Jetzt laufen sie wieder. Spindeldürre Typen in durchnässten Trikots. Junge Frauen mit neonbunten Kniestrümpfen, am Oberarm das Smartphone. Sie rennen durch Parks, durch Wälder oder, wenn’s sein muss, 15-mal um das heimische Wohngebiet. Es ist wieder Marathonsaison.

Allein am kommenden Wochenende finden acht Marathonläufe in Deutschland, Österreich und der Schweiz statt. Bis November wird kaum ein Sonntag vergehen, an dem nicht die Ausfallstraßen irgendeiner Großstadt durch Gitter und Gaffer versperrt sind.

Dann steht man da und starrt auf diesen nicht enden wollenden Fluss an joggenden Menschen. Der Anblick könnte etwas Meditatives haben. Tatsächlich wirken die Läufer vor allen Dingen: verbissen. Wie sie auf ihre Sportuhren schauen, die Bestzeit im Blick. Wie sie drängeln, manchmal sogar schubsen. Und man fragt sich: Was soll das?

Dass Menschen durch den Wald oder den Park rennen, ist nichts Neues. Neu ist die wahnsinnige Wichtigkeit, die sie der Lauferei beimessen. Neu ist, dass sie sich in Laufclubs mit obskuren Namen, hippen Logos und gesponserten Klamotten zusammenfinden und sich bei ihrer Lauferei unfassbar verwegen vorkommen. Und neu ist auch, wie groß der Andrang bei den großen Marathonläufen ist. Am Berlin-Marathon nehmen mittlerweile 40 000 Menschen teil. Die Veranstaltung ist quasi ein prall gefülltes Fußballstadion, das einmal durch die Stadt hetzt. Die Tickets werden seit Jahren verlost. Wenn sie dürften, würden mehr als doppelt so viele Menschen durch Berlin rennen.

Wie um Himmels willen konnte das passieren? Wie wurde aus dem herrlich unmodischen Waldlauf eine hippe Trendsportart?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

Es ist gar nicht so lange her, da waren Trendsportarten für die Mehrheit ihrer Anhänger eine bessere Entschuldigung, um kiffend am Rande des Industriegebiets herumzusitzen, ab und zu mit dem Skateboard eine unmotivierte Runde zu fahren oder ein paarmal erfolglos Dreier auf den Basketballkorb zu werfen. Mehr Schein als Sport. Vor allen Dingen aber: deutlich mehr Fun als Schweiß. Wenn Laufen etwas nicht ist, dann eine Fun-Sportart. Was natürlich weder die Sportartikelhersteller noch die Fans davon abhält, Laufen exakt so zu inszenieren. "Run Fleet" heißen die Laufgruppen, "Berlin Braves", "Run Pack" oder "Tide Runners", und wenn man abends in den angesagten Vierteln von Hamburg, Berlin oder Köln vor einer Bar sitzt, kann man diese kleinen Grüppchen durch die Straßen hasten sehen.

Schuld sind, logisch, der Kapitalismus und das Internet. Die großen Sportartikelhersteller haben ihrerseits längst erkannt, dass ein Sport nicht durch den Sport selbst cool wird. Sondern durch die Kleidung und den Lifestyle, der zu der Sportart gehört. Also wird die Funktionskleidung für Läufer mittlerweile in hippen Geschäften der großen Städte angeboten – in den Farben der Saison.

Durch Apps wie Strava und Runtastic, mit denen Läufer nicht nur ihre Laufstrecken, sondern auch ihre Zeiten aufzeichnen können, ist aus dem einsamen, selbstvergessenen Waldlauf eine Gruppensportart mit irrsinnigem Wettbewerbscharakter geworden. Freunde diskutieren beim Bier mittlerweile ihre Intervalltrainingsergebnisse.

Was Veganismus oder wahlweise Paleo für die Ernährungsgewohnheiten sind, ist Laufen für den Bereich des Sports: eine asketische Übung, eine Überwindung der Couch. Ein Akt der Selbstdisziplinierung, den man vorzeigen und vergleichen kann.

Eine Umfrage unter den Teilnehmern des Marathons in Frankfurt am Main belegte vor ein paar Jahren, dass mehr als ein Drittel der Teilnehmer Führungskräfte waren. Fast ein Sechstel der Marathonläufer waren sogar Topmanager. Und: Die Läufer mit einem Jahreseinkommen von mehr als 500 000 Euro gehörten zu den schnellsten Teilnehmern und waren im Schnitt 16 Minuten schneller als die Vergleichsgruppen.

Und genau das ist das Problem mit den gehetzten Menschen in den Parks. Sie rennen nicht zum Ausgleich, nicht zur Erholung oder zur Ertüchtigung. Sie rennen, man kann es nicht anders sagen, tatsächlich um ihr Leben.