Die Kollegen waren verblüfft: Wolfgang Reinhard legte in den achtziger Jahren innerhalb kurzer Zeit eine vierbändige Geschichte der europäischen Expansion vor. Dabei war er bis dahin eher als Spezialist für die Historie der Päpste und die frühneuzeitliche Konfessionalisierung in Erscheinung getreten. Außerdem galt die Geschichte des Imperialismus und Kolonialismus zumindest in Deutschland als abseitiges Thema. Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Das Interesse an globalhistorischen Fragestellungen und an der Geschichte von Weltregionen jenseits des nordatlantischen Raumes wächst.

Und wieder kann man verblüfft sein: Reinhard hat nun seinen Klassiker neu geschrieben, und er nennt ihn Die Unterwerfung der Welt. Hut ab vor der beeindruckenden Arbeitsleistung des Freiburger Emeritus und seiner Fähigkeit, den immensen Stoff und die Unmenge an internationaler Forschungsliteratur in eine gut lesbare Gesamtdarstellung zu bringen – wenngleich einige Ausführungen wie eine Art historisches Speed-Dating wirken.

Denn Wolfgang Reinhards Opus führt von den frühen Anfängen der europäischen Expansion in Antike und Mittelalter bis zu den Dekolonisationen des 20. Jahrhunderts, ergänzt durch einen kurzen Blick auf die Gegenwart. Wirtschaftliche und politische Aspekte finden ebenso gebührende Beachtung wie die gerade in der neueren Kolonialismusforschung so zentralen kulturellen Dimensionen. Spezialisten werden sich an manchen Deutungen sicher reiben. Insgesamt ist das Werk aber, trotz gelegentlich etwas hemdsärmeliger Interpretationen, eine kluge Mischung aus der Darlegung grundlegender Entwicklungen und behutsamer theoretischer Reflexion. So ist das dicke Buch auch für Nichteingeweihte gut zugänglich.

Und wer sich auf die 1648 Seiten einlässt, wird reich belohnt. Das Buch veranschaulicht, dass die Geschichte der europäischen Expansion keineswegs ein gradliniger, unaufhaltsam voranschreitender Prozess war. Die Errichtung kolonialer Herrschaft war langwierig, und im Geflecht aus Konkurrenzen standen nicht selten Europäer gegen Europäer und Einheimische gegen Einheimische. Missionare und Kolonialbeamte etwa stritten regelmäßig über die richtige Art, die Kolonisierten zu erziehen.

Gewalt spielte stets eine wichtige Rolle, häufig freilich nicht als Ausdruck der unwiderstehlichen Überlegenheit der Europäer, sondern als Zeichen ihrer Schwäche. Zahlenmäßig weit unterlegen und mit wenigen Ressourcen ausgestattet, erschienen Massaker und öffentliche Hinrichtungen den Europäern gerade zu Beginn der Kolonisierung als geeignete Mittel, ihren Machtanspruch zu demonstrieren. Koloniale Herrschaft blieb immer prekär. Es gab vielerorts Widerstand gegen die kolonialen Eroberer, aber ebenso Arrangement und Kooperation.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

Vor allem aber hat die europäische Kolonialexpansion dialektisch die eigene Überwindung erzeugt. Denn die Kolonialherren blieben immer auf die Zusammenarbeit mit einheimischen Eliten angewiesen, deren Streben nach Emanzipation und Gleichheit jedoch beständig an Grenzen stieß und die zu zentralen Figuren des antikolonialen Nationalismus wurden.

Die europäische Expansion veränderte die Welt

Die Europäer mussten die Erfahrung machen, dass gerade die Absolventen höherer Schulen und Universitäten – etwa die Politiker Jawaharlal Nehru in Indien, Kwame Nkrumah in Ghana und Julius Nyerere in Tansania – zu den entschlossensten Kämpfern für ein Ende der Kolonialherrschaft wurden.

Reinhard sieht in den Entwicklungen, die von der europäischen Expansion in Gang gesetzt wurden, ein "angemessenes Leitmotiv einer neuen Weltgeschichte". Er versteht Europas hervorstechende Rolle weniger als Ausdruck besonderer historischer Vorzüge, sondern als Ergebnis eines großen Geflechts von Voraussetzungen und Zufällen.

Zwar verortet er in Europa eine besondere Wissenskultur und damit verknüpft den christlichen Willen zur Weltmission, aber diese könnten, schreibt er, den Beginn der Unterwerfung der Welt ebenso wenig vollständig erklären wie das Profitstreben der Kaufleute oder die kluge Planung von Politikern. Christoph Kolumbus ist für ihn ein gutes Beispiel, wie sich Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und zeittypische Antriebe mit einer Häufung von Zufällen vermischten und auf diese Weise die Expansion in Gang setzten.

Diese europäische Expansion veränderte die Welt – und mit ihr Europa. Die Frage nach den Rückwirkungen des imperialen Projekts auf Europa gehört seit Langem zu den zentralen Themen der Forschung. Auch Reinhard verdeutlicht, dass der Kolonialismus keine Einbahnstraße war, auf der kolonisierte Gesellschaften lediglich auf europäische Initiativen reagierten oder bestenfalls kreativ mit ihnen umgingen.

Die Präsenz der Imperien "zu Hause" interessiert Reinhard aber nur bedingt. Sie sind dank der Postcolonial Studies ins Zentrum der Kontroversen über den Kolonialismus gerückt. Reinhard räumt diesen Ansätzen nur wenig Platz ein und mäkelt vor allem an deren hermetischer Sprache herum. Aber anders als er meint, hielt sich die Begeisterung über diese Perspektiven im vermeintlich "nachkolonial zerknirschten Westen" in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit durchaus in Grenzen. Gerade die schwierige Frage des Rassismus, die viele postkoloniale Denker von Frantz Fanon bis Achille Mbembe thematisieren, hätte mehr Beachtung verdient.

"Heute ringt die Welt im Zeichen der Globalität", resümiert Reinhard, "noch immer im Guten wie im Bösen auf allen Feldern mit der Hinterlassenschaft der europäischen Expansion." Auch die aktuelle Frage nach der Verantwortung für die Fluchtursachen ist ein Grund, diese Hinterlassenschaft neu zu diskutieren. Wolfgang Reinhards Wälzer bietet nun die Grundlage für die Debatte.

Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015; C. H. Beck Verlag, München 2016; 1648 S., 58,– €