Alter, was ist los in Hamburg? Kaffee-Entrepreneur Albert Darboven feiert 150. Firmenjubiläum, einschließlich Festakt im Rathaus, aber der Sohn kommt nicht. Dafür taucht er in einer Wirtschaftszeitung auf, im Interview, und rechnet mit dem Vater ab.

Gastro-Unternehmer Eugen Block wirft den Filius aus der Geschäftsführung, ansonsten bringt er die Direktoren seines Hotels Grand Elysée zur Verzweiflung. Gerade hat Nummer 17 abgedankt.

Brillen-Multi Günther Fielmann freut sich in der Presse über seinen begabten Sohn und sagt dann Sachen wie: "Er hat genug Zeit, sein Talent zu entwickeln. Aber ich habe einen Plan B."

Die Patriarchen misstrauen den Söhnen, die Söhne rüsten zum Kampf oder suchen das Weite: Man kennt dieses Muster aus der Literatur. Thomas Mann hat die Konstellation in seinem berühmtesten Roman beschrieben. Da heißt der Alte Thomas Buddenbrook, ist Senator und Unternehmer; er hat einen leicht flatterhaften Bruder, Christian, den er aus der Firma schmeißt, und einen Sohn, Hanno. Legendär ist das Desinteresse dieses Hanno an merkantilen Dingen, er liebt die Kunst und den Müßiggang, ein Ästhet, der unter seinen Namen in der Familienchronik einen Strich zieht: "Ich glaubte, es käme nichts mehr."

Natürlich kommt noch etwas für die Darbovens, Fielmanns und Blocks, ihre Clans sind nicht erschöpft vom Lebens- und Zivilisationsekel wie der kleine Hanno. Aber das Misstrauen der Firmenchefs, ihr vehementes Bestehen auf Tradition und Konvention, das ist das entscheidende Buddenbrooks-Motiv. Dass der Prinzipal an der Familie als Ertragsmodell festhält und auf die Nachfolge aus dem eigenen Genpool besteht, wird in einer sich immer schneller wandelnden Gesellschaft zum Problem. Der Lübecker Weltautor hat das in seinem Romanporträt der hanseatischen Bourgeoisie vorausgesehen.

Vater-Sohn-Beziehungen sind prägend für die deutsche Wirtschaft: Neunzig Prozent aller Firmen und Konzerne im Land gehören einem einzelnen Unternehmer oder einer Familie, und bis 2018 sollen rund 2.700 Firmen pro Jahr an die nächste Generation übertragen werden. Familienbetriebe wie Darboven kommen für 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Jobs auf. Sie gelten als krisenfest, und wenn sie an der Börse notiert sind, ist ihr Image überdurchschnittlich gut.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 20 vom 4. Mai 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Was diese Zahlen allerdings verschweigen: Wie hoch der Buddenbrooks- Faktor ist – diese Mischung aus Rebellion gegen den Vater einerseits und andererseits dem Wunsch nach Sicherheit in einer geordneten Struktur, wo die Rollen festgelegt sind und nicht, wie draußen, außerhalb der Familie, immer wieder neu ausgehandelt werden. Väterlicher Machtwille, Revoltepotenzial des Sohns, Traditionsliebe, antikapitalistische Skepsis – das sind die Buddenbrooks-Konstanten. Mit ihnen vermessen wir eine Beziehungskiste, die Hamburg prägt wie kaum eine andere Stadt.

Sind das die neuen Buddenbrooks?

Darboven: Albert Darboven, Arthur Ernesto Darboven

Das Gesicht von Albert Darboven verbinde ich mit Kaffee, seitdem ich das Wort aussprechen kann", sagte Olaf Scholz im März bei einem Festakt zu Ehren von Albert "Atti" Darboven, 80. Seit 1960 ist Atti der Boss der Firma, 1.100 Arbeitsplätze, 320 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr.

Sohn Arthur Ernesto, 53, hat eigentlich alles richtig gemacht: Studium in den USA und in der Schweiz, Traineeship beim Kaffeehändler Volcafé, ab 2000 fest im Sattel als Co-Chef. 2008 forderte der Prinzipal überraschend die übertragenen Firmenanteile zurück. "Ich bin ihm zu nahegerückt", sagt Arthur. Und: "Die Zukunft der Firma hängt in der Luft."

Vermutlich hängt eher Arthur Ernesto in der Luft, denn Atti sagt: "Die nächsten fünf Jahre habe ich fest im Blick. Ich kann es einfach nicht lassen."

"Buddenbrooks"-Faktor: 4/4

Fielmann: Günther Fielmann, Marc Fielmann

Siebenhundert Filialen, Konzernumsatz 2015: 1,3 Milliarden Euro. Der Börsengang hat sich gelohnt (Marktwert der Schleif und Guck AG: 5,2 Milliarden), auch wenn 72 Prozent der Aktien weiterhin in Familienbesitz sind. Günther Fielmann ist Traditionalist.

Und Perfektionist: "Jedes neue Brillenmodell geht durch meine Hand. Ich entscheide über Design, Entwicklung und Produktion." Also über alles.

Und was bleibt für Marc Fielmann, 26, zu tun? Er ist im Vorstand, zuständig für Marketing. Marc Fielmann beschäftigt sich zum Beispiel mit der "Videozentrierung in den Niederlassungen". Das klingt schon sehr kreativ.

Eigentlich hätte er gern ein bisschen mehr Zeit gehabt für den neuen Posten, aber der Vater sagte: "Man kann sich nicht nur nach dem eigenen Wunsch richten."

"Buddenbrooks"-Faktor: 2/4

Budnikowsky, Block, Otto & Reemtsma

Budnikowsky: Cord Wöhlke, Christoph Wöhlke

Es begann 1912, Iwan Budnikowsky eröffnete sein erstes Geschäft, 25 Quadratmeter, Seifen und Putzmittel. Heute sind es 182 Filialen und 1.900 Mitarbeiter.

Cord Wöhlke, 65, der amtierende Chef, ist ein liberaler Patriarch, eigentlich wollte er nach der Banklehre Philosophie studieren oder Theologie, aber irgendwie war Budni dann doch reizvoller als Dogmentheorie und Strukturalismus.

Sein Sohn Christoph, 37, hat schon im Alter von sieben Jahren Regale eingeräumt, er verfügt also bereits über drei Jahrzehnte Budni-Training. "Ich bin noch relativ jung", sagt der für Marketing zuständige Vorstand, "es ist sehr wertvoll, vom Vater begleitet zu werden."

Fragt sich nur, wie lange. Cord Wöhlkes Assistentin meinte neulich, sie habe noch siebzehn Jahre bis zur Rente. Da hat sich der Chef gefreut: "Vielleicht höre ich dann auch auf!"

"Buddenbrooks"-Faktor: 2/4

Block: Eugen Block, Dirk Eugen Block

Der Senior ziehe sich zurück, hieß es in der ZEIT. Das war 1990. Eugen Block, 75, ist immer noch da. "Statistisch habe ich noch zehn Jahre", sagt der Gründer der Block-House-Kette (40 Steakhäuser). "Aber ich werde natürlich hundert."

Sohn Dirk Eugen, 40, kann also noch mal 25 Jahre warten. In dieser Zeit hat er dann auch den Rausschmiss aus der Geschäftsleitung verdaut, 2011 war das, es ging angeblich um die Hängelampen, die dem Alten nicht gefielen. Vielleicht war es auch die Farbe der neuen Servietten – Block gilt als äußerst penibel ("Darauf bin ich sehr stolz").

Auch seine geschäftlichen Ziehsöhne werden permanent entmachtet, im Schnitt scheitern im Grand Elysée Hotel zwei Direktoren pro Jahr (Body Count bislang: 17).

Letztlich gilt der Satz von Dirk Eugen: "Es kann immer nur einen Bullen auf der Weide geben. Mein Vater hat sehr deutlich gezeigt, dass er das ist."

"Buddenbrooks"-Faktor: 4/4

Otto: Werner Otto, Frank Otto

Werner Otto (gestorben 2011) gründete 1949 den Otto-Versand. Als Sohn Michael, 73, in den Vorstand kam, trauten ihm die Kollegen nichts zu, "Öko-Spinner" hieß es, zu soft sei er. Er hat es ihnen dann richtig gezeigt, der Umsatz der Otto-Gruppe beträgt heute rund zwölf Milliarden Euro.

Michaels Sohn Benjamin, 40, hatte offenbar keine Lust auf den Geschäftsposten, er wurde "gestaltender Gesellschafter", eine Art Kreativchef für Strategiefragen. Den harten Managerjob macht Hans-Otto Schrader, der sich neuerdings von den 53.000 Mitarbeitern per Memo-Verfügung duzen lässt.

Komplett ausgeschert ist Frank Otto, 48, Michaels Halbbruder. Er studierte Kunst, spielte Schlagzeug und macht heute in Medien (Hamburg 1, Hamburg Zwei). Als Milieu-Rebell dater er das Starlet Natalie Volk ("Unser Spielraum in Sachen Treue ist ein bisschen größer").

"Buddenbrooks"-Faktor: 3/4

Reemtsma: Philipp Fürchtegott Reemtsma, Jan Philipp Reemtsma

Einmal sprach ihn ein langjähriger Reemtsma-Mitarbeiter auf der Straße an: "Als ich Sie eben gesehen habe, meinte ich, Sie wären Ihr Vater." – "Etwas Schlimmeres hätten Sie mir nicht sagen können", entgegnete der Gelehrte.

Dieser Vater, Philipp Fürchtegott Reemtsma (1983 bis 1959), war in Geschäftsdingen strikt, in ideologischen Fragen eher lax (Spenden an die Nazis, Nähe zu Hermann Göring). Dass sein Sohn Jan Philipp, schon in jungen Jahren ein angehender Star der deutschen Soziologie und Germanistik, auf Abstand gehen würde, war klar. 1980 verkaufte er die mehrheitlich ihm gehörende Firma Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH an die Hamburger Tchibo.

Anders als Hanno war Jan Philipp Reemtsma nie vom Ennui geplagt. Bis heute wirkt er mit Eifer und Unternehmertalent als Mäzen, Schriftsteller und Kritiker.