Der Sturm, der über die Ägäis und den östlichen Mittelmeerraum hinwegfegte, hinterließ das Bild einer epochalen Zerstörung. Er legte Knossos auf Kreta in Schutt und Asche und das kleinasiatische Milet ebenfalls. In Griechenland fielen ihm die Paläste des mächtigen Mykene zum Opfer. Genauso gingen Tyrins, Pylos, Theben, Katsingri, Korakou, Iria und Messania unter. Allein auf Zypern, in Syrien und Palästina wurden Dutzende Hafenstädte zerstört, darunter die Handelsmetropole Ugarit. Nachdem dieser gewaltige Sturm die Levante überrollt hatte, war das zuvor mächtige Hethiterreich Geschichte. Und selbst Pharao Ramses III. konnte sich seiner nur mit größter Mühe erwehren.

Ägyptische Inschriften kolportieren, was damals auf das Imperium am Nil zugerollt war und mächtige Reiche hatte kollabieren lassen. Von "Fremdvölkern" ist die Rede, es geht um "Leute vom Norden" und "Menschen von inmitten des Meeres". Sechs Stämme sollen es gewesen sein, die zusammen eine zerstörungswütige Konföderation gebildet hätten. Viel später einigten sich Historiker auf den Sammelbegriff "Seevölker". Und deren Wirken heißt in wissenschaftlichen Publikationen "Seevölkersturm" – weil sie agiert hatten im Stil schneller Eingreiftruppen.

Wie diese Krieger aussahen, lässt sich auf den Reliefs des Totentempels von Ramses III. in Medinet Habu betrachten: Sie trugen Helme mit Hörnern oder Federkronen und Stirnbänder wie Rocker. Sie bekleideten sich gern mit kurzen Röcken und bewaffneten sich mit Panzer, Rundschild, Speer, Lanze und Schwert. Vogelköpfe zierten ihre Segelschiffe. Doch wer diese Bagaluten des Mittelmeers waren, das ist bis heute unbekannt.

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Theorien über die Identität der Seevölker gibt es zuhauf: Bei den in Medinet Habu erwähnten "Peleset" soll es sich um die alttestamentarischen Philister handeln. In mehreren altägyptischen Quellen tauchen die "Scherden" auf. Sarden? "Touresh" waren vielleicht Etrusker, "Lukka" Lykier. Sprachwissenschaftler tippten auf Indogermanen vom Balkan, andere schlicht auf Piraten – galt Seeräuberei dem griechischen Adel doch als ehrenvoller Erwerbszweig. "Hau-nebut", eine weitere Bezeichnung, bedeutet "Bewohner der Ägäis". Fest steht nur, dass sie dorthin zurückkehrten, wo sie hergekommen waren: ins Irgendwo.

Jüngere Untersuchungen vertreten wieder andere Thesen. Eine Klimaveränderung soll Ursache für Hungersnöte und Revolten gewesen sein. Erdbeben könnten die Metropolen erschüttert haben. Womöglich sei auch die protoglobalisierte Wirtschaft erstmals ins Stocken geraten, sodass verarmte Massen sich erhoben und die Untergänge von innen heraus herbeigeführt hätten. Ein Buch, das kürzlich unter dem Titel The Luwian Civilization erschien, brachte einen neuen Namen ins Spiel. Eine bislang übersehene Kultur, glaubt der Autor, der Geoarchäologe Eberhard Zangger, wurde zum Totengräber von Hethiterreich und Mykene und brachte jene Aggressoren hervor, die Ägypten an den Rand einer Niederlage drängten – die Luwier.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Die Luwier? Niemand kennt sie. Kaum jemand hat in der Schule von einer luwischen Kultur gehört. Höchstens philologische Streber wissen, dass auf hethitischen Tontafeln auch Episoden auf Luwisch verewigt sind. Das Schulwissen dagegen besagt, dass es im griechisch-ägäischen Raum eine mykenische, eine minoische und eine kykladische Kultur gab – und viel weiter östlich, in Anatolien, sich die Hethiter ausgebreitet hatten. Dazwischen? Nichts! Zumindest nichts Eigenständiges.

Zangger sieht das anders, er hat gründlich recherchiert. Es tue den Hethitern zu viel Ehre an, wer die Grenze ihrer Regierungsbezirke erst an der Ägäis ziehe. Das sei unplausibel, lebten doch im westlichen Kleinasien die Luwier. Sie waren in Stämme aufgeteilt, die zusammengerauft mächtiger gewesen sein dürften als die Platzhirsche in Mykene oder der Hethiter-Hauptstadt Hattuša.