DIE ZEIT: Herr Thelen, Herr Victor, Sie fahren seit Wochen durch Sachsen, besuchen kleine und große Städte – und haben eine Webseite eingerichtet, auf der Sie von Ihrer Tour berichten. Sie suchen nach der Ursache für das, was hier schiefläuft, für all das Böse. Schon fündig geworden?

Thomas Victor: Wir wollen nicht nur das Böse suchen! Unser Ansatz ist eigentlich freundlich gemeint. Ich fühle mich immer unwohl, wenn die Sachsen so hart angegriffen werden. Ich bin Thüringer, stamme aus Jena, habe lange in Berlin gelebt. Ich will nicht alle Sachsen oder Ostdeutschen verurteilen. Wenn man das tut, macht man dieselben Fehler wie die Pegidisten, für die alle Muslime schlecht sind.

ZEIT: Was machen Sie stattdessen?

Victor: Wir gehen ganz offen einer Frage nach: Was steckt wirklich hinter der Erzählung, dass Sachsen eine Gegend sei, in der besonders viele Leute einen Hang zu Rechtsextremismus oder Rechtspopulismus haben?

Raphael Thelen: Die Sache ist, dass uns auf unserer Tour schnell klar wurde: Das Problem ist nicht kleiner, als die Medien es machen – sondern es ist eher größer. Es gibt in Sachsen wirklich ein latentes Problem mit fremdenfeindlichen Einstellungen. Wir haben uns gefragt, ob Sachsen Sündenbock oder Sonderfall ist, und mein Zwischenfazit lautet: Es ist beides.

ZEIT: Wie viel wussten Sie vorher über die Gegend?

Thelen: Ich stamme aus Bonn und lebe erst seit drei Monaten in Leipzig – und ich bin explizit hierhergezogen, weil Sachsen so oft in den Schlagzeilen ist. In den vergangenen Jahren habe ich aus Krisengebieten berichtet, war im Libanon in Flüchtlingslagern, habe im Irak gearbeitet. Nun wollte ich eigentlich nach Athen. Aber dann sah ich mir Pegida an und dachte: Oh, krass. Ostdeutschland, Sachsen, das ist gerade auch wichtig. Warum in die Ferne fahren, wenn es im eigenen Land so brennt.

ZEIT: Wie gehen Sie auf Ihrer Sachsen-Reise vor?

Thelen: Wir versuchen, an verschiedenen Orten immer mehrere Tage zu verbringen und möglichst viele Zufallsbegegnungen zu erleben. Nur wenige Gespräche sind vorher verabredet, wir wollen die Leute, mit denen wir reden, nicht nach Gesinnung aussuchen. Aus unseren Besuchen entstehen Texte, Videos, Fotos – die wir auf die Webseite stellen, neuenormalitaet.de. Die heißt so, weil seit den AfD-Erfolgen teils lapidar gesagt wird, Deutschland sei jetzt in der europäischen Normalität angekommen. Rechte Auswüchse würden dazugehören. Damit wollen wir uns nicht abfinden.

ZEIT: Welche Orte haben Sie schon gesehen?

Victor: Wir waren in Plauen, Hoyerswerda, Aue, Leipzig und Dresden, aber wir sind noch nicht fertig. In Dresden haben wir uns Pegida angeschaut oder auch den Prozess gegen Lutz Bachmann wegen Volksverhetzung. In Hoyerswerda wollten wir sehen, wie es einer Gegend geht, die wirtschaftlichen Niedergang erlebt hat.

ZEIT: Was ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Victor: Schon Aue im Erzgebirge. Eigentlich eine wahnsinnig schöne Gegend. Als wir ein paar Tage dort waren, fand ein rechtsextremistischer "Sternmarsch" statt, kaum jemand störte sich daran. Irgendwann gab es den Punkt, da waren wir so verzweifelt, dass wir auf einen Berg hochfahren mussten – erst mal eine Zigarette rauchen, durchatmen.

ZEIT: Wieso das?

Thelen: Weil wir erschöpft waren von üblen Geschichten. Eine Weile kannst du professionelle Distanz halten. Irgendwann geht es dir selber schlecht. Wir dachten: Was zum Teufel ist in dieser Stadt los?

ZEIT: Was war denn los?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Thelen: Im Fußballstadion von Erzgebirge Aue zum Beispiel stand ich neben einem Mann, der mir nach zehn Minuten – als wäre das das Normalste der Welt – erzählte, er würde Ausländer am liebsten lynchen, wenn sie ihm begegneten. Er habe seinem Chef gesagt, dass er niemals mit Migranten zusammenarbeiten werde, der Chef habe das akzeptiert. Ein anderes Mal traf ich einen Lokaljournalisten, der sagte, die Political Correctness heute sei genauso schlimm, wie die Denkverbote in der DDR es gewesen seien, das Wort "Lügenpresse" könne er verstehen. Wir trafen einen Skateboardfahrer, der uns erzählte, dass ihm ein Nazi die glühende Zigarette auf den Hals gedrückt habe – der Vater des Nazis sei Polizist. Anderswo haben Leute mir berichtet, auf Familienfeiern könne man das P-Wort und das F-Wort, also Pegida und Flüchtlinge, nicht mehr verwenden, weil es sofort zur Eskalation komme. Mir geht das alles nahe. Das sind Bürger meines Landes, und ich bin Bürger dieses Landes. Und die reden so was.

Victor: In Aue, das war eigentlich der letzte Auslöser unserer Verzweiflung, haben wir eine tapfere Sozialarbeiterin getroffen, die uns schilderte, für wie verseucht sie den ganzen Landstrich hält. Das war dann der Moment, an dem wir mal kurz hoch auf den Berg mussten. Da wurde uns bewusst: Wir reden über ein Ressentiment-Problem der Mitte.