Er bringt sein eigenes Rednerpult mit. Rechts und links davon lässt er die halb transparenten Glasscheiben der Teleprompter aufbauen. Es wird sein letzter großer Auftritt in Deutschland sein. "An die Menschen in Europa" haben seine Mitarbeiter den Text überschrieben. Und Barack Obama spricht zu ihnen, den Menschen Europas: Am 25. April 2016 hält er in Hannover eine jener Reden, wie sie ihn berühmt und zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gemacht haben.

Charismatisch und charmant, schelmisch und pathetisch – er zieht alle Register. Die Rede ist aufgebaut wie aus dem Lehrbuch: Am Anfang das, was Rhetoriker captatio benevolentiae nennen, das Greifen nach dem Wohlwollen des Auditoriums ("Ich muss gestehen, das deutsche Volk hat in meinem Herzen einen ganz besonderen Platz"). Und am Ende eine klassische conclusio ("Denn ein vereintes Europa, früher der Traum einiger weniger, ist jetzt die Hoffnung der vielen und eine Notwendigkeit für uns alle").

Obama sucht den Blickkontakt mit dem Publikum. Er setzt effektvolle Pausen. Er kann nonchalant wirken – und im nächsten Moment staatsmännisch. Er setzt den ganzen Körper ein, die langen Arme, präsidial, sehr effizient. Barack Obama ist ein begnadeter Redner – und er folgt darin einem großen historischen Wegbereiter.

Auch Martin Luther King beherrscht zu seiner Zeit die Werkzeuge der Rhetorik. Wie gekonnt er sie nutzt, zeigt sich am 28. August 1963, dem Tag seiner weltberühmten Rede: King ist der Star der Veranstaltung, 250.000 Menschen sind nach Washington gepilgert, um ein Ende der Rassentrennung und der Diskriminierung durchzusetzen – und um ihn, King, zu hören. The March on Washington for Jobs and Freedom wird, was in diesem Augenblick aber noch niemand weiß, zum Höhepunkt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung werden – und zu einer Sternstunde in der Geschichte der Rhetorik.

Seit Stunden steht die Menge der 250.000 vor dem Washington Memorial auf einem schattenlosen Platz. Das Licht der Sonne spiegelt sich gleißend im reflecting pool, einem 600 Meter langen Wasserbecken beim Denkmal. Ein Redner nach dem anderen tritt auf und wieder ab. Als die Gospellegende Mahalia Jackson singt, kommt kurz Stimmung auf wie eine frische Brise. Dann aber kehrt die freundliche Apathie zurück. Es ist einfach zu heiß, und es hört nicht auf. Es war, erinnert sich der Publizist Norman Mailer später, wie bei einem Footballspiel, bei dem es kurz vor Spielende 11:3 für die eigene Mannschaft steht.

Martin Luther King ist als Letzter an der Reihe. Er hat eine ausgeklügelte Rede in der Tasche. Bis vier Uhr früh hat er mit seinem Berater Wyatt Walker an dem Manuskript gefeilt. Und der hat ihm eingeschärft, bitte auf jene Formulierung zu verzichten, die Pfarrer King in seinen Predigten so gern verwendet: "I have a dream" – "Ich habe einen Traum". Das klinge abgedroschen, sagt Walker. Dieser Augenblick sei historisch, darum müsse auch die Rede einzigartig sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

Martin Luther King beginnt zu sprechen. Es ist ein Heimspiel. Er kann es nicht verlieren. Trotzdem – seine Rede zündet nicht. King hat sich mit beiden Händen auf das Pult gestützt. Seine Botschaft ist dringend, auf jede Formulierung kommt es ihm an. Darum liest er den Text ab.

Vielleicht ist es die Sommerhitze, die diese Rede zu einer der größten der Weltgeschichte macht. Vielleicht ist es das Publikum, das dem ehrgeizigen Redner alles abverlangt. Vielleicht ist es aber auch Mahalia Jackson, die ihm leise zuruft: "Martin, tell ’em about the dream" – "Martin, erzähl ihnen von deinem Traum".

10 Minuten und 30 Sekunden sind vergangen. Die Sätze geschliffen – doch der Funke springt nicht über. Gerade hat King den Zuhörern den Missionsauftrag erteilt: "Geht zurück nach Mississippi, geht zurück nach South Carolina ..." Da ruft Mahalia Jackson noch einmal, jetzt lauter: "The dream, Martin!"

In Minute elf reagiert Martin Luther King. Er löst sich vom Manuskript und ruft in die Menge: "I still have a dream." Was dann geschieht, ist amerikanische Geschichte. Wyatt Walker erinnert sich später, in diesem Moment habe er gewusst, jetzt gehen sie alle in die Kirche, sie wissen es bloß noch nicht. Jetzt kommt eine Predigt.

Predigen kann King. Er hat es gelernt. Am Crozer Theological Seminary in Pennsylvania besuchte er einen Kurs in Homiletik, also Predigtlehre. Gemeinsam mit Kommilitonen entwickelte er neue Strategien der Predigt. Eine davon hieß: "Der Hase im Busch". Die Idee: Der Redner feuert Argumente wie Schrot ins Publikum, als wollte er in unübersichtlichem Gelände einen Hasen aufstöbern. Reagieren die Zuhörer, feuert er das folgende Argument in dieselbe Richtung.

"Dream some more!", rufen die Zuhörer in Washington. Und King träumt. Jetzt hat er ihn, den Hasen. Neunmal fällt der Satz vom großen Traum. Wie einen Refrain setzt ihn der Redner ein, bildet aus dem Stegreif immer neue Variationen seines Themas. Noch während er spricht, entwickelt der vom Manuskript befreite King eine weitere Metapher, die in den amerikanischen Zitatenschatz eingehen wird. Er spricht von den Glocken der Freiheit, die von allen Bergen läuten werden. Von den herrlichen Hügeln New Hampshires, von den mächtigen Bergen New Yorks, von den schneebedeckten Gipfeln der Rockys … Elfmal lässt King die Glocken dröhnen. Elfmal ruft er in die Menge: "Let freedom ring!"

Die Rede ist ein Meisterwerk, und das nicht nur in ihrem letzten, berühmt gewordenen Drittel. King greift auf einen gewaltigen Fundus von Zitaten, Verweisen und Formulierungen zurück. Er durchwandert das Alte und das Neue Testament, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die berühmte Gettysburg Address des Abraham Lincoln, die ihrerseits ein rhetorisches Meisterstück ist. Aber er zitiert die großen Gedanken nicht bloß. Man hört keinen Doppelpunkt, keine Anführungszeichen. Oft spielt der Redner nur mit Andeutungen, Gleichklängen, Paraphrasen, man muss die Quellen nicht erkennen. Subtil laden sie seine Worte auf.