Sie starren aufs Smartphone und laufen vorbei. Viel Aufmerksamkeit bekommt der öffentliche Raum nicht mehr. Jeder ist mit seinem privaten kleinen Raum auf dem Display beschäftigt. Schon wird erwogen, Bodenampeln einzurichten, angepasst an den stets nach unten aufs Gerät gepressten Blick, damit kein Smartphoner ins Auto läuft.

Wen interessieren da Mahnmale, Erklärtafeln, Gedenkplaketten? Dabei sind auch sie nur Links, Links zu einer glorreichen oder grässlichen Vergangenheit. Und es gibt immer mehr davon. Vor allem zur Nazizeit. Bis in die siebziger Jahre hinein herrschte das große Schweigen, seither wird aufs Heftigste getäfelt und plakettiert – bis hin zu den "Stolpersteinen" im Pflaster, für den Blick nach unten wie gemacht. Oft allerdings ist das Gedenken bloße Formel. Oder so kunstvoll, dass man die Botschaft kaum entschlüsseln kann und der Link ins Leere geht, host not found.

1 + 2 Gedenken, ohne zu erinnern

2 Ebenfalls zum Novemberpogrom 1938, Schleusenbrücke © Alexander Kadow für DIE ZEIT

Gleich beim Rathaus, nahe der Rathausschleuse, befinden sich auf dem kurzen Weg zum Neuen Wall diese beiden gut gemeinten Wandtäfelchen. Das erste, zwischen Puma und Möhring, erinnert an das Modehaus Robinsohn, das andere, zwischen Cos und Boss, an das Modehaus Hirschfeld.

Der Betrachter rätselt: Irgendetwas muss an diesem 9. November 1938 hier passiert sein. Etwas Schreckliches. Aber was, um Himmels willen?

War es Wasser? War es Feuer? Ein Erdbeben? Brach ein Rohr? Drang Wasser aus dem Fleet herein? Traf ein Blitz die beiden Häuser? Oder war es Menschenwerk? Aber wer? Warum?

Man weiß es nicht. Man erfährt es nicht. Die Tafeln sagen es uns nicht. Es muss etwas Unsägliches, Unsagbares gewesen sein. Etwas, über das alle in der Stadt Bescheid wissen, aber niemand zu sprechen wagt. Warum auch immer.

3 Das passte nicht mehr drauf

3 Kulturdenkmal-Tafel am Brahmskontor, Johannes-Brahms-Platz © Alexander Kadow für DIE ZEIT

Erklärt wird andernorts. Dafür gibt es die blauen Emailletafeln mit weißer Schrift zu den "Hamburger Bau- und Kulturdenkmalen" aus dem hochlöblichen Amt für Denkmalschutz, die sich überall an historischen Gebäuden finden. Stets lesenswert und eine kleine Smartphone-Pause wert.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 20 vom 4. Mai 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Auch in der Arkade des Brahmskontors vis-à-vis der Laeiszhalle in der Neustadt hängt eine. Bauherr des mächtigen Klotzes, so erfahren wir dort, sei Anfang der dreißiger Jahre der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband gewesen. Das klingt harmlos. Verschwiegen wird, dass dieser Verband eine Angestelltengewerkschaft war, die sich, fanatisch antidemokratisch und antisemitisch, schon früh dem Nationalsozialismus zuwandte. Zu seinen Funktionären gehörte der Bankkaufmann Albert Forster, der als Gauleiter von Danzig zu einem der brutalsten Massenmörder des Regimes wurde.

Verschwiegen wird vor allem, dass hier die verbandseigene Hanseatische Verlagsanstalt ihren Sitz hatte, die völkisch-faschistische Autoren wie Arthur Moeller van den Bruck (Das Dritte Reich) und Ernst Jünger druckte und später mit dem NS-Juristen Carl Schmitt und Heinrich Himmlers SD zusammenarbeitete – ein Verlag mit "zentraler Brain-Trust-Funktion im NS-Staat", wie der Leipziger Buchwissenschaftler Siegfried Lokatis schreibt. Nicht der Erwähnung wert? Oder war nur die Tafel zu klein?

Der Betrachter erfährt absolut nichts

4 Stifter unbekannt

4 Erklärtafel an der ehemaligen Bücherhalle, Kohlhöfen © Alexander Kadow für DIE ZEIT

Nicht weit vom Brahmskontor, in den Kohlhöfen, steht das Gebäude der 1997 aufgegebenen Bücherhalle A. Ein prachtvolles Gebäude: das erste eigens für Hamburgs Stadtbücherei errichtete Haus. Eine blaue Tafel wert, keine Frage. Wir erfahren den Namen des Architekten und noch so manches Detail, wie zum Beispiel, dass hier erstmals jedermann "freien Zugang zu den Büchern" hatte. In der Tat war die Bücherhalle Kohlhöfen eine vorbildlich moderne Einrichtung, zu der Volksbibliothekare aus ganz Deutschland pilgerten.

Nichts erfahren wir allerdings über denjenigen, der dieses großartige Pionierprojekt bezahlt hat. Wir erfahren nicht einmal seinen Namen. Er heißt Samuel Bernhard Kusel und war ein Hamburger Kaufmann. Aus seinem Vermögen flossen 150.000 Mark über die von ihm zu Ehren seiner Mutter errichtete Julie Kusel-Stiftung für den Bau der Bücherhalle. Die dankbaren Bibliothekare ehrten ihn und seine "patriotische Tat" – er war 1905 gestorben – gleich nach der Weihe des Hauses mit einem großen Bronzerelief im Foyer.

Die Tafel ist lange schon verschwunden. Die Nazis ließen sie sofort entfernen, nachdem sie Kusel als Juden identifiziert hatten. Das Gebäude überstand den Krieg. Doch nach 1945 kam natürlich niemand auf die Idee, das Relief zu erneuern, warum auch? Wen interessiert in der viel besungenen deutschen Stifterhauptstadt Hamburg schon der Name eines Stifters? Eines jüdischen Stifters.

Und so wird der Hamburger Patriot Samuel Bernhard Kusel in ungewollter Nazitradition ein weiteres Mal vergessen gemacht – ausgerechnet durch eine Tafel, die erinnern soll.

5 Kunst!

5 Zur Erinnerung an die Opfer der NS-Justiz, Sievekingplatz © Alexander Kadow für DIE ZEIT

Da hilft kein Googeln. Was soll dieses Ensemble vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht am Sievekingplatz nur bedeuten? Wir sehen metallene Hocker mit angerosteten Pflanzkübeln, dahinter eine breite Wand mit einer Art Fototapete von Hamburg. Ist es eine Erinnerung an die Bundesgartenschauen von 1953 und 1973? Oder nur ein kleiner Ausbruch floraler Dekorationslust wie der beliebte Blumenpfau ein paar Meter unterhalb in den Wallanlagen?

Nichts von alledem. Denn betrachten wir die Panoramawand von hinten, so finden wir dort in riesigen Ziffern die Jahreszahl 1933. Es hat also etwas zu bedeuten!

Aber was? Zweifellos ist es Kunst. Eine Installation. Gloria Friedmann heißt die Künstlerin, die das Werk 1997 schuf, und erinnern soll Hier + Jetzt auf dem Gerichtsforum an die Opfer der NS-Justiz. Tatsächlich aber erinnert das Werk der Documenta-erprobten Künstlerin nur an eins: an jenes wackere Installationsschaffen, wie es uns aus jedem deutschen Kunstverein wichtigtuerisch entgegenfuchtelt.

Immerhin, eine leicht zu übersehene dunkle Tafel im Boden bemüht sich um Interpretation. So stehen die Kübelpflanzen ("einheimische und fremde, heilende und giftige, dornige und mimosenhafte") für die "Hamburger Bevölkerung": "In ihrer Vielfalt haben alle den gleichen Anspruch auf Pflege so wie die Menschen den Anspruch auf Gleichheit vor dem Recht." Absolut nichts erfährt der Betrachter allerdings hier und jetzt von dem Schrecken der NS-Jahre, nichts über die Opfer, die Täter. Kein Name, kein Gesicht.

6 Im Textverhau

6 Das neue Deserteursdenkmal am Dammtor © Alexander Kadow für DIE ZEIT

Ganz anders, ganz das Gegenteil sollte Hamburgs neuestes Denk- und Mahnmal werden. Zu Ehren der Deserteure und aller von den Terrorjuristen der Wehrmacht ermordeten Menschen wurde es im November am Dammtor eingeweiht – zwischen dem "Kriegsklotz" von 1936 ("Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen") und Alfred Hrdlickas Denkmalfragment von 1983/86 zur Erinnerung an den Bombenkrieg und die Tragödie der Cap Arcona. Entworfen hat es der Künstler Volker Lang.

An Texten, an Erläuterungen, Zitaten, Namen mangelt es hier nicht. Der improvisierte dreieckige Raum, mit zwei Wänden aus Bronzebuchstaben und einer aus Beton, ist geradezu eingekleidet in Schrift, umstellt von Texten. Knöpfe sind zu drücken: Wir hören experimentelle Collageprosa von Helmut Heißenbüttel und versuchen dabei, seine Worte in den Bronzezeilen zu entdecken. Mit weiteren Knöpfen wird Schicksal zugeschaltet: Eine monotone Stimme verliest die Namen der Ermordeten und das "Urteil"; mehr als Alter, Dienstgrad, Todesort und -datum erfahren wir allerdings nicht.

An der Betonwand rieseln noch mehr Texte hinab, auf die wir uns leider, solange das Band läuft, nicht konzentrieren können. Die Wörter sind ohnehin, blind in weißen Grund geprägt, kaum wahrzunehmen. Das alles ist nicht zum Lesen gedacht, sondern zum Entziffern.

Zweifellos ein brillantes Oberseminar zum Thema Sprache und (Justiz-)Gewalt. Zweifellos erfüllt von dem redlichen Bemühen, wissenschaftlich fundierte Aufklärung zu formulieren. Aber ohne ein paar Semester Germanistik nicht zu begreifen.