5.

Die Verdammtesten dieser Erde als Gleiche anzuerkennen und sie dann, wenn sie aus Not flüchten, in Europa aufzunehmen beziehungsweise sie in ihren Heimatländern in nie gekannter Dimension zu unterstützen und das Geld dafür dort zu holen, wo es ist, nämlich bei den Profiteuren des globalen Marktes, das traut sich die Linke in Europa offenbar nicht zu. Darum flieht sie in nationalstaatliche Illusionen.

Von dieser kraftlosen Vergeblichkeit ist vielerorts auch das linke, intellektuelle Denken geprägt. Es zirkuliert allzu oft in unterhaltsamen und klugen Dekonstruktionen der eigenen normativen Position, bis von ihr außer einer ästhetischen Spur der entschiedenen Unsicherheit nichts mehr bleibt. Das sind hilflose Reflexe auf das vermeintliche Fehlen einer politischen transnationalen Handlungsoption. Doch sollten die vielen Bewegungen, die sich über nationale und kulturelle Grenzen hinweg nicht mit dem Bestehenden abfinden wollen, zum Anlass genommen werden, neue Formen der Politik zu denken, die gleichzeitig realistisch und utopisch sind und weder in ihrer Problemanalyse noch normativ schwanken.

Denn es kann nicht sein, dass die welthistorische Situation, die nach einer umfassenden Analyse struktureller Ungerechtigkeit und einer entsprechenden transnationalen Perspektive verlangt, von der Linken nur mit Eskapismus, Nationalismus und Müdigkeit beantwortet wird, während die beiden Seiten der Konservativen die Zukunft Europas gewissermaßen unter sich auswürfeln, wie es sich in Frankreich, in Deutschland, in Großbritannien und in anderen Ländern abzeichnet. Mal hat die liberal-global-konservative Marktseite die Oberhand, mal die national-konservative mit ihren Fremdenfeindlichkeitsauswüchsen. Und linke Parteien sind hin- und hergerissen, sehen aber keinen Weg, den nationalen gordischen Knoten hin zum Transnationalen zu durchschlagen. Jeder sieht nur auf seine Nationalökonomie, seine Wähler – und verliert die Zusammenhänge aus dem Blick. Vielleicht ist es aber auch die verständliche Scheu vor dem guten alten Klassenkampf, die den Blick verengt. Die Frage ist, ob es internationale Lösungen geben kann ohne eine Auseinandersetzung mit "denen da oben", mit den internationalen Profiteuren einer Globalisierung, die nun die Ärmsten buchstäblich vor die Haustür der Zweitreichsten bringt.

6.

Das Fälligwerden der Rechnung zwischen dem Westen und dem globalen Süden erfordert ein neues Denken, das über die bisher angezielten Politiken der Inklusion weit hinausgeht – sozusagen als Abschaffung des Außen. Bis zuletzt war das Internationale der Raum, in dem das Naturrecht des Stärkeren vorherrschte oder nur in Ansätzen gezähmt werden konnte – und somit auch der Raum, in dem sich eine tiefe Ungerechtigkeit abspielen konnte, ohne dass sie zum Skandal hätte gemacht werden können. Dies auch deshalb, weil international neben der Friedensrhetorik keine Sprache der Un-Gerechtigkeit einen Platz zu haben schien; dies war alles innerstaatlich zu organisieren. So hielt sich eine labile Asymmetrie, in der der Westen importieren und exportieren, also globalisieren konnte, wie es ihm beliebte, ohne dass die Bürger, Produzenten und Konsumenten des Südens in die Bedingungen dieser Globalisierung nachhaltig eingreifen konnten. Jetzt importieren sie zurück, und zwar nicht nur als Import ihrer selbst (Flucht), sondern auch dadurch, dass sie Einspruch erheben, etwa auf der Ebene der G 20 oder der Welthandelsorganisation. Aber noch werden diese Stimmen kaum gehört – und wer, wenn nicht progressive Parteien, sollte ihnen Gehör verschaffen? Wer, wenn nicht sie, kann transnationale demokratische Öffentlichkeiten schaffen, die die Selbstbezogenheit nationalen Denkens überschreiten?

Das Überhören der Ansprüche der Übervorteilten bedeutet den Ernstfall für die Universalität der Menschenrechte, für den Humanismus, für den Sozialismus oder für das gern in Anspruch genommene Christentum des Westens, wenn es darum geht, zu begründen, wo die Grenzen der Integration liegen. Das System, mit dem wir uns diese tiefe globale Ungerechtigkeit vom Leib gehalten haben, ist dabei zusammenzubrechen. Die Flüchtlinge zwingen in den Augen vieler dazu, unsere Privilegien an unserer Haustür zu verteidigen, damit tritt aber auch ihr barbarischer Charakter hervor. Das "gute Leben" auf Kosten oder unter Vernachlässigung anderer kann nicht mehr mit gutem Gewissen weitergeführt werden.