Das Verhältnis zwischen Doktoranden und ihren Betreuern sollte vertraulich sein. Doch oft mündet es in Abhängigkeit. Der Grund sind unübersichtliche Strukturen.

Doktoranden reden nicht gerne über ihre Doktorväter. Schon gar nicht während der Promotion. Denn sie sind ihren Professorinnen und Professoren ausgeliefert: Die Betreuer sind während der Promotion Vorgesetzte und später Richter über das Ergebnis, sie bestimmen über die Arbeitszeit, und auch auf das Geld des Lehrstuhls sind viele Doktoranden angewiesen. Ihr Erfolg und ihre Reputation hängen maßgeblich vom guten Willen der Doktorväter und -mütter ab. So familiär dieses Verhältnis im Deutschen also auch umschrieben wird – es ist verkrampft.

Manchmal ist es sogar zerrüttet. So wie bei Elisa Fischer. Sie hat ihre Doktorarbeit nach eineinhalb Jahren abgebrochen. Ihren echten Namen will die Mittzwanzigerin nicht in der Zeitung lesen. Ihr Fachbereich sei zu klein, als dass sie es sich leisten könnte, ihren Doktorvater öffentlich anzugreifen. Obwohl sie allen Grund dazu hätte: Er betreut über zwanzig Dissertationen und eine Habilitation gleichzeitig – an zwei Fakultäten in verschiedenen Städten. "Seine Sprechstunde fand nur einmal im Monat statt", sagt Fischer. "Und dann warteten gut dreißig Personen vor seinem Büro."

Weil sie einige Zeit im Ausland war, kannte sie nach ihrer Rückkehr an der Fakultät niemanden mehr – also entschied sie sich für ihn und fing an zu forschen. Immer wenn sie ihn traf, habe er gesagt: "Jaja, machen Sie mal." Elisa Fischer forschte weiter. Bis sie nicht mehr weiterwusste. Doch eine Hilfe war ihr Doktorvater nicht. Nach eineinhalb Jahren eröffnete er ihr, dass er das Thema irrelevant fand. Fischer entschied sich, die Dissertation abzubrechen, und reichte ihre Arbeit wie ursprünglich geplant als Masterarbeit ein – beim gleichen Professor.

Acht Monate ließ er sich Zeit, dann gab er die Arbeit ohne Gutachten und mit einer mittelmäßigen Note zurück. "Ich bin nicht einmal sicher, ob er sie gelesen hat", sagt Fischer. Als sie ihn darauf ansprach, sei er ausgeflippt. Er habe seinen Job doch gemacht. Womit er im Recht ist: In der Prüfungsordnung ist das Gutachten "eine Leistung, die erbracht werden kann". Im Herbst trennten sie sich im Streit. Fischer verwarf ihre Dissertationspläne und fing an zu arbeiten. Noch immer klingt die Verzweiflung über diesen Schritt in ihrer Stimme mit.

Der Professor weist im Gespräch mit der ZEIT die Vorwürfe zurück. Weder sei die Zahl seiner Doktoranden und Doktorandinnen ungewöhnlich hoch, noch seien diese unzufrieden. Im Gegenteil. An den Fall Fischer kann er sich allerdings nicht mehr erinnern.

Wer auch immer recht hat, der Fall Fischer wirft ein Schlaglicht auf die Abhängigkeiten. Durch die Modularisierung hat sich das Studium in den vergangenen Jahren zwar maßgeblich verändert, die Dissertation aber entspricht noch immer weitestgehend ihrer althergebrachten Form. Die Doktorarbeit gleicht einer Krönung, nicht einer dritten Etappe auf dem Weg zu akademischen Ehren. Die Reformen von Bologna sind kaum in das Patriarchat der Promotionen vorgedrungen. Professoren sind keine Pädagogen. Sie sind Forscher, das macht sie noch nicht zu guten Führungspersonen. Seminare oder Fortbildungen sind nicht vorgeschrieben. Für die Betreuung einer Dissertation qualifiziert sie die eigene Promotion – die nebenbei oft auch als einzige Referenz herhalten muss dafür, wie man eine Doktorarbeit schreibt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Professoren bestimmen weitestgehend selbst, wie sie die Begleitung einer Dissertation gestalten und welche Priorität sie ihr beimessen. Vonseiten der Fakultäten wird wenig vorgeschrieben, oft begnügen sich die Parteien mit einer kurzen schriftlichen Vereinbarung, in der festgehalten wird, wie oft man sich zu treffen gedenkt und in welcher Regelmäßigkeit die Doktoranden einen Zwischenstand abliefern. In vielen Fällen begnügen sich die Professorinnen und Professoren aber mit noch laxeren Absprachen.

"Den Professorinnen und Professoren ist nicht bewusst, welche Macht sie ausüben", sagt Anna Tschaut. Die 36-Jährige ist Vorsitzende des Vereins Thesis, eines Netzwerks für Promovierende und Promovierte. Aus etlichen Gesprächen und auch aus eigener Erfahrung weiß sie um die Situation der Doktoranden, die oft noch sehr unsicher seien und jeden Nebensatz auf ihre Arbeit bezögen.

Frisch graduierten Studentinnen und Studenten fehlt oft der nötige Überblick. Sie haben mit Bachelor und Master bewiesen, dass sie sich in ihrem Fach auskennen, noch überblicken sie jedoch nicht die gesamte Forschung. Auf welche Schule, Netzwerke und Seilschaften sie sich bei der Wahl des Doktorvaters oder der Doktormutter einlassen, werden sie erst im Laufe der Promotion herausfinden. Doch die Namen sind auf Lebzeiten miteinander verknüpft. Wollen die Promovierenden in der Forschung bleiben, wird sich jede Erwähnung ihres Doktorvaters oder ihrer Doktormutter immer auch auf sie auswirken. Etwa der Name Notger Slenczka.