Einsam kreischt die Säge, es duftet nach Harz, Kiefer und frischen Spänen. Erwin Thoma saugt gierig die Luft ein. Dann lässt er seinen Blick über die säuberlich sortierten Holzstämme schweifen. Sie warten darauf, zu einer Hotelwand oder einer Passivhausdecke verarbeitet zu werden. In der Werkshalle trudelt derweil neues Rohmaterial ein: Lange, kurze, dicke, gerade und schiefe Stämme balancieren über das Fließband. "So verschieden wie wir Menschen", scherzt Thoma mit einem Mitarbeiter. Jeder Baum wurde streng nach dem Mondkalender geschlägert. Denn dem Rhythmus des Erdtrabanten folgen nicht nur esoterische Horoskope, er ist längst auch ein Thema in der Forstwirtschaft. Erwin Thoma hat daraus ein florierendes Geschäftsmodell gemacht.

Aus dem Gebirgsholz, das hier rund um das Dörfchen Gußwerk in der Obersteiermark wächst, baut der ehemalige Förster Thoma seit über 15 Jahren Vollholzhäuser. Wer dabei an knarzende Bauernhäuser oder biedere Blockhütten denkt, liegt falsch. Ein Universitätsgebäude in Moskau hat Thoma gebaut, einen fünfgeschossigen Wohnbau in Hamburg, das größte Holzhotel der Alpen auf der Seiseralm, das Depot des österreichischen Filmarchivs in Laxenburg, eine Kirche in Japan und ein fünfstöckiges Holzpalais in Dresden.

Das Geschäft mit dem Holz boomt: Knapp zwanzig Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete der hagere 54-Jährige im vergangenen Jahr mit seinem Unternehmen. Der Förster, der eigentlich nie ein Unternehmer werden wollte, leitet heute ein Holzimperium mit 120 Mitarbeitern, lässt Roboter für sich arbeiten, exportiert seine serienmäßigen Vollholz-Bauteile bis nach Japan und schreibt Bestseller, die im Verlag von Red Bull erscheinen.

Ist Erwin Thoma ein schrulliger Öko, ein bauernschlauer Geschäftemacher oder ein ambitionierter Weltverbesserer?

Morgens um acht ist Erwin Thoma noch nicht sehr gesprächig. Stumm und verschlafen lenkt er seinen VW von der Firmenzentrale in Goldegg im Pongau zum ersten Termin am Mondsee. Regentropfen prasseln gegen die Windschutzscheibe. Um sechs Uhr habe er heute schon aufstehen müssen: die hauseigenen Schafe am Hof in Goldegg füttern, den Pferdestall ausmisten und seinen aggressiven Hahn namens Putin beruhigen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Thoma parkt das Auto vor dem Architekturbüro in Innerschwand, setzt sich den Försterhut auf die grauen Haare und flüchtet ins Trockene. Drinnen debattiert eine Runde aus Architekten, Ingenieuren und Baumanagern über ein geplantes Mietwohnungsprojekt in Vöcklabruck. Die Geschäftsmänner tragen Hemd und Sakko, Erwin Thoma seinen grauen, mehrmals gestopften Wollpullover. "Auf Äußerlichkeiten lege ich keine Wert", sagt er, am liebsten seien ihm Kleidungsstücke, die ein Leben lang hielten.

Hände werden geschüttelt, Visitenkarten über die Tischplatte geschoben. Thoma lehnt sich entspannt zurück, nippt am Kaffee und setzt dann zu einem Impulsvortrag an: Holz sei feuerbeständiger als Ziegel, energiesparender als Beton und gesünder als jedes andere Dach über dem Kopf, schwärmt er in sanftem, aber bestimmten Salzburgerisch und mit ansteckendem Enthusiasmus. "Wenn wir bei eurem Projekt dabei sind, wird es eine abfallfreie Baustelle geben, und es entstehen heizkostenminimierte Wohnungen."

Gerne erzählt Erwin Thoma, dass er den Patentantrag für seine selbst erfundene Bauweise erträumt habe. Nachts um vier Uhr habe er wie im Wahn am Ahorn-Küchentisch die Pläne für Häuser auf Papier gekritzelt, die einzig und allein aus Holz bestehen. Dafür müssen mehrere Schichten unbehandelten Holzes übereinander gelegt und dann mit Buchenholzdübeln mechanisch zu dicken Massivholzwänden verzapft werden – so sind keine Nägel, Leim oder Stahlverstrebungen nötig. Holz100 hat Erwin Thoma seine Geschäftsidee getauft.

Seine Häuser produziert Thoma mit computergesteuerten Fräsmaschinen. "Industrie ist nicht automatisch pfui", sagt er – und kritisiert jene verträumten Sozialunternehmer, die in Antisystem-Manier alles industriell Gefertigte verteufeln. Thoma selbst freut sich über seinen wachsenden Umsatz und möchte die Bauwirtschaft revolutionieren. "Meine Fabrik ist so konzipiert, dass sie auch im Rückwärtsgang funktioniert." All die Holzbauteile, die er für seine Gebäude verwendet, können wiederverwertet werden – von den Wänden bis zu den kleinen hölzernen Dübeln.

Ein Prophet der Öko-Hippies

»Als Förster habe ich im Wald eine Parallelwelt kennengelernt.« Erwin Thoma und sein Rohstoff Holz. © Wolfgang Lienbacher

Die Karriere des naturverliebten Entrepreneurs, der in Bruck an der Großglocknerstraße aufwuchs, begann einsam im Wald. Als jüngster Revierförster Österreichs lebte er mit nur 22 Jahren abgeschieden in einem Forstgebiet im Karwendelgebirge, gemeinsam mit Frau und drei Kindern. Zehn Kilometer waren es bis zur nächsten Siedlung, 40 bis zum nächsten Geschäft. "Das waren die stillsten und schönsten Lehrjahre, die ich mir nur vorstellen kann", sagt Thoma heute. Als der jüngste Sohn schulpflichtig wurde, musste die Försterfamilie das Karwendelgebirge aber verlassen – ins Internat wollte man den Buben nicht stecken.

Doch im neuen Einfamilienhaus in St. Johann im Pongau bekamen Thomas Söhne plötzlich asthmatische Anfälle. Kurzerhand riss Papa Thoma die verleimten Spanplattenböden heraus und ersetzte sie durch Massivholz – die Kinder wurden wieder gesund. "Damals dachte ich mir: Wenn das Holz unserer Bäume meine Kinder von ihrem Leiden befreit, will ich fortan die gesündesten und besten Häuser bauen", erinnert sich Thoma. Mit einigen Mitarbeitern hobelte, sägte und hämmerte er die ersten Blockhäuser. Der Grundstein für sein Unternehmen war gelegt.

Dass seine Häuser heute Erfolg haben, liegt auch an Thomas Talent, Leute zu begeistern und zu fesseln. Er ist eine Art Prophet der Öko-Hippies, Gesundheitsfreaks und Nachhaltigkeitsfanatiker. Je nach Anlass, Publikum und Bühne schlüpft er in die passende Rolle: Einmal ist er der anpackende Bauherr, dann wieder der erdige Naturtyp oder der erfahrenen Praktiker, der auf Konferenzen neben Nachhaltigkeitsforschern spricht. Er hat Bücher in blumiger Förster-Prosa geschrieben, die Titel tragen wie Die geheime Sprache der Bäume, philosophiert darin über die Weisheit der Ameisen und zitiert Hermann Hesse und Pablo Neruda. Er taucht in über 300 YouTube-Videos als Redner auf und wirbt für den Holzweg.

Mit seiner Philosophie macht sich Erwin Thoma nicht nur Freunde. In der Branche gilt er vielen als allzu radikaler Öko. Manch einer stößt sich auch an seinen spirituellen Exkursen: In seinen Vorträgen sinniert Thoma gerne über alte Bauernregeln, Kommunikationsformen unter Bäumen oder ganzheitliches Denken. Thoma sind die Skeptiker egal. "Als Förster im Wald habe ich eine Parallelwelt kennengelernt", sagt er. Einst selbst fortschrittsgläubig und begeistert von den Errungenschaften der Technik, sei er in jenen einsamen Wintern im Wald mit den Wundern der Natur in Berührung gekommen. Er traf Geigenbauer, die sich auf die Suche nach dem perfekten Klang von ausgereiftem Holz machten, und sah hölzerne Kamine, die auf unerklärliche Weise jahrhundertelang nicht verbrannten oder verkohlten.

Als der Großvater seiner Frau, ein alter Zimmermann, ihm vom Mondholz erzählte, packte ihn die Neugierde. Seit Jahrhunderten hält sich der Glaube, dass Holz im Winter und bei abnehmenden Mond geerntet werden müsse, zur Zeit der Saftruhe, weil es dann resistent gegen Schädlinge sei. "Ich war fasziniert, weil ich in meiner Ausbildung davon nie etwas gehört hatte." Thoma tüftelte wie besessen daran, den wissenschaftlichen Beweis für "Mondholz" zu liefern.

Längst beschäftigte das Thema auch die akademische Welt. Ernst Zürcher, früherer Forstwissenschaftler an der ETH Zürich und heute an der Schweizerischen Hochschule für Holzwirtschaft in Biel tätig, wies in einer breit angelegten Studie nach, dass Mondholz tatsächlich weniger pilzanfällig und witterungsbeständiger ist als konventionell geerntetes Holz. "Der Faktor Mond verleiht Qualitätsholz eine zusätzliche Dimension", sagt Zürcher. Der Grund: Das Holz-Wasser-Verhältnis verändere sich mit den verschiedenen Mondphasen.

Vor Feierabend besucht Erwin Thoma noch einen Freund aus Försterzeiten. Bald wird der alte Waldpfleger in Pension gehen und sein schiefes Häuschen mit Blick auf die wogenden Wipfel des bewaldeten Hanges der nächsten Förstergeneration überlassen. Am großen Holztisch in der Stube hocken die beiden Männer und sinnieren über Klimawandel und Weltpolitik. Erwin Thoma, der Ideensammler, Unternehmer, Erfinder und Autor, ist mittlerweile auf vielen Bühnen der Welt zu Hause. Die Sprache der Förster spricht er aber immer noch. Zurück in den Wald, das möchte er aber trotzdem nicht mehr.