5. Soziales Nörgeln

Das Herummäkeln am Kantinenessen gehört aber trotzdem dazu. Denn wenn es in der Mittagspause eine Regel gibt, dann: "Wir reden jetzt aber nicht über die Arbeit." Und damit sind etwa 90 Prozent der mit den Kollegen gerne zu besprechenden Themenfelder ja schon brandgerodet. Wer also keine Scheidungs- oder Sinnkrisengeschichten hören möchte, spricht irgendwann über das Essen. Und weil der Satz "Schmeckt echt super" so kurz und themenerschöpfend ist, bietet sich das Nörgeln an. Trocken, sah von Weitem besser aus, wohl vom Vortag, sag mal, sind das Wurststücke? Auf dieser Ebene kann man wunderbar zehn Minuten miteinander smalltalken. Und danach ist dann ja zum Glück auch schon wieder der Kaffee zu kalt/heiß/stark/dünn.

6. Die Teller-Typologie

In Wahrheit, also wenn jeder für sich über das Essen nachdenkt, kommen die Kantinenspeisen dagegen ziemlich gut weg. Im Online-Bewertungsportal diekantinen.de vergeben regelmäßig Kunden für das Angebot ihrer jeweiligen Großküche Noten zwischen einer und drei Chilischoten und stellen sogar umfängliche Berichte über Atmosphäre, Auswahl und Variation innerhalb des Wochenrhythmus dazu. Besonders das Essen in Landgerichten und Behörden wird dabei gelobt. Viel interessanter ist deshalb nicht der Blick auf den eigenen, sondern auf den Teller des Sitznachbarn. US-Forscher haben sich in verschiedenen Studien dem Zusammenhang zwischen Speisewahl und Charakter gewidmet und unter anderem herausgefunden, dass Menschen, die gern Nudeln essen, harmoniebedürftig sind und Verlangen nach dem Glückshormon Serotonin haben, das bei der Verarbeitung komplexer Kohlenhydrate freigesetzt wird. Kollegen, die viel Gemüse und Salat essen, seien häufig sozial engagiert und kompromissbereit, Fleischesser bewiesen einen ausgeprägten Teamgeist (weil sie, wie der amerikanische Neurologe Alan Hirsch erklärt, indirekt nach Mitkämpfern für die Jagd suchten).

7. Der Masterplan

Eigentlich ist es also ganz einfach: am zweiten Arbeitstag pünktlich um 12.15 Uhr mit den Nachbarbüro-Kollegen zur Kantine laufen, passendes Kleingeld bereithalten, um bei dem, der einen "mit auf die Karte" nimmt, später umstandslos seine Schulden begleichen zu können, am Tisch zwischen einem Fleisch- und einem Salatesser Platz nehmen, kurz und bündig über das Essen meckern, danach unbedingt noch mit Kaffee trinken gehen. Und dabei mal ganz unauffällig nach den liebsten Eissorten fragen. Der Kollege, der dann "Banane" antwortet, ist der Volltreffer. Denn der Bananeneis-Esser, sagt Alan Hirsch, ist "gelassen, großzügig und bleibt auch bei Stress relativ entspannt". Dem kann man also als Erstem anvertrauen, dass man mittags lieber mit betriebsfremden Freunden zum Imbiss um die Ecke geht.

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