Wir treffen Astrid Ebenhoch in einem Städtchen südlich von München. Ein Gasthof, Mittagszeit. Frau Ebenhoch hat sich an die ZEIT gewandt, mit einer besonderen Geschichte: Sie konnte in der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim einige Tage Beate Zschäpe beobachten, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess. Was sie sah, "schockierte mich", sagt sie. Astrid Ebenhoch war für kurze Zeit selbst Insassin dieses Gefängnisses. Auf die Frage, warum sie einsitzen musste, sagt sie nur: "In Deutschland kann einen schon ein ungerechtfertigtes Bußgeld in den Knast bringen." Astrid Ebenhoch arbeitet als Journalistin und betreibt die Website www.houndsandpeople.com.

DIE ZEIT: Frau Ebenhoch, wann haben Sie Beate Zschäpe zum ersten Mal im Gefängnis gesehen?

Astrid Ebenhoch: Am Anfang hatte ich nur von ihr gehört. Es hatte sich offenbar schnell herumgesprochen, dass ich Journalistin bin, und deshalb erzählten mir einige Insassen auf meinem Stockwerk sehr bereitwillig von Beate Zschäpe. Es waren Ausländerinnen, Frauen mit Migrationshintergrund. Sie waren empört: Zschäpe sei hier im Knast so etwas wie eine Königin, sie habe Geld und Macht, sie bewege sich wie eine Mischung aus Chefin und Filmstar. Als ich diese Geschichten hörte, konnte ich es nicht glauben. Und dann habe ich beschlossen, die Berichte der Insassinnen zu überprüfen: Ich fing an, Frau Zschäpe zu beobachten.

Beate Zschäpe wurde vor 41 Jahren in Jena geboren, fast 14 Jahre lebte sie im Untergrund an der Seite von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als mutmaßlicher Teil einer rechten Terrorzelle. Dem Trio, das sich selbst Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte, werden zehn Morde, 15 Banküberfälle und zwei Bombenanschläge vorgeworfen. Die Opfer waren fast ausnahmslos Migranten. Der Generalbundesanwalt wirft Zschäpe, der einzigen Überlebenden des Terrortrios, Mittäterschaft an allen Taten, schwere Brandstiftung und einen Mordversuch sowie Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Zschäpes Aufgabe soll es gewesen sein, die bürgerliche Fassade des Trios nach außen aufrechtzuerhalten und die Finanzen der Zelle zu verwalten. Nur so hätten die Männer unerkannt alle Morde und Überfälle verüben können. Zudem soll sie die Dreierbande emotional zusammengehalten haben. Damit hätte Beate Zschäpe einen erheblichen Anteil an den Straftaten des NSU. Die Verteidigung versucht hingegen, Zschäpe als unpolitische Mitläuferin zu inszenieren, die den beiden Männern nur aus Freundschaft die Treue gehalten habe.

ZEIT: Jemanden im Gefängnis beobachten – geht das so einfach?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Ebenhoch: Für mich war das relativ leicht, weil ich von meinem Zellenfenster auf ihre Zelle schauen konnte. Es gibt einen Innenhof, den müssen Sie sich wie ein Quadrat vorstellen, ringsherum gruppieren sich Gebäude. Die Zelle von Beate Zschäpe lag im dritten Stock gegenüber. Da saß sie im Fenster, das war das erste Mal, dass ich sie sah. Sie thronte regelrecht. Sie kommunizierte lautstark über den Innenhof mit anderen Insassen. Das ist ungewöhnlich, denn eigentlich ist das verboten. Wenn andere das machten, gab es Sanktionen, und die Fenster durften einige Tage nicht geöffnet werden. Bei Zschäpe habe ich Derartiges nie wahrgenommen.

ZEIT: Sie beobachteten Frau Zschäpe vom 2. April bis zum 6. April 2016. Sie protokollierten dabei alles ausführlich. Wir zitieren daraus: "Vergnügt und gut gelaunt geht Zschäpe beim Hofgang auf zwei Frauen zu, die sie offensichtlich gut kennt. Zschäpe 'gestylt' im 'Military-Look' mit khakifarbener hüftlanger Jacke. Die Hose und Mütze ebenfalls khakifarben, mit schwarzen, militärisch wirkenden Stiefeln und schwarzen Handschuhen. Die Haare zu Zöpfen geflochten, die unter der Mütze heraus zu sehen sind. Sie geht auf die zwei Frauen zu. Begrüßung, Küsschen und Umarmung, anschließend beginnen sie einige Runden zu drehen. Zschäpe, dozierend, erklärt den Frauen, was die Justiz darf und was nicht. Die beiden Frauen, eine blonde Frau, ebenfalls in Zivil, die andere in Anstaltskleidung, mit denen sie ein paar Runden dreht, haben offensichtlich die Informationen, die sie wollten, und gehen weiter. Dann gibt sie 'Audienz'. Stellt sich breitbeinig vor acht Frauen, die an einer Tischtennisplatte unter der Arkade im Hof stehen, die sie ebenfalls mit Umarmung und Küsschen begrüßt, und beginnt erneut mit ihrem Vortrag. Die Frauen hören gebannt zu."

Ebenhoch: Als ich das sah, wusste ich: Die anderen Insassinnen haben mir die Wahrheit erzählt. Es ist unglaublich, mit welchem Selbstbewusstsein Zschäpe auftritt. Es war, als würde sie eine Art Sprechstunde geben, viele der anderen Gefangenen suchen ihren Rat. Sie gab den Ton an. Eine Insassin, die vom Gefängnis in Aichach nach Stadelheim verlegt wurde, berichtete mir, dass ihr von einer anderen Insassin der Rat gegeben wurde, sich an Beate Zschäpe zu wenden. Die könne und werde sie beschützen.