Im Netz kursiert seit einiger Zeit ein Video, das technisch so erbärmlich ist, dass es sich nur um die Raubkopie einer Raubkopie handeln kann. Die Szene verschwommen, als spielte sie in der Tiefsee, der Ton rumpelig, knisternd, verzerrt. Und doch sind diese 42 Minuten und 34 Sekunden eine Offenbarung: Carlos Kleiber Mitte der siebziger Jahre im Orchestergraben des Bayreuther Festspielhauses mit Ausschnitten aus Tristan und Isolde, aufgenommen von der Dirigentenkamera, die eigentlich dazu da ist, Bilder des Dirigenten auf die Bühne zu projizieren, dorthin, wo die Sänger ihn nicht sehen können. Was das Video zeigt, hauptsächlich, ist das Leuchten in Kleibers Gesicht – und seine Arme. Diese nackten Arme (der Bayreuther Sommerhitze sei Dank!), die sicher auch zum Hühnerausnehmen taugten. Diese Arme, die alles sagen, die ganze Musik. Ein Gekreuzigter auf Himmelfahrt. Der frühe Gerhard Richter hätte das nicht eindrücklicher malen können.

Erzählt man Barbara Hannigan von diesem Video, weil sie immer mit nackten Armen dirigiert, selbst in der ärgsten Winterkälte, und weil einen das Choreografische, biegsam Modulierende ihrer Schlagtechnik ein bisschen an Kleiber erinnert, bricht sie keineswegs in Entzücken aus, von wegen der große Carlos Kleiber wäre für sie der Allergrößte und welches Lob und so weiter. Stattdessen bleibt sie cool, irritierend cool. Ein kurzer Lacher entschlüpft ihrem Mund, ein leises "Oh" – und schon ist sie wieder ganz bei sich. Bei den Armen, die sie im Fitnessstudio, mit Liegestützen und Yoga stählt und, was die Deutlichkeit in der musikalischen Zeichengebung betrifft, jedem Taktstock vorzieht. Und bei der mitnichten äußerlichen Frage, welches Outfit am Dirigentinnenpult am besten zu welchem Repertoire passe: Lack & Leder für György Ligetis Mysteries, das durchbrochene Schwarze für Rossini und Strawinsky, gemischte Farben und fließendere Formen für Henri Dutilleux? Überhaupt: Kleid oder Anzug?

Frauen am Pult dürfen, ja müssen solche Überlegungen anstellen und bereichern den Konzertalltag, ob sie wollen oder nicht, um ein performatives Element, das seit 200 Jahren geleugnet wird. Männer (so sie nicht gerade im Poloshirt in die Unsichtbarkeit des "mystischen Abgrunds" von Bayreuth abtauchen) stellt die Tradition bis heute in den Frack.

Ende April, wir sitzen in einem Dachgeschoss-Apartment, das Barbara Hannigan unweit des Münchner Gasteigs für eine Woche gemietet hat, es ist Samstagmittag, die Stadt brummt, und zwei der drei Konzerte (darunter ein umjubeltes Jugendkonzert), die die Kanadierin bei den Münchner Philharmonikern zu leiten hat, liegen hinter ihr. Blass sieht sie aus, so fast ohne Make-up und im Sonnenschein, noch etwas schmaler als sonst, und bisweilen sinkt ihr rechtes Augenlid, als würde sich der Blick darunter viel lieber nach innen kehren als auf ein Gegenüber einlassen, das im Zweifelsfall das immer Gleiche wissen will: Wie sie als Sängerin eigentlich auf die schizophrene Idee gekommen sei, gleichzeitig zu singen und zu dirigieren?

Die Tradition wirft in dieser Hinsicht wenig ab, abgesehen von Peter Schreier, der als Bach-Dirigent den Evangelisten in den Passionen oftmals einfach mitsang, oder der französischen Altistin Nathalie Stutzmann, die vor ein paar Jahren ihr eigenes Barockensemble gründete, um dezidiert beides tun zu können. Dass Sänger die Seiten wechseln (ans Dirigenten- wie ans Regiepult), ist nichts Ungewöhnliches. Dass sie ihren Gesang dabei mitnehmen, schon.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Möglicherweise ist die fehlende Tradition bei Hannigan der springende Punkt. Das bipolare Arbeiten, gesteht sie, fühle sich an, als liefe sie "auf jungfräulichem Schnee – weit und breit keine Fußspuren. Ich liebe das Unberührte. Und wenn ich scheitern sollte, ist es auch okay." Wobei man einem bekennenden Workaholic wie ihr ein handfestes Scheitern am allerwenigsten zutraut. Eher scheiterte sie am Nicht-scheitern-Können und an einer Lebenserfahrung, die sie nichts anderes lehrt, als in allem stets die Erste, Schnellste und Beste zu sein.

Mit fünf wusste sie, dass sie etwas mit Musik zu tun haben wollte, mit 15, dass sie Sängerin werden würde; mit 19 gab sie in Toronto ihr erstes Konzert, mit Anfang 20 wurden ihr die ersten Kompositionsaufträge auf den Leib geschrieben. Neben ihrer Gesangsausbildung studierte Hannigan Tanz und Schauspielerei, sie spricht mehrere Sprachen akzentfrei, und wer sie 2012 in Krzysztof Warlikowskis ingeniöser Brüsseler Lulu- Inszenierung hat Spitze tanzen sehen, makellos, virtuos, der sieht absolut keinen Grund, warum es nicht so weitergehen sollte mit dem Alles-Wollen und Alles-Können. Lulu sei ihre Heldin, sagt Barbara Hannigan und steckt sich die Sonnenbrille ins Haar, eine merkwürdige Geste in diesem Moment, halb hilflos, halb glamourös: "Von ihr habe ich gelernt, das zu tun, was ich will und brauche." Unmittelbar vor ihrem Brüsseler Rollendebüt übrigens hat sie begonnen, über das Dirigieren ernsthaft nachzudenken.

Wer ist diese Frau, die über 80 Uraufführungen gesungen hat und sich bis heute als Außenseiterin empfindet? Eine "Diva der musikalischen Moderne" schwärmt die Süddeutsche Zeitung, eine "Hitchcock-Blondine", nennt sie der Daily Telegraph (was einer gewissen Kühle à la Tippi Hedren Rechnung trägt), und wieder andere wollen in ihr die Cathy Berberian der Jetztzeit sehen. Hannigan hat keine Vorbilder, weil es für sie keine Vorbilder gibt, und möchte daher am liebsten alles selber machen und zum ersten Mal. Doch zielt nicht gerade die Musik aufs Miteinander, aufs Soziale, ergibt sich Inspiration oft nicht erst aus der Auseinandersetzung? "Als Solistin erlebe ich es äußerst selten, dass mir ein Dirigent sagt, wie ich etwas gestalten soll", entgegnet Hannigan fast mitleidig. Mit anderen Worten: Wenn ihr keiner mit Ideen kommt, kann sie gleich selber dirigieren. Was sie dabei treibt? Die Musik natürlich, nichts anderes. Und dass sie es kann. Dass sie kann, was sie will.

Wobei Pierre Boulez, Simon Rattle oder Kirill Petrenko, mit denen sie erfolgreich zusammengearbeitet hat, natürlich Ideen hatten. Mehr noch: Boulez’ Lieder-Zyklus Pli selon pli, mit dem sie durch Europa tourte, wird sie nie wieder singen, das hat sie sich nach dem Tod des Komponisten geschworen. Und auch die Marie aus Bernd Alois Zimmermanns Soldaten ist für Hannigan jenseits der Bayerischen Staatsoper, ohne Petrenko und ohne die Inszenierung von Andreas Kriegenburg, einfach nicht denkbar, vorerst. Wie sagte sie dem britischen Guardian 2013? "Ich interpretiere nicht, ich bin die Musik, ich bin Lulu oder Agnes" (aus George Benjamins Erfolgsoper Written on Skin) – und diese totale Identifikation, die altmodisch klingt, weil sich Frauen auf der Bühne immer verzehrt haben, während Männer spielten, diese Totalität hat sicher ihren Preis.