DIE ZEIT: Frau Boschi, seit mehr als zwei Jahren sind Sie Ministerin für Reformen. Eines der wichtigsten Ämter der Regierung Renzi. Ich habe mir ein paar Spitznamen rausgesucht, die man Ihnen in diesen zwei Jahren gegeben hat: Renzis Amazonin, Jaguarin, Verlobte Italiens, Jungfrau Italiens ...

Maria Elena Boschi: (lacht) Wir sind nun mal in Italien ... aber wir verbessern uns!

ZEIT: Wie leben Sie mit diesen Zuschreibungen?

Boschi: Im Netz zirkulieren Fotos von mir, die eindeutig Fotomontagen sind. Natürlich macht mir das keine Freude. Ich lasse mich aber nicht entmutigen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

ZEIT: Hat sich bei Ihnen dadurch was verändert?

Boschi: Ich lese etwas weniger Zeitung, ich habe Twitter von meinem Handy genommen und lebe dadurch etwas besser. Aber es geht nicht nur um mich. Es geht auch um die Frauen, die jünger sind, die vielleicht erst ihr Leben aufbauen müssen. Wenn man diesen Frauen eintrichtert, sie müssten perfekt gekleidet sein und perfekt aussehen, um eine Zukunft zu haben, dann ist das schädlich. Wenn die Botschaft ist: Selbst wenn ihr arbeitet, studiert, euch einsetzt – am Ende ist nur euer Aussehen entscheidend, dann werden diese Frauen entmutigt.

ZEIT: Silvio Berlusconi soll zu Ihnen gesagt haben: "Sie sind zu schön, um Kommunistin zu sein."

Boschi: Das hat er mir persönlich gesagt, bei unserer ersten und einzigen Begegnung.

ZEIT: Was haben Sie ihm geantwortet?

Boschi: Ich habe ihm gesagt: "Berlusconi, der Kommunismus existiert nicht mehr!"

ZEIT: Lassen Sie uns über den Ruf Italiens reden. Die Deutschen lieben Italien, aber sie vertrauen den italienischen Politikern nicht.

Boschi: Einige Gründe für das Misstrauen gegen die italienische Politik sind dank der Arbeit unserer Regierung verschwunden. Nehmen Sie die Instabilität des italienischen politischen Systems. Wir hatten in 70 Jahren 63 Regierungen. Das war schwer für unsere Partner. Wir geben dem Land aber seit zwei Jahren Stabilität. Wir haben eine Wahlrechtsreform und eine Verfassungsreform durchgesetzt, und die werden auch in Zukunft für Stabilität und mehr Glaubwürdigkeit sorgen. Und wir haben Reformen durchgesetzt, über die seit 20 Jahren geredet wurde. Etwa die Arbeitsmarktreform. Sie hat innerhalb eines Jahres 398.000 Arbeitsplätze geschaffen. Die Verwaltungsreform ist auf den Weg gebracht. Und wir packen eine Justiz- und Schulreform an. Italien spielt auch in Europa eine aktive Rolle. Wir haben für den europäischen Binnen- und Arbeitsmarkt Vorschläge gemacht, wir haben zum Thema Migration Vorschläge unterbreitet. Wir machen das alles in erster Linie im Interesse unserer Bürger, aber es ist uns auch wichtig, im Ausland Vertrauen zu gewinnen. Es ist doch so: In Deutschland haben Sie zwar vor Jahren notwendige Reformen umgesetzt, aber in anderen europäischen Ländern herrscht immer noch Stillstand.

ZEIT: Sie meinen Frankreich?

Boschi: Ja, ich meine Frankreich. Oder schauen Sie nach Spanien. Vor diesem Hintergrund ist Italien äußerst dynamisch. Unsere Verfassungsreform ist ein Beispiel für politische Stärke. Sie überwindet das Zweikammersystem, das für Italien zu einem Nachteil geworden war. Die Reform hat die Zahl der Senatoren von 315 auf 100 reduziert.

ZEIT: Ihr Reformprogramm geht weit über die Abschaffung des Zweikammersystems hinaus. Das hat heftige Widerstände provoziert, in der Opposition wie auch in der eigenen Regierung. Man wirft Ihnen vor, Sie wollten den Staat umbauen, um ihn autoritär regieren zu können. Man sagt, Sie würden die Demokratie unterminieren.

Boschi: Italien bleibt auch nach der Verfassungsreform eine parlamentarische Demokratie.

ZEIT: "Und als Nächstes gehen wir die Direktwahl des Präsidenten an!" – dieses Zitat stammt doch von Ihnen?