Trauer müssen die Medien tragen, weil sie sich bei Donald Trump routinemäßig geirrt haben. Seine elf Rivalen sind weg, die Krönung auf dem Konvent der Republikaner im Juli ist ihm sicher. Dass die Journalisten in Amerika und Deutschland das T-Phänomen nicht fassen konnten, ist kein Wunder. Hier wie dort bewegen sie sich im rosa-grünen Bereich, leben in den besseren oder hippen Vierteln und reden mit ihresgleichen – mit Kollegen, Experten und Politikern.

Der Publizist Thomas Frank nennt dieses Milieu in seinem neuen Buch Listen, Liberal die "Liberale Klasse", die sich nicht durch Herkunft oder Besitz definiert, sondern durch Aufstieg, Fachwissen und Deutungshoheit. Sie "weiß, was der Gesellschaft fehlt", lästert der Linksliberale, "und was getan werden muss". Sie besitze die "Macht vorzuschreiben", was richtig und verachtenswert sei – ganz ohne Büttel und Staatsapparat. Sie arbeitet im Weinberg des Zeitgeistes, pfropft Werte und Begriffe auf und schneidet andere zurück.

Dagegen lebt die "Trump-Klasse" in Amerika wie in Europa auf einem anderen Planeten. Unter den Republikanern haben die Trumpisten im Vergleich zur alten bürgerlichen Garde ein deutlich geringeres Einkommen. Nur 38 statt 62 Prozent waren auf dem College. Vier Fünftel mögen Einwanderer nicht. Über die Hälfte ist gegen Freihandel, ein Markenzeichen des Partei-Establishments. Trumps Heerscharen schätzen Protektionismus und Isolationismus – wie ganz links die Bernie-Sanders-Protestwähler.

Freilich ist das Klischee von den abgehängten Losern nur die halbe Wahrheit. Trump lässt sich mit Marx allein nicht erklären, weil seine Fans vor allem "Kulturkämpfer" sind. Warum haben Trumps Schimpfkanonaden gegen den vorherrschenden Comment – vulgo: PC – ihm stets noch mehr Wähler zugetrieben? 60 Prozent der Trumpisten (doppelt so viel wie bei den Establishment-Republikanern) wollen einen Präsidenten, der für "seine Überzeugungen kämpft" und nicht den "Kompromiss sucht".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Übersetzt: Wir wollen einen, der auf den Putz haut, einen, der endlich für uns spricht und Sprachverbote einreißt, der uns, nicht sexuelle und ethnische Minderheiten favorisiert, der uns gegen Outsourcing und Billigimporte schützt. Er predigt "America first!" und "Make America great again!". Wenn dabei die Pax Americana mit ihrer Ordnungs- und Bündnispolitik zum Teufel geht, so what?

Solche Typen kennt das weise Europa nicht? Wieso hatten wir dann Silvio Berlusconi, den genialen Medienmanipulator und Meister des Personenkults, der Italien neun Jahre lang regiert hat? Nun besagt die politische Geografie Amerikas, dass Trump gegen Schwarze, Hispanics und Frauen, gegen den strukturellen Vorteil der Demokraten, nicht obsiegen kann. Doch Hillary Clintons Vorsprung ist auf sechs Prozentpunkte geschrumpft. Hoffentlich unterschätzt das Kommentariat Trump nicht abermals; dieser Mann wechselt die stimmenträchtigen Parolen schneller, als einer "hoppla" sagen kann. Das klassische Handbuch der US-Politik hat er längst zerfetzt.

Und wenn er verliert? Er wird aus der Politik nicht verschwinden, sein Wahlvolk nach vier Jahren Clinton erst recht nicht. Das sind keine AfDler mit plus/minus 15 Prozent. Nach heutigem Stand würde der blonde Berlusconi 41 Prozent kassieren.