DIE ZEIT: Herr Milanović, Donald Trump in den USA, Marine Le Pen in Frankreich, die AfD in Deutschland – wie erklären Sie sich als Ökonom den Siegeszug der Populisten?

Branko Milanović: Wenn man sich mit Wirtschaftsdaten beschäftigt, fällt auf: Der Aufstieg dieser Personen und Gruppierungen geht einher mit dem Niedergang der Mittelschicht in praktisch allen Industrieländern.

ZEIT: Können Sie das belegen?

Milanović: Die realen Einkommen vieler einfacher Arbeitnehmer im Westen sind in den vergangenen 25 Jahren kaum gestiegen, an der Spitze dagegen ging es kräftig nach oben. In den USA bezog Mitte der siebziger Jahre das reichste Prozent der Bevölkerung acht Prozent des Nationaleinkommens. Heute sind es rund zwanzig Prozent. Viele Leute sind enttäuscht, das schlägt sich in ihrem Wahlverhalten nieder.

ZEIT: Aber warum wählen sie mit Donald Trump einen Kandidaten, der selbst zum reichsten Prozent gehört?

Milanović: Weil er einen Neuanfang verspricht und sich als Außenseiter inszeniert.

ZEIT: Wenn die Mittelschicht, wie Sie sagen, schon seit Jahren schrumpft: Warum sind die Populisten dann erst jetzt erfolgreich?

Milanović: Es hat gedauert, bis die Menschen begriffen haben, was um sie herum passiert. Und zumindest in den USA war die Finanzkrise ein wichtiger Auslöser. Vorher verdienten die Leute auch schon wenig, sie fühlten sich aber reicher, weil sie von ihrer Bank mit billigen Krediten versorgt wurden und der Wert ihrer Immobilien zunahm. Als die Blase dann platzte, stellten sie plötzlich fest: Es bleibt ja gar nicht viel übrig.

ZEIT: Sind die USA mit ihren enormen Einkommensunterschieden nicht ein Sonderfall?

Milanović: Die Unterschiede sind in Amerika sicher besonders ausgeprägt. Aber das Muster ist in anderen westlichen Volkswirtschaften ähnlich. Es gibt kein Land, in dem die Ungleichheit zurückgegangen ist. Selbst Schweden mit seiner sozialdemokratischen Tradition ist ungleicher geworden. Und dafür machen die Populisten die Globalisierung verantwortlich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

ZEIT: Liegen sie damit richtig?

Milanović: Sie liegen zumindest nicht ganz falsch. Die meisten Ökonomen führen den Anstieg der Ungleichheit auf drei voneinander unabhängige Entwicklungen zurück: auf den technologischen Fortschritt, auf die Politik der Deregulierung und auf die wachsende Konkurrenz durch Länder wie China oder Indien. Ich bin davon überzeugt, dass alle drei Entwicklungen etwas mit der Globalisierung zu tun haben.

ZEIT: Inwiefern?

Milanović: Nehmen Sie den technischen Fortschritt. Er befördert die Ungleichheit, weil es für Unternehmen wegen sinkender Preise für Produktionstechnologie günstiger ist, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Beispiel Laptop: Vor ein paar Jahren hat ein solches Gerät vielleicht 6.000 Dollar gekostet, jetzt kostet es nur noch 400 Dollar. Aber weshalb ist das so?