So einen Titel muss man sich erst mal trauen: In den Wäldern des menschlichen Herzens. Das klingt, je nachdem man es nehmen will, wie Rilke für Arme oder wie aus der Titanic. Antje Rávic Strubel aber setzt ihn mit vollem Ernst über ihr Buch. Ob das gut geht? Noch ehe man die erste Seite gelesen hat, kann man nicht anders, als ihren Mut zu bewundern und neugierig zu sein.

Das Herz: In diesem Organ nistet seit der Romantik der unbezähmbare Widerstand gegen die Forderungen der Zivilisation, der hervorbricht vor allem in Liebesdingen. Gerade als liebendes aber fand es dann doch meist recht schnell in die Konvention zurück, in Ehe, Familie und gesellschaftliche Reproduktion, gut höchstens noch für einen Seufzer dann und wann. Damit nun steht es in der Welt der Antje Rávic Strubel von Grund auf anders; denn hier ist das scheinbar unabänderliche Fundament, das half, selbst die ärgsten Liebesrebellen wieder heim in den Stall zu lenken, ins Wanken geraten: die Konstanz der Geschlechter. Der angeborene Körper als solcher gewährt keine Sicherheit mehr, er ist gewissermaßen so dünn geworden wie ein seidenes Hemd und vermag das Herz, das er einschließt, kaum mehr vor den Gewalten der Natur zu bergen. Auf einmal erscheint es ganz unausgemacht, wie sich Liebe und Geschlecht zueinander verhalten. Jeder darf sich sein Gender aussuchen, da steht inzwischen eine ganze Palette zur Wahl; aber was das wirklich bedeutet, wenn zwei Personen aufeinandertreffen, in ihrer Neigung und der "Präzision ihres Begehrens" (wie es wiederholt heißt), dafür gibt es keine Handreichungen, da ist jeder auf sich gestellt und weiß nie so genau, was er an sich, geschweige denn am andern hat. Es gibt viel Zweifel und Verrat in diesem Buch; und es wird viel gefröstelt.

Wohlgemerkt, es geht nicht einfach nur um die sexuelle Präferenz – das wäre ein vergleichsweise simpler Fall; er griffe nicht in die "urinale Segregation" ein, wie es eine der Figuren mit dem Blick auf die Männlein und Weiblein an den Türschildern öffentlicher Toiletten ironisch benennt. In diesem Punkt ist der Kampf weitgehend gewonnen und soziale Toleranz durchgesetzt. Nur die allergröbsten Charaktere sprechen in diesem Buch noch von "Lesben" und "Schwulen". Dagegen kann es passieren, dass eine Person die anderen höhnisch vor den Kopf stößt, indem sie sich den angeklebten Bart vom Gesicht reißt und sich zu erkennen gibt als – ja, was? Eine Frau? Das wird auch nach der Demaskierung nicht ganz deutlich.

Masken sind es, die durch und durch gehen. Eine Figur – Emily – tritt zögernd vor den Spiegel und schaut sich an, was in der letzten Zeit mit ihrem Gesicht geschehen ist: "Da waren mehr Linien unter den Augen. Die Einkerbungen neben den Mundwinkeln tiefer. Auch ihre Lippen schienen verändert. Ihr Mund sah entschlossener aus, als hätte sich die Lage des Kiefers um Millimeter verschoben." Als Todsünde des Interpreten (obschon nicht des Lesers) gilt es, den Erzähler oder Protagonisten des Romans mit dem Autor gleichzusetzen. Doch genau darauf scheint Antje Rávic Strubel es angelegt zu haben, so scheu und entschlossen, wie sie ihr Porträt auf der hinteren Umschlagsklappe darbietet: Man ist versucht, darin tatsächlich ein Gesicht erkennen zu wollen, das den Leser beirren soll mit seinen aus dem alten Zweierlei gemischten Zügen, die gemeinsam etwas Drittes ergeben, das die "urinale Segregation" hinter sich lässt.

Das Buch tut, was dem zeitgenössischen deutschen Roman nur in Ausnahmefällen glückt: Es redet von einer Erfahrung, die neu ist. Das stellt hohe Forderungen an Form und Sprache.

Die Autorin bezeichnet ihr Werk als einen Episodenroman, was die Sache ziemlich genau trifft. Das Personal – außer Emily vor allem René (die mit dem Schreiben ihres ersten Buchs ringt), Leigh (mit dem falschen Bart), die Amerikanerin Faye, die in der alten DDR sozialisierte Helen, der etwas tumbe Norman, die geschiedene Sara, welche sich spät in erotisches Neuland wagt, und Katja, die am Schluss zum extrem maskulinen Katt mutiert ist – wird angeordnet zu einem Reigen wechselnder Konstellationen (ein wenig wie bei Arthur Schnitzler), auf wechselnden Schauplätzen zwischen Brandenburg, Skandinavien und den westlichen USA. So lassen sich gut verschiedene Typen der Liebesbegegnung durchspielen. Aber es heißt eben auch, dass jede einzelne Begegnung nur wenig Raum erhält und der experimentelle Charakter der Vielfalt sich literarisch auf Kosten der emotionalen Kraft verwirklicht. Die Figuren, von Haus aus mehrdeutig, drohen sich in bloße Schemen zu verlieren.

Die Sprache, wie das Buch überhaupt, bewegt sich auf internationalem Terrain, was bedeutet, dass es sich stellenweise wie eine nicht völlig gelungene Übersetzung aus dem Englischen anhört. Von großen Bäumen heißt es, ihre Stämme "quollen knapp über dem Boden auf", Typen sitzen herum in "harmlos gelabelten Sweatern" oder "Sie war kein Grund, hier zu sein". Das ist ja alles nicht ganz verkehrt, wirkt aber leicht geistesabwesend. Und dass der Leser weiß, was es mit "the Grove", "Valet Parking", einem "lemon twist" oder "gravel ghost" auf sich hat, wird zwanglos vorausgesetzt. Die Gestalt, die ihr Neues ganz und gar hervortreten ließe, hat Antje Rávic Strubel vorerst noch nicht gefunden.

Antje Rávic Strubel: In den Wäldern des menschlichen Herzens. Episodenroman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2016; 269 S., 19,99 €, als E-Book 18,99 €