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Drei Nachrichten dieser Tage aus Indiana, Wien und Ankara: Donald Trump ist als Präsidentschaftskandidat der Republikaner kaum mehr zu verhindern; Werner Faymann nimmt seinen Hut als österreichischer Bundeskanzler und verhilft damit der FPÖ zum Triumph noch vor der entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahl; Präsident Erdoğan zwingt Ahmet Davutoğlu, auf das Amt des Ministerpräsidenten zu verzichten.

Trumps Kommen, Faymanns Gehen und Davutoğlus Rücktritt – da lässt sich ein Zusammenhang erkennen: Alle drei Ereignisse belegen die neue globale Kraft des Autoritären.

Die Autoritären sind überall im Aufwind, auch in Europa – in Polen und Ungarn bereits an der Regierung, demnächst vielleicht auch in Frankreich und Österreich. Sie pflegen eine kraftvolle Sprache. Sie haben der Linken die Rhetorik der Revolte abgenommen. Sie sprechen über Alternativen zum Bestehenden. Sie sind in der Offensive, und die Gegenwehr fällt erstaunlich klamm aus. Die freiheitliche Welt hat noch nicht verstanden, dass hier die eigentliche Herausforderung liegt – nicht in der Konfrontation des Westens mit dem Islam.

Warum ist das so? Vielleicht gibt es hier ein Erkenntnisproblem. Es geht nämlich um mehr als um eine neue politische Geschmacksrichtung namens "Rechtspopulismus" und die Frage, ob man ihr gegenüber mehr abgrenzend oder dialogbereit auftreten soll.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Es gibt heute eine weltweite autoritäre Versuchung. Sie ist längst nicht mehr nur auf Diktaturen wie China, Scheindemokratien wie Russland und Autokratien wie die Golfstaaten beschränkt. Die weltweite politische Schubumkehr zeigt sich nirgends so krass wie in jenen Ländern, in denen vor fünf Jahren der "Arabische Frühling" begrüßt wurde. Nach den arabischen Rebellionen hat sich zwischen Rabat, Kairo und Bagdad einstweilen die Despotie verfestigt, wo nicht Bürgerkrieg, Dschihadismus und Staatszerfall herrschen (einzige Ausnahme: Tunesien). Der Ordnungsverlust wiederum stützt das Stabilitätsversprechen der Autoritären: lieber Repression als Chaos. Das mag sich später wieder als unhaltbares Versprechen erweisen, weil Unterdrückung erfahrungsgemäß immer neue Unruhe schürt. Einstweilen wirkt der Deal jedoch plausibel und erwürgt jede liberaldemokratische Hoffnung in der Region.

Jährlich erscheinen zwei umfangreiche Untersuchungen zum Stand von Freiheit und Demokratie in der Welt. Die amerikanische NGO Freedom House und die britische Economist Intelligence Unit (EIU) beschreiben anhand der Daten aus 195 Ländern, wie sich politische Partizipation, demokratische Institutionen (wo vorhanden), Presse- und Meinungsfreiheit und die Menschenrechte global entwickeln. Beide Indizes zeigen seit etwa zehn Jahren rückläufige Trends. Die jüngsten Ausgaben – vor Kurzem erschienen – verzeichnen für 2015 abermals eindeutige Regression.

Auch viele eben noch aufstrebende, neue Demokratien geraten in den Bann der autoritären Versuchung. Man kann das in beinahe allen osteuropäischen Staaten beobachten, die sich ganz offensiv zu "illiberalen Demokratien" (Viktor Orbán) entwickeln, in denen die Regierenden an der Gewaltenteilung rütteln, den Rechtsstaat aushöhlen und den Großteil der Medien unter ihre Kontrolle bringen.

In Osteuropa tritt der neue Autoritarismus bevorzugt als Widerstand gegen den Verlust der nationalen Souveränität auf, den eine prekäre Mittelschicht mit der Globalisierung und der Chiffre "Brüssel" verbindet.

Anders in den jungen Demokratien Asiens: Da verfängt das autoritäre Versprechen gerade bei der aufsteigenden Mittelschicht, bei den Gewinnern der Globalisierung, die sich den starken Mann, das Durchregieren, den Bruch mit der ewigen Rücksicht auf Minderheiten und ein Ende der kulturellen Überfremdung durch den Westen wünschen.

In Indien schüren darum die regierenden Hindu-Nationalisten Stimmung gegen Muslime und säkulare Dissidenten, um eine neue "Volksgemeinschaft" zusammenzuschweißen; in der Republik Korea regiert seit zwei Jahren die Tochter eines ehemaligen Diktators wieder mit harter Hand, lässt Wahlen manipulieren, die Gewerkschaften und die Presse drangsalieren; und auf den Philippinen ist soeben ein Mann zum Präsidenten gewählt worden, der Todesschwadronen befürwortet, eine "Revolutionsregierung" bilden will und versprochen hat, "100.000 Kriminelle" zu töten.