DIE ZEIT: Lieber Jan Böhmermann, am 31. März ist Ihr Satire-Video Schmähkritik bei ZDFneo auf Sendung gegangen, jetzt äußern Sie sich erstmals öffentlich, aber Sie beantworten unsere Fragen nur schriftlich. Warum?

Jan Böhmermann: Aus Bequemlichkeit. Und weil ich gerne der Erste in Deutschland sein möchte, der in einem ZEIT-Interview Emojis unterbringt. 😉

ZEIT: Von Menschen, die Ihnen nahestehen, hörte man, dass sie sich Sorgen um Sie machen. Wie geht es Ihnen tatsächlich?

Böhmermann: Ich bin ein wenig unausgeschlafen, ich vermisse meine Sendung und habe für meine Verhältnisse viel zu lange nichts mehr auf Twitter und Facebook gepostet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

ZEIT: Vor Ihrer Tür sind die Paparazzi immer noch nicht verschwunden, Sie standen unter Polizeischutz. Wurde Ihre Familie bedroht? Haben Sie Todesdrohungen erhalten?

Böhmermann: Ich habe gegenüber Freunden und meiner Familie in den letzten Wochen immer gesagt: "Das war eine wahnsinnig gute Nummer – bloß schade, dass sie von mir war." Künstlerisch war unser humoristisches Proseminar Schmähkritik ein unglaublicher Erfolg. Es hat viele überfällige Diskussionen ausgelöst, aber ich muss mich als Komiker auch nicht wundern, wenn da von der anderen Seite auch ordentlich was zurückkommt. Das ist nun mal mein Job. Als Privatperson waren die letzten Wochen für mich und mein Umfeld allerdings, ohne da näher ins Detail gehen zu wollen, ein wenig turbulent. Wenn eine deutsche Regierungschefin das freie Arbeiten eines deutschen Künstlers nicht verteidigt, sondern denjenigen und seine Arbeit ohne Not gegenüber einem wannabe- Diktator zur Verhandlungsmasse erklärt, hat das dramatische und ganz reale Konsequenzen – in diesem Fall für meine Familie und mich. Das hätte ich nicht gedacht, aber da muss man eben durch, nützt ja nichts.

ZEIT: Auf Ihrer Facebook-Seite haben Sie eine künstlerische Pause angekündigt. Wie lange wird diese Pause noch andauern?

Böhmermann: Am 12. Mai 2016 geht das Neo Magazin Royale in ZDFneo und im ZDF weiter. Und Olli Schulz (❤️‍❤️‍❤️‍) und ich werden uns auch gemeinsam zurückmelden.

ZEIT: Mit einigen Wochen Abstand betrachtet: Was um Himmels willen ist passiert?

Böhmermann: Ich habe versucht, meinen Zuschauern anhand einer knapp vierminütigen satirischen Nummer zu erklären, was eine freiheitliche und offene Demokratie von einer autoritären, repressiven De-facto-Autokratie unterscheidet, die sich nicht um Kunst- und Meinungsfreiheit schert.

ZEIT: Aus Ihrer Sicht: Waren die vergangenen Wochen ein guter oder ein schlechter Witz?

Böhmermann: Ein sehr guter Witz. Am allermeisten habe ich mich über die Tatsache amüsiert, dass die Chefin des Landes der Dichter und Denker offenbar nicht einen Moment über das Witzgedicht und besonders seine Einbindung nachgedacht hat, bevor sie sich mit ihrem öffentlichen Urteil blamiert hat. Ich habe mich noch gestern Abend gemeinsam mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan – wir folgen uns gegenseitig bei Twitter – per Direktnachricht über die Kanzlerin beömmelt. 😂😂😂😂😂"Bewusst verletzend", haha, da muss man erst mal drauf kommen. 😂😂😂

ZEIT: Machen Sie sich Vorwürfe?

Böhmermann: Nein. Machen Sie mir Vorwürfe?

ZEIT: Taten Sie sich in den vergangenen Wochen auch mal leid?

Böhmermann: Nein, ich neige nicht zu Selbstmitleid. Augen auf bei der Berufswahl! Außerdem gibt es im Moment in anderen Ländern, gerade auch in der Türkei, viele Kollegen, die mit deutlich härteren Konsequenzen ihrer künstlerischen oder journalistischen Arbeit zu kämpfen haben. Wenn ich als ZDF-Quatschvogel nun mit dafür gesorgt habe, dass da genauer hingeschaut wird, ist das doch kein Grund für Selbstmitleid.

ZEIT: Gibt es etwas, worüber Sie sich in den vergangenen Wochen gefreut haben?

Böhmermann: Na klar, jeder zweite Kommentar zur "Staatsaffäre Böhmermann" hat mich mindestens zum Schmunzeln gebracht. Und ich habe mich sehr über die Solidarität gefreut. Wer hätte gedacht, dass Didi Hallervorden und Mathias Döpfner mal Hand in Hand für die Kunstfreiheit kämpfen?

Jan Böhmermann - “Ich bin gespannt, wer zuletzt lacht” Der türkische Präsident Erdoğan hat ihn wegen seines Schmähgedichts verklagt. Die Regierung Merkel ermächtigte die Justiz dazu. Anfang Mai 2016 sprach Jan Böhmermann zum ersten Mal nach der Affäre in der ZEIT. © Foto: Marc Beckmann/Agentur Ostkreuz