Debatte: Ist der Islam reformierbar? Ufuk Özbe schrieb, eine Reform des Islams sei unmöglich. Jetzt widerspricht ihm der Theologe Abdel-Hakim Ourghi. Die Juristin Seyran Ateş fordert eine liberale Moschee.

Darf der deutsche Staat Moscheen observieren? Das hat neulich der Fraktionschef der Union, Volker Kauder, gefordert – mit Recht. Denn wo in deutschen Moscheen ein verfassungsfeindlicher Islam gepredigt wird, aber auch dort, wo ein konservativer Islam zur Radikalisierung von Jugendlichen beiträgt, ist Kontrolle nötig. Die übt der Staatsschutz in einigen muslimischen Gotteshäusern bereits aus. Ja, rechtzeitige Prävention ist vernünftiger als bloße Reaktion auf islamistische Gewalttaten. Doch dürfen deshalb nicht sämtliche Muslime unter den Generalverdacht des Fundamentalismus oder gar des Terrorismus gestellt werden.

Zur Religionsfreiheit gehört, dass jeder seinen Glauben ohne staatliche Aufsicht ausüben darf. Wir in Deutschland lebenden Muslime könnten dazu beitragen, dass eine Überwachung von Moscheen unnötig wird – indem wir uns an der Aufklärung des Islams beteiligen.

Ist der Islam reformierbar? Natürlich! Eine Reform unserer Religion ist möglich. Wir müssen es nur wollen. Seit der Zeit um 1.800 ringen muslimische Gelehrte um eine Erneuerung des Islams. Damals erstarkte die westliche Kultur, während die Muslime in eine Sinnkrise gerieten – die bis heute andauert. Wie schon vor 200 Jahren beschwören viele Islamgelehrte noch immer die frühislamische Glanzzeit, aus der sie ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen schöpfen. Das entspricht jedoch nicht der heutigen Realität. Viele Muslime sind sozial benachteiligt oder fühlen sich vom Westen übervorteilt. Einige retten sich daher in ein Weltbild, das durch Herrschsucht und Zerstörungslust gekennzeichnet ist. Ihr Islam ist aggressiv. Wer das Gegenteil behauptet (nämlich: Der Islam sei nie etwas anderes gewesen als eine Friedensreligion), trägt zu Verklärung und Idealisierung bei. Er verhindert eine historisch-kritische Aufklärung. Die aber ist nötiger denn je.

Denn Horrormeldungen über islamistischen Terror gehören heute weltweit zum Alltag der Menschen. Die Wahrheit mag unangenehm klingen: Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht muslimische Täter im Namen ihres Glaubens exzessive Gewalttaten begehen. Das Problem verschwindet auch nicht dadurch, dass wir auf antiislamische Gewalttaten hinweisen. Dass es etwa in Deutschland immer mehr davon gibt, ist schrecklich. Es ändert nur nichts an dem Befund: Der islamistische Terror scheint sich seit dem 11. September weltweit zu verselbstständigen. Opfer sind in der Mehrheit Muslime, aber auch Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften. Die Schauplätze des Terrors sind längst nicht mehr nur Länder in der islamischen Welt, sondern westliche Metropolen.

Oft sind es dort aufgewachsene Muslime, die die tödliche Botschaft überbringen: "Ihr seid unsere Feinde, solange ihr so seid, wie ihr seid." Der militante Islamismus hat den Westen schon vor langer Zeit zum Feind bestimmt. Er ist ein Protest nicht nur gegen die westliche Lebensweise, sondern auch gegen eine Rationalität, die als Entfremdung empfunden wird. Alles, was sich der Herrschaft Allahs nicht unterordnet, gilt als verdorben, amoralisch und Indiz einer "Zeit der Unwissenheit" (dschahilija), wie es im Koran heißt. Gemeint ist die ganze vorislamische Ära, das "dunkle Zeitalter" vor dem 7. Jahrhundert.

Gegen diese antiwestliche Sicht steht heute der Wunsch vieler Muslime nach einem aufgeklärten Islam. Tatsächlich können wir uns nur durch Selbstaufklärung von der Last einer unreflektierten Kulturidentität befreien. Diese Befreiung beginnt durch eine innere Debatte.

Dazu müssen wir nicht die Glaubensgrundsätze des Islams angreifen, aber wir müssen sie kritisch reflektieren. Viele Islamgelehrte haben Angst vor Islamkritik, weil sie glauben, dass eine Kritik der kanonischen Quellen die muslimische Identität zerstört. Das Gegenteil ist wahr. Nur wer sich seines eigenen Verstandes bedient und Verantwortung übernimmt, ist als Glaubender in einer freien Gesellschaft glaubwürdig.

Die meisten Wortführer der muslimischen Gemeinden in Deutschland meinen, der Islam sei nicht reformierbar. Die Dachverbände fassen den Koran als Gottes unveränderliches Wort auf. Solche Ansichten sind denen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş verwandt, die behauptet: "Der islamische Glaube braucht keine Reformen, Veränderungen und Erneuerungen. Reformen sind nur in verdorbenen Religionen möglich." Ist es also ein Wunder, dass viele Muslime in Deutschland eine Islamkritik immer noch vehement ablehnen?