In der südchinesischen Stadt Yangjiang sitzen Kinder in einem Klassenzimmer aus Glas. Wie ein riesiger, durchsichtiger Bauklotz liegt das Gebäude auf dem Gelände der Yanxi Experimental Primary School in der Provinz Guangdong. Besucher können die Schülerinnen und Schüler schon von Weitem erkennen. "Wir wollen untersuchen, wie sich das helle Klassenzimmer auf die Kinder auswirkt", sagt Nathan Congdon. Vor allem auf die Augen der Schüler. Zum ersten Mal weltweit wurde in Yangjiang ein Gebäude geschaffen, um Kinder vor Kurzsichtigkeit zu schützen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Nathan Congdon ist Professor für Augengesundheit an der Queen’s University in Belfast. Er und sein internationales Team reagieren auf einen weltweiten Trend, der ihnen Sorge bereitet. Mehr als die Hälfte aller chinesischen Schulkinder sind kurzsichtig, in den vergangenen Jahren ist die Zahl stark gestiegen. Auch in Deutschland nimmt die Kurzsichtigkeit stark zu, mittlerweile leidet bereits gut ein Drittel der Gesamtbevölkerung daran. Jetzt erforschen Wissenschaftler, warum sich die Augenerkrankung so schnell ausbreitet und wie die Entwicklung zu bremsen ist.

Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt, entsteht gewöhnlich im Schulalter, meist zwischen acht und 15 Jahren. "Je früher sie beginnt, desto stärker ausgeprägt ist die Myopie, die man gegen Ende des Jugendalters erreicht hat", sagt Wolf Lagrèze, Leiter der Sektion Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie und Schielbehandlung am Uni-Klinikum Freiburg.

Bei gesunden Augen wird das einfallende Licht auf der Höhe der Netzhaut gebündelt. Dort entsteht ein scharfes Bild der Umgebung. Bei kurzsichtigen Menschen dagegen sind die Augäpfel in die Länge gewachsen, sodass die Bündelung vor der Netzhaut stattfindet. Schon eine Verlängerung des Augapfels um einen Millimeter entspricht etwa 2,7 Dioptrien. Wenn die Fehlsichtigkeit sehr stark wird, ist das nicht nur lästig, sondern kann der Gesundheit schaden: Eine hohe Myopie jenseits der sechs Dioptrien birgt ein erhöhtes Risiko für grünen und grauen Star sowie für eine Ablösung der Netzhaut.

Was aber verursacht die Erkrankung? Lange Zeit vermuteten die Augenärzte vor allem genetische Gründe. Waren beide Eltern kurzsichtig, müsste wahrscheinlich auch der Nachwuchs eine Brille tragen, dachten sie. Mehr als 40 Gene sind inzwischen bekannt, die beim Entstehen der Myopie eine Rolle spielen. "Aber die Kurzsichtigkeit hat in einigen Ländern innerhalb weniger Generationen so stark zugenommen, dass dies nicht allein genetisch zu erklären ist", sagt Lagrèze. In einem so kurzen Zeitraum kämen für die Zunahme nur Umwelteinflüsse infrage.

Die wichtigste nicht genetische Ursache liegt nahe: Wer viel liest, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit kurzsichtig. Besser Gebildete tragen deshalb öfter Brillen, das Klischee stimmt tatsächlich. Lesen Kinder mehr als zwei Bücher pro Woche, steigt ihr Myopie-Risiko deutlich an, ergab eine Untersuchung aus Singapur. Zudem zeigte eine repräsentative Befragung von 4.658 Probanden der Mainzer Gutenberg-Studie im Jahr 2014, dass fast die Hälfte der Befragten mit Abitur an Kurzsichtigkeit litt, bei jenen mit Hauptschulabschluss nur etwa ein Viertel. So ließe sich nun auch erklären, warum die Kurzsichtigkeit zunimmt. "Der Leistungsdruck unter Schülern hat sicher damit zu tun, vor allem in manchen asiatischen Ländern", sagt der Augenarzt Wolf Lagrèze. Die Kinder sitzen womöglich einfach länger über ihren Schulbüchern als früher.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Vor allem ein kurzer Leseabstand und lange Lesephasen fördern die Augenerkrankung. Das Ministerium für Erziehung in Taiwan empfiehlt daher, einen Leseabstand von mindestens 30 Zentimetern einzuhalten. Zusätzlich sollen die Schüler alle 30 Minuten eine Pause einlegen. In einer Grundschule im zentralchinesischen Wuhan sind sogar Metallbügel an die Tische montiert. Sie sollen verhindern, dass die Schüler sich zu nah über ihre Bücher beugen.