Am 9. Mai feiert die EU den Europatag: Seit ebenjenem Tag im Jahr 1950, als ein gemeinschaftlicher Verbund für Kohle und Stahl gegründet wurde, hat sich viel verändert. Man könnte wohl feststellen, noch nie sei ein Europatag unter derart düsteren Zeichen begangen worden. Wenige Wochen vor einem möglichen britischen Austritt, inmitten einer aus Flüchtlings-, Staatsschulden- und Solidaritätskrise erwachsenen Superkrise, ist die Stimmung apokalyptisch. Keine Begeisterung für die EU, miserable Wahlbeteiligung bei EU-Wahlen – wer hat ernsthaft Lust, Europa zu feiern?

Die Antwort: Ziemliche viele Leute! Während es nämlich im politischen Brüssel, in den Hauptstädten und auf endlosen Sondergipfeln nur so frustet, arbeitet Europas Zivilgesellschaft schon seit Jahren weitestgehend unabhängig von Brüssel oder Straßburg an eigenen Vorschlägen, Ideen und Konzepten für Europa und dessen Zukunft. Wer sich in dieser Szene der NGOs, Bürgerbewegungen und zahlloser Querdenker bewegt, stellt sofort fest: Egal was in Brüssel geschieht oder nicht geschieht, die europäische Idee steht hier erst am Anfang. Sie ist quicklebendig!

Tatsächlich bedeutet Europa ja weit mehr, als die EU umfasst oder umfassen kann. Europa steht für einen geografischen Raum, im gleichen Maße aber auch für einen Werteraum, für Demokratie, Gleichheit vor dem Gesetz und Freiheit. Spricht man mit jungen Menschen in Osteuropa, zum Beispiel in der Ukraine oder Georgien, so bedeutet der Begriff Europa hier in erster Linie genau das: Freiheit, sowohl vor Gewalt als auch vor autoritären Vorgaben des eigenen Lebenswegs. Europa als ein Raum der Möglichkeiten, der Individualität, des Schutzes. In der Europaszene der Zivilgesellschaft steht die Union für Werte, die unabhängig von tagespolitischen Stimmungsschwankungen Bestand haben. Anzeichen dieser sich stetig besser organisierenden zivilgesellschaftlichen Strömung zeigen sich in der linksgerichteten DiEM25-Bewegung, der Democracy in Europe Movement 2025, die seit ein paar Monaten europäische Städte aufmischt und sich aus denjenigen speist, die Europa wollen, aber die die EU in aktueller Form zu unsolidarisch finden und das verändern wollen. Nicht alle gehen so weit wie DiEM25, aber die Tendenz ist klar: Wer Europa will, kann daran auch ohne die EU arbeiten.

Eine der europäischen Vordenkerinnen ist Ulrike Guérot. Seit zwei Jahren skizziert sie auf Podien, Konferenzen und nun an ihrem neuen Buch Warum Europa eine Republik werden muss ein postnationalstaatliches Europa. Die Europäische Republik nennt sie das und begeistert damit stetig wachsende Zuhörer in Deutschland und darüber hinaus. Wie sollte Europa in 100 Jahren aussehen? Guérot entwirft das Bild eines dynamischen Netzwerks aus Regionen und Städten, über die das schützende Dach einer Europäischen Republik gespannt wird – alle europäischen Bürger werden politisch einander gleichgestellt. Das heißt konkret: Gleichheit bei Besteuerung, gleicher Zugang zu sozialen Rechten und gleiches Wahlrecht. Im großen Maße bewegt sich ihr Vorschlag außerhalb der Denkmuster der EU und wagt einen völlig neuen Wurf – ein Kontinent ohne Nationalstaaten und -interessen. Man muss Guérot nicht in allem zustimmen, um aus ihrem Werk zu lernen, dass Europa durchaus auch post-EU gedacht werden kann.

Konkret im Heute und für eine europäische Verständigung engagiert sich die Europakennerin Verena Ringler. Zusammen mit der Stiftung Mercator, dem German Marshall Fund und weiteren Stiftungen und NGOs setzt die Österreicherin auf die Kraft des persönlichen Austausches. Mitglieder nationaler Parlamente werden zusammengebracht, sprechen miteinander und arbeiten zusammen an Projekten und Ideen. Der Coup: Das Ganze wird unabhängig von der EU organisiert und durchgeführt und schafft hochrangigen europäischen Austausch ohne Zwischenstopp in Brüssel. Der Lerneffekt: Zivilgesellschaft stößt reale politische Zusammenarbeit an, bietet Initialzündung für neue Ideen und schafft Räume für Dialog- und Projektentwicklung.

Den Trend der neuen unabhängigen proeuropäischen Zivilgesellschaft weiterzudenken hat sich die Journalistin Evelyn Roll auf die Fahne geschrieben. In ihrem neuen Buch Wir sind Europa ruft sie zivilgesellschaftliche Akteure in Europa auf, sich zusammenzuschließen und eine neue proeuropäische Bewegung zu begründen. Viel Potenzial wachse für Europas Zukunft außerhalb der jetzigen Parlamente und Machtstrukturen.

Was Guérot, Ringler und Roll gemeinsam haben, ist die Überzeugung, jetzt und heute für Europa in die Bresche springen zu müssen – alleine oder mit ein paar Gleichgesinnten, aber ganz ohne politische Entscheidung von ganz oben. Die drei Frauen, die nur als Beispiel stehen, für Tausende andere Individuen, kleine und auch große Organisationen, beweisen, dass Europas Zukunft wegweisend außerhalb der etablierten Parlamente und Strukturen längst begonnen wird. Europas vitale Zivilgesellschaft wurde bisher oft unterschätzt und hat lange auf den hinteren Bänken gesessen. Doch die Zeit, in der die Zivilgesellschaft nur Policy Papers produziert und Demonstrationen organisiert, ist in Europa Geschichte. Europas Zivilgesellschaft ist zum Motor eines neuen, bürgernahen und demokratischen Europas geworden. Hier wird handfest an der Zukunft gearbeitet. Zum Europatag dieses Jahres sollten wir uns daher nicht bloß der großen und natürlich wichtigen Institutionen und Menschen erinnern, sondern einen genaueren Blick wagen in die Welt der aktiven Zivilgesellschaft, für die jeden Tag Europatag ist und die schon jetzt die Zeit nach der Krise vorbereiten.

Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer sind die Gründer des Think-and-Do-Tanks "Institute of Europe" in Berlin