Ein Übermaß an Beschäftigung mit der Vergangenheit führt zur Entwurzelung einer lebenskräftigen Zukunft – schrieb schon Nietzsche. Im selben Sinne argumentiert Heinrich August Winkler, wenn er jüngst an dieser Stelle (ZEIT Nr. 18/16) vor den Irrlehren aus der Geschichte warnt, die zu einer deutschen "Sondermoral" in der Asyldebatte geführt hätten, und die vermeintliche deutsche "Selbstsingularisierung" in der Flüchtlingsfrage aus der "ewigen Vergangenheitsbewältigung" der Deutschen ableitet.

Ob die Geschichte als Lehrmeisterin taugt, ist mit Recht umstritten. Die Lehren, die sie bereithält, erweisen sich oft als Projektionen der Gegenwart auf die Vergangenheit. Aber sie stellt das unentbehrliche Wissen und die Maßstäbe bereit, um auch die in der Flüchtlingskrise aufgeflammte Identitätskrise des europäischen Gesellschaftsmodells besser zu beurteilen. Zuallererst: Schübe von Massenmigration sind auch in der Neuzeit kein Sonderfall, sondern eine wiederkehrende Regel. Gleiches gilt in historischer Sicht für das Misstrauen, das dem Gast entgegenschlägt, der heute kommt, aber auch morgen bleibt – die Angst vor Überfremdung heftet sich an immer neue Integrationshindernisse, die in immer gleicher Weise für unüberwindbar gehalten werden. Vergleichbare Muster zeigen sich schließlich im Umgang mit dem Fremden: Nach einer Zeit des Aufbegehrens folgen Phasen des verfestigten Nebeneinanderherlebens, deren Lager nach Generationen ausfransen und sich schließlich fast unbemerkt auflösen.

Der historische Blick lässt umgekehrt auch die Besonderheiten der Massenmigration nach Europa deutlicher hervortreten: Anders als die Wanderungsbewegung der Nachkriegszeit ist die heutige vermutlich auf lange Sicht anhaltend. Sie ist zudem primär nicht gesteuert, sondern ein politisch kaum beherrschbares Phänomen, das mit der fortschreitenden Globalisierung einhergeht. Schließlich ergibt sich der paradoxe Befund, dass die Grenzen in der Zeit des Kalten Krieges durchlässiger sein konnten als heute: Millionen Flüchtlinge aus der DDR, Spätaussiedler aus Polen und Russland, die Exulanten aus Ungarn, aus der Tschechoslowakei und aus Südostasien fanden in der BRD als Opfer des Kommunismus offene Aufnahme, weil sie von der Überlegenheit des Westens im Wettstreit der Systeme zeugten.

Winklers Kritik an der deutschen Vergangenheitsversessenheit aber reicht weiter. Ihm zufolge verstellt die deutsche Lust an der historischen Last einen verantwortlichen Umgang mit den Herausforderungen der Gegenwart. Doch lähmt die geschichtskulturelle Versenkung in die deutsche Schuld an Völkermord und Vernichtungskrieg wirklich die Kraft zur Bewältigung der humanitären Gegenwartskrise? Nein. Ganz im Gegenteil hat ihr kathartisch grundiertes Politikverständnis der Bundesrepublik überhaupt erst den Spielraum gegeben, den sie heute außenpolitisch nutzen kann.

Über Jahrzehnte galt die Denkfigur, dass die Bundesrepublik wirtschaftlich ein Riese und politisch ein Zwerg sei. Wenn sie heute entschiedener als früher auch zu politischer Führung in Europa befähigt ist, dann gerade nicht trotz, sondern wegen ihres offenen und selbstkritischen Umgangs mit der eigenen Vergangenheit. Dass Frank-Walter Steinmeier gerade eine deutsche Mitschuld durch Wegblicken an den Verbrechen der Colonia Dignidad in Chile einräumte, raubt der deutschen Außenpolitik mitnichten Kraft und Orientierung. Von einer Arroganz der Aufarbeitung zu reden ist hier abwegig. Mit solchen Schritten stärkt die Bundesrepublik ihre Position als Soft Power, die die Anziehungskraft ihrer Werte durchaus interessengeleitet als politisches Kapital einsetzt.

Gewiss bleibt die Bundesrepublik mit Herfried Münklers Worten zugleich auch ein geschichtspolitisch verwundbarer Akteur. Aber die Programmatiken des europäischen Rechtspopulismus belegen, dass auch ein virulenter Antiislamismus sich sehr wohl mit der Distanzierung von Antisemitismus und Minderheitenverfolgung verträgt, wie 2015 der Hinauswurf des Parteigründers Jean-Marie Le Pen aus dem Front National durch seine Tochter und Nachfolgerin vorführte. Auch haben 25 Jahre der Aufarbeitung einer zweiten Diktatur in Deutschland seit 1990 nicht verhindert, dass die Pegida-Bewegung sich des mutmachenden Slogans "Wir sind das Volk" bemächtigen konnte.

Ebenso lässt sich das mäandernde Handeln der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise schwerlich auf aufarbeitungsbedingte Handlungsskrupel und Moralerwägungen reduzieren, wie Winkler mit seiner Unterscheidung von gesinnungsethischer "Wir schaffen das"-Rhetorik und verantwortungsethischer Grenzschließung nahelegt. Winkler bezieht sich dabei auf Max Webers Gegenüberstellung des moralisch denkenden Heiligen und des pragmatisch handelnden Politikers. Die aber nahm Weber selbst schon am Ende seines berühmt gewordenen Vortrags über Politik als Beruf wieder zurück, mit dem er in der Münchner Revolutionszeit 1919 zu einer Politik als Kunst des Möglichen aufrufen wollte. Tatsächlich verwischt die Unterscheidung mehr, als sie erklärt. Denn natürlich ist Merkels patriotischer Appell "Wir schaffen das" nicht ohne die Sorge vor den Folgen einer Abschottungspolitik zu begreifen, die das europäische Projekt durch die Überlastung der mediterranen Anrainerstaaten pulverisiert hätte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Etwas anderes aber erklärt die Nachhaltigkeit einer deutschen Erinnerungskultur, die seit Jahrzehnten auf einer dauerhaften Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld und dem unfassbaren Triumph von Barbarei und Menschenverachtung in der NS-Zeit beharrt. Nicht zuletzt in dieser Auseinandersetzung gründet die erstaunlich anhaltende Bereitschaft innerhalb der deutschen Gesellschaft, sich der Aussichtslosigkeit der Lage und dem Versagen der Politik mit zivilgesellschaftlichen Mitteln entgegenzustellen. Dies unterscheidet die heutige Asyldebatte etwa von der, die Ende der 1970er Jahre das Schicksal der vietnamesischen Boatpeople auslöste: Damals folgte allgemeine Ernüchterung auf die zunächst parteiübergreifende Willkommenskultur. Heute hingegen steht der Kontinuität fremdenfeindlicher Ablehnung ein gesellschaftlich stabil verankertes Flüchtlingsengagement gegenüber, das das "Nie wieder" ritualisierter Gedenktagsbeschwörungen ohne viel Aufhebens in ein alltägliches "Hilfe jetzt" überführt hat und sich in diesem Engagement weder von der viel beschworenen Erosion der Mitte noch vom flüchtlingspolitischen Zickzackkurs der Bundesregierung verunsichern lässt.

Der historische Vergleich schärft den Blick dafür, dass wir am Ende einer Epoche stehen, die sich als Nachgeschichte des extremen 20. Jahrhunderts verstand und den liberaldemokratischen Rechtsstaat als Sieger im Kampf seiner drei Großordnungen ausrief. Der Vormarsch autoritärer Politikstile in Europa, die gegenwärtig unaufhaltsam scheinende Ausbreitung des Rechtspopulismus deuten an, dass dieses postdiktatorische Biedermeier hinter uns liegt. Die Zeit ist vorbei, in der das Projekt Europa sich als gelungenes Ergebnis eines welthistorischen Lernprozesses definieren konnte – wie noch im Jahr 2000, als sich die europäischen Regierungschefs mit anderen Partnerstaaten in Stockholm zu einer Holocaust-Konferenz versammelten, um die Fundierung des Projekts Europa als Abgrenzung von der unheilvollen Vergangenheit zu unterstreichen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass in ebendiesen Tagen die schon lange lustlos betriebene Errichtung eines deutschen Freiheits- und Einheitsdenkmals auf der Berliner Schlossfreiheit ihr klangloses Ende fand und gleichzeitig die in der Stasi-Unterlagen-Behörde konzentrierte Aufarbeitung von der öffentlichen Symbolnutzung stärker in die Sphäre der fachlichen Professionalisierung rückt. Die neuen Konfliktlinien der europäischen Gesellschaften werden eben nicht durch eine deutsche "Sondermoral" und eine nationale "Selbstsingularisierung" gezogen, wie Heinrich August Winkler fürchtet, sondern von einer überall innerstaatlich unterschiedlichen Bewertung der Menschenrechte.

Die Denkfigur der nationalen Homogenität ist historisch überholt. Die neuen Grenzen verlaufen nicht zwischen gestern und heute, sondern zwischen Offenheit und Geschlossenheit, zwischen Liberalität und Illiberalität. Diese neuen Scheidelinien sind so scharf gezogen wie die alten, und sie markieren auch in Deutschland die Rückkehr des Politischen im Sinne von Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung. Aber sie trennen nicht mehr die Nationen, sondern vielmehr ihre innergesellschaftlichen politischen Lager und kulturellen Milieus, wie in diesen Monaten der US-amerikanische Wahlkampf ebenso vorführt wie die Proteste gegen die polnische Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit".

In dieser Verschiebung zeichnet sich eine Zäsur ab, die den Stellenwert des Historischen in der politischen Kultur unserer Zeit betrifft. Offenbar büßt die antitotalitäre Konsenserzählung, die für Jahrzehnte den parteiübergreifenden Fluchtpunkt des politischen Selbstverständnisses im Westen gebildet hat, ihre Geltungskraft allmählich ein. Wir denken Geschichte fortan nicht mehr so sehr von der Überwindung der Vergangenheit her als vielmehr von der Bewältigung der Gegenwart.