Stephan Porombka lehrt Texttheorie an der Berliner Universität der Künste – für uns macht er jede Woche ein Foto. Was steckt dahinter?

DIE ZEIT: Professor Porombka, jede Woche schicken Sie uns ein Bild für Ihre Fotokolumne Professors Praxis. Diesmal ein Stück Schinken als Buch. Ist das nicht ein bisschen profan?

Stephan Porombka: Ja, das Buch als fetter Schinken, das ist profan. Aber wenn man hohe Kulturgüter und platte Wortwitze zusammenbringt, entsteht eine lustige Bewegung im Kopf. Es öffnet sich ein Spielraum. Es heißt doch immer, dass man Bücher verschlingt. Ich erinnere daran, dass sie manchmal schwer verdaulich sind. Also Vorsicht! Außerdem erscheint hier der kultivierte Professor als ziemlich roher Typ, der sich von einem fetten Fleischklotz ernährt. Diesen Widerspruch mag ich. Übrigens gefällt mir die Spiegelung, die entstanden ist, als ich den Schinken aufgeschnitten habe.

ZEIT: Haben Sie ihn anschließend gegessen?

Porombka: Noch nicht, ich habe ihn ja erst gestern bei Kaiser’s an der Fleischtheke gekauft. Meine Tochter war dabei. Als ich ihr sagte, ich brauchte den Schinken für einen Witz, fand sie das nicht sehr lustig und bestand darauf, dass wir ihn am Wochenende essen.

ZEIT: In den Bildern verbinden Sie oft ein Buch mit einem Gegenstand, die Zusammenstellung ist der Witz. Als Wissenschaftler haben Sie sicher einen konzeptuellen Überbau dafür, oder?

Porombka: Bei Facebook, Twitter, Instagram oder Snapchat ist jeder er selbst, aber in einer inszenierten Form seiner selbst. Ich habe überlegt, wie ich mehr über das Medium herausfinde und darüber, was meine Rolle da ist. Dafür habe ich meine Professorenfigur entwickelt.

Ich freue mich aufs Wochenende. Da habe ich endlich mal Zeit, einen richtig fetten Schinken zu lesen.
Stephan Porombka

ZEIT: Aber Sie sind ja auch Professor!

Porombka: Klar. Und ich könnte mich einfach ganz ernst als Professor darstellen. Das tun ja fast alle Professoren. Für mich ist aber das Spannende, dass ich im Moment der Inszenierung die Inszenierung aufdecken kann. Ich bin Professor und spiele Professor.

ZEIT: Wie kommen Sie auf die Bilder?

Porombka: Mein Kopf bringt ständig heterogene Dinge zusammen, wie Fleisch und Buch. Pro Tag mache ich etwa 30 Bilder, eher beiläufig. Zu Hause habe ich einen Schreibtisch, 2,50 mal ein Meter, von beiden Seiten begehbar. Auf der Tischplatte inszeniere ich, was mir am Tag untergekommen ist. Ich fotografiere meist von oben, solange es keine Selfies sind. Tischfotografie nenne ich das.

ZEIT: Wie bearbeiten Sie die Bilder hinterher?

Porombka: Brian May, der Gitarrist von Queen, hat "No synthesizer" auf seine Platten geschrieben, um klarzumachen: Er kann das selbst. So ist es auch bei mir, ich arbeite ohne Photoshop. Ich benutze Filter, um die Kontraste hochzuziehen.

ZEIT: Wie viele Fotos haben Sie aktuell auf Ihrem Smartphone?

Porombka: Moment – 1177. Das Gerät ist neu, ich habe es seit einem Monat. Wahnsinn, oder?! Noch nie haben wir so viele Bilder gemacht. Nie haben wir so viel über Bilder nachgedacht. Über einzelne Fotos machen wir uns heute aber flüchtigere Gedanken als vor einigen Jahren. Der Fokus liegt darauf, was als Nächstes kommt.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Porombka: Als ich noch Filme entwickelt habe, waren Fotos immer Erinnerung. Heute ist jedes Bild Gegenwart und Vorbereitung auf das, was kommt, so schnell geht alles.

ZEIT: Im Winter legen Sie ein Forschungssemester ein, um über Ihre Fotos zu forschen. Narzisstisch, oder?

Porombka: Ja und nein. Wer einen analytischen Blick auf sich selbst richtet und sich nicht für genial hält, kann viel erkennen. In meinem Fall über den Einfluss der sozialen Medien, über Fotografie, über die Rolle des Professors oder darüber, was Uni heute bedeutet. Meine Forschungsidee verwandelt mich in ein Objekt der Gegenwartskultur. Und da spielt ja Selbstinszenierung eine große Rolle.