ZEIT: Ist Ihre neue Platte The Ship auch an diesem Laptop entstanden?

Eno: Im Grunde ja. Auf der Festplatte liegen viertausend unfertige Stücke. Zweieinhalbtausend davon sind vielleicht interessant. Wenn ich irgendetwas Neues ausprobiere, nehme ich das immer alles auf, damit ich nichts vergesse. Und wenn jemand anfragt, ob ich Musik für diesen oder jenen Anlass liefern könnte, greife ich auf dieses Archiv zurück.

ZEIT: Sie brauchen also einen Auftrag, einen Anstoß von außen?

Eno: Ja, ohne Deadline kriege ich nichts fertig. The Ship ist entstanden, weil ich eigentlich nur den Soundtrack für eine Kunstinstallation in Stockholm liefern sollte. Während der Produktion habe ich dann spontan angefangen, zu den Tracks zu singen. Das überraschte mich selbst – und hat mich gereizt, daraus ein Album zu machen.

ZEIT: In den Texten auf The Ship beschäftigen Sie sich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Sehen Sie, wie so viele andere gerade, auch Parallelen zwischen jener Zeit und der Gegenwart?

Eno: Ja. Man malt sich aus, was dieser Tage noch alles passieren könnte. Hoffentlich nichts so Schlimmes wie damals, aber die Stimmung scheint mir ähnlich zu sein. Man muss sich nur Trump in den USA ansehen. Als Gegenreaktion finden dafür leidenschaftliche Linke wie Jeremy Corbyn und Bernie Sanders ein ungeahnt großes Publikum. Ich sehe das an meinen beiden jüngeren Töchtern. Die sind 24 und 26 und haben sich in ihrem Leben noch nie für Politik interessiert. Corbyn finden sie plötzlich toll, weil er vermittelt, dass er nicht Teil des etablierten Systems ist.

ZEIT: Sanders lässt sich auch auf Rockfestivals blicken und wird von jungen Musikern geliebt. Spielt Musik in diesen turbulenten Zeiten noch eine Rolle als Soundtrack der Unangepassten?

Eno: Nein. Ich glaube, dass die Musik diese Kraft tatsächlich verloren hat. Damals, Ende der Sechziger, als alles in Aufruhr war und Hendrix und die Rolling Stones und die Beatles den Soundtrack dazu lieferten, wusste jeder, wer diese Musiker waren. Es gab ja auch viel weniger Musik. Hätten wir beide damals über Hendrix gesprochen, hätten Sie Hendrix vielleicht gehasst, und ich hätte ihn geliebt – aber wir hätten beide immerhin gewusst, wer Jimi Hendrix ist. Heute haben wir den Überblick verloren.

ZEIT: Sie auch?

Eno: Ich? Schon lange! Mit all den Rap-Stars dieser Tage bin ich kaum vertraut. Kennen Sie Kendrick Lamar?

ZEIT: Ja.

Eno: Ich weiß rein gar nichts über ihn. Einen einzigen Song habe ich mal gehört. Es gibt in allen Genres zu viel. Keiner kommt hinterher. Einen Kanon der wichtigen Namen gibt es nicht mehr. Eigentlich wissen wir alle nichts mehr über die Musik der Gegenwart. Vielleicht wissen Sie alles über Beyoncé, aber ich könnte Sie mit tausend Namen konfrontieren, von denen Sie garantiert noch nie gehört haben. Und Sie kontern dann mit einer Million Namen, von denen ich noch nie gehört habe.

ZEIT: Aber das ist doch schön, dass die Vielfalt so viel größer geworden ist.

Eno: Aber wenn Musik eine verbindende rituelle Qualität haben soll, dann müssen auch alle mit dieser Musik vertraut sein. Nehmen Sie wieder meine Töchter: Die hören sich sehr viele verschiedene Sachen an, aber nichts davon bedeutet ihnen irgendetwas. Sie sind von niemandem Fan, haben für keine Musik eine besondere Leidenschaft.

ZEIT: Bei Roxy Music, mit denen Ihre Karriere begann, sind Sie 1970 allerdings auch eher zufällig gelandet – weil Sie den Saxofonisten Andy Mackay auf einem Londoner U-Bahnsteig kennenlernten. Wo wären Sie eigentlich heute, wenn Sie damals einen anderen Zug genommen hätten?

Eno: Gute Frage. Vermutlich in der Wissenschaft.

ZEIT: Sie haben sich als junger Mann intensiv mit wissenschaftlichen Theorien wie der Kybernetik beschäftigt und Aufsätze dazu verfasst. Bedauern Sie manchmal, dass Sie kein Wissenschaftler geworden sind?

Eno: Wissenschaftler interessieren sich dafür, was in dieser Welt vor sich geht. Künstler sind eher an den Alternativen zur Realität interessiert. So ist es auch bei mir. Ich könnte Ihnen jetzt sofort eine interessante Parallelwelt schildern, die ich mir in diesem Moment ausdenke. Mein Kopf ist voller solcher Ideen für alternative Wirklichkeiten. Vielleicht habe ich mich deswegen für die Kunst, für die Musik entschieden. Und das, obwohl ich kein Musiker bin!