Im Londoner Stadtteil Notting Hill liegt, gut versteckt in einer winzigen Sackgasse, das Studio von Brian Eno, dem klügsten Kopf der Popbranche: ein kleines, weiß angepinseltes Backsteinhaus, laute afrikanische Musik dringt nach draußen. Eno sitzt vor seinem Laptop, isst einen Salat und hört konzentriert der Musik zu, die er auf seinem Plattenspieler aufgelegt hat. Was Eno, der sich nur selten befragen lässt und immer an tausend Projekten gleichzeitig arbeitet, ablehnt: Auskünfte zu seiner Vergangenheit zu geben. Dafür beschäftigen ihn zu viele andere Themen. Politik, Wissenschaft, der Stand der Popmusik in der Gegenwart. Als er mit dem Salat fertig ist, fragt Eno, ob es in Ordnung sei, wenn er während des Interviews um den Tisch wandere – das sei entspannend und besser zum Denken.

DIE ZEIT: Wäre ich ein Musiker und wollte mein nächstes Album von Brian Eno produzieren lassen, so wie einst David Bowie, die Talking Heads und U2 – wie lange müsste ich warten? Wie weit in die Zukunft sind Sie ausgebucht?

Brian Eno: Weit. So weit in die Zukunft, dass es mir schwerfällt, dann überhaupt noch zuzusagen. Wer weiß, was in zwei Jahren los ist? Mit mir? Mit der Welt? Gerade hat jemand angefragt, ob ich 2018 ein Projekt übernehmen will. 2018? Lebe ich da noch?

ZEIT: Sie lehnen die meisten Anfragen vermutlich sofort ab?

Eno: Ich sage oft ab. Aber ich sollte wahrscheinlich noch viel abweisender sein. Sehen Sie den Laptop vor mir? Nach unserem Gespräch werden in meinem E-Mail-Account mindestens zehn neue Angebote sein. Ich soll ja nicht nur Platten produzieren, sondern auch am laufenden Band Vorträge halten, Preise entgegennehmen oder in Dokumentarfilmen irgendetwas kommentieren. Das ist alles nicht zu schaffen. So leid es mir tut.

ZEIT: Was hätte ich denn als Musiker von Ihnen als Produzent zu erwarten, wenn Sie mir doch zusagen würden?

Eno: Ich stelle Fragen. Meine liebste: "Muss das so sein?" Gefolgt von: "Könnte man das auch anders machen?" Jeder arbeitet doch mit einer gewissen Routine, ich eingeschlossen. Es ist dann immer interessant, die Meinung eines Außenseiters zu hören. Als Produzent bin ich dieser Außenseiter. Außerdem sehe ich meine Aufgabe als Produzent darin, den Musikern etwas zu vermitteln: welche Möglichkeiten ein modernes Aufnahmestudio bietet. Studios sind letztlich große Instrumente.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

ZEIT: Das klingt jetzt sehr pädagogisch.

Eno: Das Ergebnis kann auch radikal sein, wie bei meiner ersten Zusammenarbeit mit den Talking Heads. Deren Aufnahmen habe ich an meinen Geräten intuitiv bearbeitet und neu zusammengesetzt. Aber der Musiker, der nur ins Studio geht, um etwas einzuspielen, was dann exakt so auf Platte gepresst wird – dieses Bild ist doch sowieso lange überholt. Das ging mir damals auf, als ich mir Sachen von visionären Produzenten wie Phil Spector und George Martin angehört hatte. Ich dachte nur: Wow! Diese neuartigen Sounds! Ich wusste sofort, dass so etwas nur aus der Studiotechnik kommen kann, nicht aus Musikinstrumenten. Es ging nicht mehr um musikalische Virtuosität, sondern darum, ob man ein Gefühl dafür hat, wie man aus Technik Sound macht.

ZEIT: Beherrschen Sie denn trotzdem noch echte Musikinstrumente?

Eno: Ich beherrsche kein Instrument! Ich kann nichts richtig spielen und wollte trotzdem Musik machen. Deswegen habe ich mich ja auch so früh mit der ganzen Technik beschäftigt, mit Prozessen, mit denen sich Klänge manipulieren lassen.

ZEIT: Auf Plattenhüllen scheinen Sie die Bezeichnung Musiker auch durch allerlei Kunstbegriffe zu vermeiden. "Enofication" steht da manchmal einfach nur, als Tätigkeitsbeschreibung.

Eno: Weil ich eben kein Musiker bin. Ich mache zwar Platten, nur eben nicht so, wie man es von einem "Musiker" erwartet. Ich stehe für eine neue Art des Musikmachens. Mit dem Laptop hier könnte ich umgehend ein neues Album anfangen. Aber ich habe mich noch nie hingesetzt und einen Song geschrieben. Ich gehe ins Studio und experimentiere so lange mit Klängen, bis daraus Musik wird. Mir ist das wichtig: dass mein Weg ein anderer ist. Man sollte eigentlich ein neues Wort erfinden dafür, statt Musiker. Das wäre überfällig.