Ehrlich, ich muss tief Luft holen, bevor ich diese Geschichte erzähle. Es passierte letzte Woche beim Blödfischangeln. Dem Blödfisch muss man, wie jeder weiß, nur eine Beleidigung zurufen, damit er an Bord springt. Nur rief ich dummerweise in einen Schwarm hinein – ein Massenanflug von Blödfischen kippte mich über Bord.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Drei, vier Tage muss ich getrieben sein, dann spüre ich Sand unter den Füßen. Einen feinen Sand, wie in der Karibik. Vor mir liegt ein langer Strand, links Wald, rechts ein Hafen mit U-Booten drin. Dazwischen eine Promenade. Möwen kreischen. Ein ganzes Rudel Eichhörnchen blickt mich stumm an, als ich mit letzter Kraft auf das erste Haus zuwanke. "Taverna Kreta" steht über dem Eingang. Kaum habe ich an einer Gipssäule Halt gefunden und "Souvlaki!" gestöhnt, da steht schon ein Berg von Fleischspießen vor mir. Nach Tagen der Entbehrung weiß man ihren Geschmack erst richtig zu schätzen. Doch kaum hab ich die ersten Bissen im mich reingestopft, baut sich dieses Riesenrudel Eichhörnchen vor mir auf. Sie gucken mich prüfend an.

Sagt mal, frage ich prüfend zurück, wo bin ich hier eigentlich gelandet? "Eckernförde", sagt das Oberhörnchen und stemmt die Vorderläufe in die Hüfte. "Was so viel heißt wie Eichhörnchenbucht. Egern, Dänisch für Eichhörnchen. Verstehste?" Ach was, sag ich. Und wieso sprecht ihr dann Deutsch?

"Frag nicht", sagt das Eichhörnchen. "Es gibt nur drei Eichhörnchen, die das jemals verstanden haben. Eins ist tot. Das zweite ist darüber verrückt geworden. Und ich. Aber ich hab’s vergessen." Mit diesen Worten reißt mich das Eichhörnchen vom Stuhl und sagt, es wisse einen besseren Ort zum Essen. "Bei meinen Cousins."

Die Cousins heißen Rebehn & Kruse und betreiben gleich um die Ecke ein Fischgeschäft. Es scheint mächtig beliebt zu sein. Eine längere Schlange älterer Herrschaften steht vor der Tür. "Zweimal Kieler Sprotten!", ruft mein Eichhörnchenfreund. "Hier", sagt Rebehn, wirft uns zwei Holzschachteln zu und stellt stolz den buschigen Schwanz auf. "Aus eigener Räucherei!" Soso, sage ich. Und wieso heißen die dann nicht Eckernförder Sprotten?

"Ach, frag nicht", sagt Rebehn und wendet sich ab. Kruse erklärt’s: "Damals, als wir die Sprotten erfunden haben, gab es in Eckernförde noch keinen Bahnhof. Die Kisten gingen per Kutsche nach Kiel und bekamen da den Poststempel. Deswegen Kieler Sprotten."

Mittlerweile gibt es einen Bahnhof in Eckernförde!, stellt das Oberhörnchen klar. Und ein Meerwasserwellenbad!, ruft ein anderes. Mit Saunalandschaft!, ergänzt das nächste. Jetzt rufen alle durcheinander. Eine Bonbonkocherei!, quiekt ein kleines. Das Ostsee-Infocenter, da kannste Fische streicheln! Einen Hochseeangelkutter! Eine Eichhörnchenschutzstation, mit Notrufnummer! Aber kein Kino!, plärrt eins. Dafür fängt es sich eine Kopfnuss vom Oberhörnchen. "Herrgott! Der Bürgermeister arbeitet dran."

Ich nutze das Durcheinander, um mich abzusetzen, und laufe durch die Gassen. Überall rausgeputzte Fischerhäuschen mit Rosenstöcken vor den Türen. Das sieht ja wirklich aus wie in Dänemark hier! Von Westen her weht ein Duft, wie ich noch keinen gerochen habe. Nahe dem Hafen, in der Frau-Clara-Straße, lockt er mich in einen Hinterhof. Dann stehe ich in der Destillerie der Michelsens. Das Ehepaar schält gerade Quitten für den nächsten Schnaps. Hinter dem Verkaufsraum brodeln die Brennblasen. Der Gin ist schon fertig. Andreas Michelsen reicht mir ein Glas. Bis jetzt, liebe Leute, war an dieser Geschichte ja vieles übertrieben. Aber dieser Schnaps, ungelogen, ist jeden Schiffbruch wert. Ach, Eckernförde, an deinen Gestaden saufe ich gern wieder ab.