Da steht sie. Nun ja, sie steht auf einen Stock gestützt, aber doch, steht, die 87 Jahre alte Dame, die man in England mit dem großen Rudyard Kipling vergleicht, dem Autor des Empire, sie steht auf dem weißen Kies ihrer Auffahrt, perfektes Timing, heißt es in Disneys König der Löwen. Das Auto mit der Besucherin knirscht auf den Hof des alten Anwesens in Sandwich, Kent, diesem Juwel mittelalterlicher Stadtarchitektur, und sie ist da, die Autorin Jane Gardam. 25 Bücher, Romane und Erzählungen, die dem Verwehen dieses Empire nachspüren, Bücher, überschüttet mit Preisen. Wofür? Weil sie die Kosten bilanziert, die ein Weltreich in den Seelen der Herrscherkaste kassiert. Werke, die Wunden berühren, die niemand auch nur anschauen will. Witzige Bücher, unerwartet böse, diese Geschichten von Sweet Lady Jane.

Ihr Haar ist voll und schlohweiß. Mollige Gestalt. Pastell für das Jackett, der Lady-Klassiker. Und natürlich Perlen. Doppelreihig. Hinter ihr glüht der Goldlack, die Narzissen stehen tief im Vergissmeinnicht. Und natürlich Tulpen. Exquisites Graugrün. Die Gastgeberin lächelt, o wie gerne würde man gleich mal fragen, also nach diesen Perlen, oder den Tulpen, ob sie, Jane, wie Elizabeth in Eine treue Frau, mit der sie offensichtlich die Paddelhände teilt, Geheimnisse unter dem Blütenmeer des Gartens verbuddelt hat. Sorry. Würde man ja nie wagen. Die Lady bittet zum Tee. Man möge vorausgehen. Nicht auf sie warten. Wirklich. Sie komme nach, mit ihrem Stock. So ist es.

Haltung also. Stilempfinden. Präzision. Und dazu diese Nonchalance im Umgang mit den Gemeinheiten des Lebens, wie es für den britischen Nationalcharakter typisch ist, also auch bei Jane Gardam, es geht um mehr als lahme Beine, worauf wir noch zu sprechen kommen werden, als wir im Esszimmer sitzen, längsseitig die hohen Fenster und wir an dem polierten Tisch, sie nimmt eine der Tassen in die eine Hand, und in der anderen Hand hält sie die Kanne und schenkt ein, freihändig, ohne zu zittern oder zu schwächeln, wie es die Damen Englands seit Hunderten Jahren auf der ganzen Welt beherrschen. Die Herstellung einer perfekten Gebrauchsoberfläche.

In dieser Kunst brillieren natürlich auch ihre Charaktere, Leute wie Edward Feathers, wie Gardams Gatte ein Anwalt der Krone, Feathers gab sich und der berühmten Trilogie seinen Namen, Old Filth (2004), bedeutet "Alt und dreckig" und zugleich das Gegenteil, es ironisiert, dass Feathers Ein untadeliger Mann ist, goldgelbe Socken, etwas Parfum. Ein Starjurist, ironisiert in Filth wie Failed in London try Hong Kong. Und Elizabeth, seine Frau, die üppige Perlen trägt wie ihre Autorin.

Elizabeth und Filth verkörpern das Beste von England, Kultiviertheit, Rückgrat, auch diese Härte sich selbst gegenüber, auf die sich das Empire stützte. In ihnen zeigt sich zugleich, was der Glanz verdeckt. Eine Verletztheit. Jeder dieser Gardam-Menschen ist eine Insel für sich. Diese Unerreichbarkeit der eigenen Sehnsüchte, die man sogar vor sich selber verbirgt. Die Geschichten, meisterhaft entwickelt, berichten von einer existenziellen Verlorenheit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Elizabeth hat zwei Sets Perlen, die identisch sind, eines von Feathers, ein zweites von seinem Erzfeind Veneering, der eben nicht nur beruflicher Konkurrent ist. Nur so viel, ein Set dieser Perlen wird man, Jahre nachdem Elizabeth gestorben ist, unter ihren Tulpen finden, vergraben von ihr, um Feathers nach ihrem Tod nicht zu verletzen, mit einer Affäre, die es so nicht gab. Oder doch. Es wird sich herausstellen, Feathers war unterrichtet, Perlen und alles, die Ehe war eine prekäre Hängepartie über einem Abgrund. Klingt jetzt wie Schmöker. Ist sehr witzig. Und anrührend.

Gardam hat die Gabe, Situationen in einem hingeworfenen Satz umzudrehen, inmitten einer sauber konstruierten Szene reißt dann etwas auf, etwas Ungeheuerliches. Es sind Bücher, die nach allen Regeln der britischen Erzählkunst gearbeitet sind, man hat ja lange vor dem Empire den Roman erfunden. Gardam sagt, das habe sie als Schülerin natürlich aufgesogen, Jane Austen, Hardy, die Brontës, von Shakespeare nicht zu reden, schon bei ihm, wird sie sagen, gebe es ja keine "Nebenfiguren", sondern nur vollkommene Personen.

Beide, Feathers und Elizabeth, wie auch Veneering, Held von Band 3 (2013), alle sind sie so etwas wie Waisen. Kinder, deren Mütter bei der Geburt starben. Da ist ein Vater, der keine Liebe entwickeln kann. Es gibt Tanten, die eine Waise aufnehmen, aber nicht in den Arm nehmen. Eine Mutter, die ihr Kind wegschickt, damit es ein besseres Leben finden kann, und weiß, sie wird ihr Kind in ihrem Leben nie mehr sehen. Woher kommt dieses Motiv? Und seine Umkehrung, das Thema der verwaisten Eltern, etwa dieses Paar, das sich nach einer Fehlgeburt nach Florenz flüchtet und ausgerechnet gegenüber dem berühmten Ospedale degli Innocenti einquartiert, Renaissance, von Brunelleschi. Erste Babyklappe der Welt, für unerwünschten Nachwuchs. Woher die schmerzliche Verknäulung des Motivs?