Er ließ in der Vergangenheit so viele letzte Chancen ungenutzt verstreichen, dass der Begriff, den er nach jeder Wahlniederlage bemühte, bereits weitgehend sinnentleert war. Doch nun war für Werner Faymann tatsächlich auch seine Stunde der Wahrheit gekommen: die allerletzte Chance, die politische Bühne ohne kompletten Gesichtsverlust zu verlassen. Diesmal griff der routinierte Überlebenskünstler zu.

Als der Bundeskanzler und SPÖ-Vorsitzende montags zur Mittagszeit seine Ämter zurücklegte, übertölpelte er Freund und Feind. Er stürzte so, als wollte er den unbotmäßigen Genossen zum Abschied noch eine letzte Bosheit zufügen, seine eigene Partei ebenso wie die Regierung in ein heilloses Durcheinander. Vorerst ist es weitgehend unkalkulierbar, welche tektonischen Verschiebungen dieser Schritt in Sozialdemokratie und Regierungskoalition auslösen wird. Am Vorabend der Präsidentenwahl, bei der der freiheitliche Kandidat die Favoritenrolle einnimmt, scheint mit einem Mal das gesamte Machtgefüge der Republik zur Disposition zu stehen.

Vorerst schien es noch, Faymann würde die roten Chaostage, die nach dem Debakel der Koalitionskandidaten in der ersten Runde der Hofburg-Wahl (beide erreichten gerade je elf Prozent) ausgebrochen waren, so überstehen, wie er alle anderen Krisen zuvor hinter sich gebracht hatte: geschwächt, aber mit dem ungebrochenen Selbstverständnis des Machtmechanikers, der es versteht, seine Widersacher im Räderwerk einer politischen Maschine langsam aufzureiben. Neuerlich schloss er die bewährte Allianz aus den mit Inseraten gekauften Boulevardmedien und langjährigen Gefolgsleuten, die ihm ergeben sind. Ungerührt ließ er den Proteststurm während des Aufmarsches am 1. Mai am Wiener Rathausplatz über sich ergehen. Seine Verbündeten denunzierten derweil gezielt die Kritiker und bearbeiteten pausenlos schwankende Funktionäre. Immer mehr wurde ersichtlich, dass es sich in dieser Auseinandersetzung nicht um inhaltliche Fragen drehte, um den Kurs der Partei in der Flüchtlingspolitik etwa oder das Verhältnis zu den Freiheitlichen, sondern nur um die Person des Kanzlers. Tatsächlich schien es, der talentierte Ränkeschmied habe noch einmal die Stimmung wenden und seine Gegner ausmanövrieren können – auch weil sich diese nicht auf einen Nachfolger einigen konnten.

Während des Wochenendes muss Werner Faymann jedoch gedämmert haben, dass er sein politisches Kapital restlos verspielt hatte. Er rang sich zum Abschied durch, auch seine beiden engsten Vertrauten, Kanzleramtsminister Josef Ostermayer und Doris Bures, konnten ihn nun nicht mehr umstimmen. Noch bevor das Scherbengericht im roten Parteivorstand am Montagnachmittag zusammentreten konnte, düpierte er mit einer wohlüberlegten Rücktrittsrede seine Genossen. Die meisten Mitglieder aus dem Leitungsgremium erfuhren die Überraschung erst aus den Nachrichten, die auf ihren Smartphones eingingen. Er habe nicht mehr den notwendigen Rückhalt in der Partei, erklärte Faymann scheinbar emotionslos. Auch wenn er noch über eine Mehrheit verfüge, genüge das nicht.

Während seiner ganzen Amtszeit galt nur eine Devise: Hauptsache Kanzler!

Nicht einmal das stimmte ganz. Am Morgen des Lostages hatten sich fünf rote Landeschefs in einem Hotel nahe dem Hauptbahnhof gegen Faymann verschworen: Sie kamen überein, eine Vorverlegung des Bundesparteitages zu erzwingen, was praktisch den Sturz des Parteivorsitzenden bedeutet hätte. Zumindest dieser Demütigung war der Mann, dem die Partei nicht mehr vertraute, zuvorgekommen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nun stehen die Sozialdemokraten vor dem Trümmerhaufen, den ihnen Werner Faymann hinterlassen hat. Nach sieben Jahren, in denen er den roten Schrumpfungsprozess verwaltete, ist die Partei politisch ausgelaugt, inhaltlich zerstritten und personell ausgetrocknet. Während seiner ganzen Amtszeit galt nur eine Devise: Hauptsache Kanzler! Deshalb machte die SPÖ ihrem Koalitionspartner gegenüber immer wieder Konzessionen und ließ sich mitunter gar über den Tisch ziehen, während beiden Parteien immer mehr die Wähler abhandenkamen und die Flüchtlingskrise die rechtspopulistische Opposition zur tödlichen Bedrohung anwachsen ließ. Sträflich verabsäumte es die Parteiführung, Abwehrstrategien und gestalterische Kraft zu entwickeln. Lieber stolperte sie einem Regierungspartner hinterher, der immer fordernder auftrat. Für Faymann und seine Getreuen schien alles in bester Ordnung, solange die schöne Aura des Regierungschefs strahlte. Aber auch das war zuletzt nur mehr eine Frage der Zeit.