Eine Bekannte erhielt ihre Diagnose im Sommer, im Oktober war sie bereits tot. Wir kannten uns vom Sehen, hatten bei mancher Gelegenheit ein paar Worte gewechselt. Ich fand sie sympathisch, bewunderte sie auch für ein paar Dinge, die sie unternommen hatte, und dass sie so früh sterben musste, fand ich traurig. Getrauert habe ich nicht. Trauer fühlt sich anders an.

"Life is what happens to you while you’re busy making other plans", sang John Lennon in Beautiful Boy, einem Lied, das er seinem Sohn Sean gewidmet hatte. Als John Lennon kurz darauf erschossen wurde, war ich selbst noch ein Kind. Und ich weiß noch genau, wie ich mit einem Freund vor dessen Haus herumlungerte und ihn fragte, warum seine Schwester vorhin so verheult ausgesehen habe; woraufhin er mir erklärte, sie verlasse seit Tagen schon das Haus nicht mehr, esse nichts, weine bloß noch, seit John Lennons Tod. Damals, 1980, verbrachte ich einen kompletten und mir noch heute als sehr schön in Erinnerung verbliebenen Samstag mit meinen Eltern vor dem Fernseher, weil in der ARD zu Ehren John Lennons nonstop Beatles-Filme gezeigt wurden. Die Musik war mir egal, aber Yellow Submarine wirkte auf mich extrem fantasieanregend – obwohl oder vielleicht gerade weil wir einen Schwarz-Weiß-Fernseher hatten.

Als besagte Bekannte verstarb, 2010, gab es bereits das Web 2.0, Internet in Farbe also, mit der Funktion sozialen Interagierens. Auf den damals noch schwer angesagten Facebook-Seiten lief meine Timeline innerhalb kurzer Zeit zu mit Trauerbekundungen. Selbst Bekannte, die ihr noch weniger nahestanden als ich, kommentierten den kollektiven Schicksalsschlag. Jeder wollte seinen Senf dazugeben. Ein extrem senfhaltiger Facebook-Freund postete: "Celia R. I. P. Mir fehlen die Worte." Fehlten sie ihm halt leider nicht. Ich kann mich nicht mehr an die genaue Zahl der Likes erinnern, aber es waren viele.

Ein Jahr zuvor hatte sich der Torwart des Fußballvereins Hannover 96 in Neustadt am Rübenberge vor einen Zug gelegt, weil er seine Depressionen nicht mehr ertragen konnte. Damals waren mir die ungewöhnlich langen Artikel in den Zeitungen und Zeitschriften aufgefallen. Es ging nicht mehr darum, dass Journalisten vom Tod einer Persönlichkeit Nachricht gaben. Sie wollten mitweinen, mitklagen oder einfach bloß traurig sein. Die kollektive Protosensibilität ist inzwischen längst aus dem Sektor der Privatpublizisten in die professionellen Medien geschwappt. Journalisten stehen in Konkurrenz zu den Millionen, die unentgeltlich und rund um die Uhr veröffentlichen, wonach ihnen der Sinn steht, ohne damit Geld verdienen zu müssen. Auf Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und Periscope gelten Klicks und Likes als Währung. Und was dort ankommt, gibt nun auch bei den Professionellen die Richtung vor. Seitdem begraben wir unsere Toten verdammt hastig und vor allem laut.

Als vor zwei Jahren einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, an einem Herzinfarkt starb, konnte ich bereits nach zwei Tagen weder Zeitungen noch Twitter ertragen. Selbst Personen, die Frank Schirrmacher noch nie begegnet waren, geschweige denn die FAZ regelmäßig lasen, verfassten medial flächendeckend Trauerbekenntnisse à la "Zwar bin ich ihm leider noch nie begegnet, aber ich vermisse ihn jetzt schon extrem".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

Allerdings reguliert die Aufmerksamkeitsökonomie auch die Intensität der exhibitionistischen Trauer. Als im Januar vergangenen Jahres zwölf Menschen in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo ermordet wurden, bekannten sich im Netz innerhalb weniger Stunden noch Hunderttausende zum Hashtag #JeSuisCharlie. Nach den jüngsten Anschlägen in Brüssel mit 35 Toten wurde schon weniger intensiv getrauert. Vielleicht weil kein aussagekräftiges Logo zur Verfügung gestellt wurde, vielleicht weil die Sache den Reiz des Neuen verloren hatte. Die Schauspielerin Veronica Ferres ließ es sich trotzdem nicht nehmen, zu twittern: "My heart goes out to #Brussels So heartbreaking! #JeSuisBruxelles". Der Fußballspieler Lukas Podolski schrieb: "#PrayForBelgium#Bruessel". Und der Designer Marc Jacobs ließ die Welt wissen: "Our thoughts and prayers go out to all in #Brussels, and around the world. Stay safe. We love you." Instant Trauer.