märkten den allgemeinen Wohlstand fördere, praktisch zu einer metaphysischen Werttheorie umgedeutet worden. Nach ihr sind individuelle Nutzenmaximierung und Durchsetzungsfähigkeit in Konkurrenzen ohne weitere Rechtfertigung an sich gut und dienen angeblich in allen gesellschaftlichen Bereichen der Optimierung. Die auf der Grundlage dieser Wertemetaphysik operierenden Erziehungssysteme haben entsprechend einen narzisstischen Persönlichkeitstyp begünstigt, der nur eine verminderte Fähigkeit zur Empathie und Vertrauensbildung besitzt, aber einen starken Willen zur Durchsetzung eigener Interessen. Auf der Ebene der Gemeinschaften resultiert daraus eine synchrone und diachrone Entsolidarisierung, die es weitgehend unmöglich macht, generationsübergreifende Projekte zu verfolgen. Die demokratische Herrschaftsform wird zu einer politischen Randbedingung, mit der die Individuen in ihrer Vorteilssuche zu rechnen haben. Demokratie als soziales Projekt verschwindet. Denn den in Konkurrenzgesellschaften erfolgreich Erzogenen ist nicht verständlich zu machen, warum sie partikulare Interessen langfristigen Zielen unterordnen und sich für die Mithilfe am Erreichen langfristiger Ziele bilden sollen. Bildung wird vielmehr ebenfalls zu einer streng individuellen Investition in möglichst günstige Ausgangsbedingungen im allgemeinen Konkurrenzkampf.

Weil Wissenschaft und Kunst in einem gesellschaftlichen Kontext stattfinden, ist diese moralische Entkernung westlicher Demokratien an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Auch Wissenschaft und Kunst werden heute marktförmig gestaltet. Wissenschaftler und Künstler konkurrieren jeweils untereinander um Fördermittel, Aufmerksamkeit und Verkaufspreise. In der Wissenschaft gab es jedoch seit der modernen Aufklärung (also seit circa 1600) das Projekt der kollektiven Wahrheitssuche, exemplarisch formuliert in Newtons Aussage, er habe nur deshalb so weit sehen können, weil er auf den Schultern von Riesen stand; er meinte damit Galilei, Kepler und Kopernikus. Dieses kollektive Erkenntnisprojekt entstand aus der Einsicht, dass Wahrheit im Sinne eines sich auch praktisch bewährenden Verständnisses der Wirklichkeit nicht durch plötzliche Erleuchtung oder die richtige Entzifferung eines offenbarenden Textes, sondern nur durch mühsames, viele Generationen überdauerndes Nachdenken und Forschen zu gewinnen sei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

Auch wenn das Projekt der aufgeklärten Wissenschaft nicht das einer sozial verstandenen Demokratie ist, so teilen beide Vorhaben doch ein Element: die Überzeugung, dass das Richtige (im einen Fall das gemeinschaftliche Leben, im anderen die richtige Einsicht) nur in einem sehr langen, eventuell Jahrhunderte dauernden kollektiven Streben zu gewinnen ist. Wer zur Verfolgung von generationenübergreifenden gemeinschaftlichen Projekten nicht in der Lage sei, taugt deshalb weder für eine Deweysche Demokratie noch für aufgeklärte Wissenschaft.