Im Frühjahr 2016 steigt eine 68 Jahre alte Frau im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf eine Bühne. Ihr Haar ist zu einem blonden, welligen Traum versiegelt, ihr Gesicht unter einem perfekten Make-up verborgen. Mit lauter, harter Stimme begrüßt sie das Publikum. Es ist die Stimme einer lebenslangen Wahlkämpferin.

Auch an diesem Tag spricht Hillary Clinton sicher und faktenreich, wie so oft in den vergangenen Monaten. Nichts in ihren Sätzen, in ihren Bewegungen ist in Unordnung. Und doch ist nichts in Ordnung. Hillary Clinton war First Lady, Senatorin, Außenministerin. Was sie noch nicht war, ist Präsidentin. Bei den Wahlen vor acht Jahren galt sie als aussichtsreichste Bewerberin – und scheiterte. Jetzt, im zweiten Anlauf, ist sie wieder die Favoritin, die letzte Hoffnung all derer, die sich nicht vorstellen wollen, dass Amerika bald von Donald Trump regiert wird. Doch monatelang konnte Hillary Clinton nicht einmal ihren parteiinternen Konkurrenten Bernie Sanders aus dem Rennen werfen, einen 74-jährigen selbst ernannten Sozialisten mit der Aura eines halsstarrigen Opas.

Einen dritten Anlauf wird es nicht geben. Es ist Hillary Clintons letzter Versuch. Nach einer aktuellen Umfrage aber haben nur 31 Prozent der Amerikaner ein positives Bild von ihr. Nie ist ein Kandidat mit einem derart schlechten Wert Präsident geworden.

Die Frage ist: Warum fällt es Hillary Clinton so schwer, die Amerikaner für sich zu gewinnen?

Von einem gewissen Alter an ist jeder das Produkt seiner eigenen Vergangenheit. Die ZEIT hat mit Menschen gesprochen, die Hillary Clinton in ihrem politischen Leben begleitet und beobachtet haben. Setzt man die Aussagen zusammen, entsteht das Bild einer Frau, die sehr früh sehr viel mehr wollte als die meisten anderen Leute, vor allem mehr Macht. Und die auf ihrem Weg nach oben viel von dem aufgegeben hat, wofür sie einmal angetreten ist.

1. Eine Rede, ein Aufbruch

Im Frühjahr 1969 steigt eine 21 Jahre alte Frau im Wellesley College im US-Bundesstaat Massachusetts auf eine Bühne. Sie ist nicht geschminkt, trägt eine dicke Brille, ihr dunkles Haar ist zu einem Dutt gebunden. Die Mitstudentinnen haben Hillary Diane Rodham zur Rednerin für die Abschlussfeier gewählt.

Ellen Brantley, Studienfreundin: Ich war einen Jahrgang unter Hillary in Wellesley. Auf dem Campus kannte sie jeder. Ich bin nicht leicht zu beeindrucken, denn ich bin selbst nicht doof, aber Hillary stach unter uns Studentinnen heraus.

Hillary besucht das College mit einem Stipendium für Schulabgänger, die zu den besten 0,5 Prozent des ganzen Landes gehören.

Gail Sheehy, Schriftstellerin und Autorin einer Hillary-Clinton-Biografie: Ihre Mutter hat mir gesagt, Hillary habe als Kind Stunden damit verbracht, vor dem Elternhaus in der Sonne zu tanzen. Sie glaubte, das Licht sei für sie bestimmt, von Gott geschickt, und himmlische Kameras seien installiert, die jeden ihrer Schritte aufzeichnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Das Wellesley College ist Ende der sechziger Jahre eine elitäre Frauenhochschule, deren Zweck man so beschreiben kann: Die Studentinnen sollen, wenn es gut läuft, einen Harvard-Absolventen heiraten, die Kinder großziehen und – dank ihrer in Wellesley erworbenen Bildung – in der Lage sein, jede Dinnerparty mit klugen Kommentaren zu bereichern.

Doch seit ein, zwei Jahren ist das College in Aufruhr, wie so viele Hochschulen in Amerika. Überall im Land demonstrieren Studenten gegen den Vietnamkrieg und für die Rechte der Frauen, gibt es Proteste nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King und des linken Politikers Robert Kennedy. In Wellesley drohen Studentinnen sogar mit einem Hungerstreik.

Hillary Rodham ist nicht unter ihnen.

Ellen Brantley: Sie war nie eine Radikale. Da gab es in den sechziger Jahren ganz andere. Hillary hatte immer gute Beziehungen zu unserer Dekanin und zur Verwaltung. Auf die Idee, die Uni aus Protest zu schließen, wie es einige Studentinnen forderten, wäre sie nie gekommen.

Zu diesem Zeitpunkt ist Hillary Rodham noch Unterstützerin der Republikanischen Partei, wie ihr Vater, ein Unternehmer, der Vorhangstoffe für Hotels bedruckt. Sie wuchs, sehr behütet, in einem Vorort von Chicago auf. Hillary ist gläubige Methodistin – und es ist ihr soziales Gerechtigkeitsempfinden, das sie in ihren Jahren am Wellesley College für die Themen der Demokraten öffnet. In einem Brief fragt sie ihren Pastor: "Kann man im Kopf konservativ sein und im Herzen links?"

Gail Sheehy: Ihr Vater wollte nicht, dass sie nach Wellesley geht. Aber Hillary wollte dem entkommen, was sie als Unwirklichkeit der amerikanischen Mittelklasse bezeichnete.

Eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass auf Abschlussfeiern Studenten sprechen. Aber jetzt, im aufgewühlten Frühjahr 1969, soll alles anders werden, so haben es die Studentinnen gefordert, und die Präsidentin der Uni hat sich darauf eingelassen. Auch weil sie zu wissen glaubt: Die junge Rednerin wird schon keinen Ärger machen. Miss Hillary Rodham, wendet sich die Präsidentin ans Publikum, "hat eine positive Einstellung und ist eine gute Freundin von uns allen".

Zunächst spricht der Senator von Massachusetts, ein Republikaner. Er erwähnt die Ermordung von King und Kennedy mit keinem Wort, stattdessen übt er scharfe Kritik an der Bürgerrechtsbewegung. Unruhe, die Studentinnen sind entsetzt.

In diesem Moment beschließt Hillary Rodham, von ihrem vorbereiteten Redemanuskript abzuweichen. Sie ruft in den Saal: "Ich muss reagieren, wie es unsere Generation seit einiger Zeit tut. Noch haben wir keine Machtpositionen inne. Aber wir haben die Aufgabe, Kritik zu üben, wir sind zum konstruktiven Protest verpflichtet." Sie wirft der Politik vor, sich auf die "Kunst des Möglichen" zu beschränken. "Die Herausforderung ist jedoch, Politik als die Kunst zu sehen, das Unmögliche möglich zu machen."

Innerhalb weniger Augenblicke und ohne groß darüber nachzudenken, bringt Hillary Rodham sich gegen die Welt der Älteren, Arrivierten, Konservativen in Stellung.

Standing Ovations, sieben Minuten lang.

Ellen Brantley: Ich war Platzanweiserin auf der Abschlussfeier. Hillary kritisierte da vor mehr als 1.000 Leuten einen Senator, das war sehr mutig. Einige Eltern fanden es unmöglich, aber die Studentinnen waren begeistert.

Zuerst berichtet die Nachrichtenagentur AP über den Auftritt. Dann druckt das Magazin Life Auszüge aus der Rede ab, neben einem Bericht über eine neue Generation von Elitestudenten. Die Beziehung zwischen Hillary Diane Rodham und der amerikanischen Öffentlichkeit hat begonnen.

Wenn eine 21-jährige Studentin mit einer Abschlussrede bekannt wird – dann müssen die Zeiten bewegt sein. Die USA sortieren sich in jenen Jahren politisch neu. Präsident Richard Nixon reagiert auf die Revolte der Jugend, indem er seine Partei nach rechts schiebt: Von nun an sprechen die Republikaner eher die patriotischen, religiösen Amerikaner an. Die Demokraten hingegen wenden sich den Studenten zu, den jungen Frauen und ethnischen Minderheiten.

Es ist dieser Rechts-links-Gegensatz, der die Politik in den USA von nun an bestimmen wird. Klar, auf welcher Seite Hillary Rodham steht. Sie ist in diesem Frühjahr 1969 auf nahezu beängstigende Weise zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Hier wirken Kräfte, die stärker sind als sie.

Sie geht zum Jurastudium an die Eliteuniversität Yale, dort ist sie eine von 27 Frauen unter 235 Kommilitonen. Sie hat nun den Ruf, eine bedeutende Aktivistin zu sein. Eine Fernsehtalkshow lädt sie ein, sie leitet Studentenversammlungen. Manche ihrer Kommilitonen nehmen Drogen und grübeln über ihr Leben nach. Hillary ist anders. Sie scheint einem klaren Ziel zuzustreben: Ihre Freunde glauben, sie wolle Politikerin werden.

Und dann – verliebt sie sich.

Er ist anders als die jungen Männer aus reichen Familien, die an Unis wie Yale oder Harvard den Campus bevölkern. Er stammt aus einer Provinzstadt im Süden, kleinbürgerliche Herkunft, der Vater früh gestorben, der Stiefvater ein Trinker, Spieler und Schläger. Hillary und ihr neuer Freund haben nicht viel gemein, außer einem: Auch er will in die Politik.