Die Auswahl eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten folgt dem Gesetz der Evolution: Der Beste setzt sich durch. Ihm jubeln die Delegierten auf dem Nominierungsparteitag zu. Ihn küren sie zu ihrem offiziellen Bewerber. Ihn unterstützen die Spitzenfunktionäre seiner Partei.

Jedenfalls war das früher so. Vor Donald Trump.

Am Donnerstag vergangener Woche steigt Trump in New York in seine Boeing 757, auf deren Rumpf in riesigen Buchstaben "TRUMP" steht. Trump ist auf dem Weg nach Washington. Noch vor vier Monaten, als das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner begann, hatte er 16 Konkurrenten. Er galt als Großmaul, als Clown, kaum einer nahm ihn ernst. Doch Trump hat bei den Vorwahlen mehr Stimmen bekommen als alle anderen Bewerber der Republikaner. Er ist der Einzige, der noch übrig ist. Die politische Evolution bringt neuerdings seltsame Figuren hervor.

In Washington trifft sich Trump mit Paul Ryan, Sprecher des Repräsentantenhauses und ranghöchster Politiker der Republikaner. Nach Trumps Sieg bei den Vorwahlen hätte Ryan eigentlich in die Fernsehkameras rufen müssen, Trump sei der beste Präsident, den Amerika sich wünschen könne.

Stattdessen sagte er, er könne diesen Mann nicht guten Gewissens unterstützen. Einen Mann, der solche Sätze von sich gibt:

"Meine Finger sind lang und schön, so wie auch andere Teile meines Körpers."

"Die globale Erwärmung wurde von den Chinesen erfunden, um die amerikanische Wirtschaft wettbewerbsunfähig zu machen."

"Donald J. Trump verlangt die vollständige Schließung der Grenzen für Muslime, bis die Vertreter unseres Landes herausfinden, was vor sich geht."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Nach dem Treffen in Washington geschieht etwas Seltsames, etwas, das viel aussagt über den Aufstieg des Donald Trump. Paul Ryan verkündet nun plötzlich, Trump sei ein "warmherziger und aufrichtiger Mensch". Ryan hat seinen Widerstand aufgegeben. Eine der überraschendsten politischen Karrieren in der Geschichte der Demokratie geht weiter. Donald Trump könnte tatsächlich der mächtigste Mann der Welt werden.

Die ZEIT hat mit Menschen gesprochen, die Trump seit Jahren kennen. Sie sind mit ihm zur Schule gegangen, haben mit ihm gearbeitet, ihn beobachtet. Ihre Berichte fügen sich zum Porträt eines Mannes zusammen, der seit je vom trügerischen Gefühl erfüllt ist, der Stärkste zu sein – und dessen Stärke sich doch nur aus der Schwäche anderer nährt.

1. Beruf: Sohn

Der Immobilienunternehmer Fred Trump duldet keine Disziplinlosigkeit. Im Herbst 1959 geht sein 13-jähriger Sohn Donald auf eine Privatschule im New Yorker Stadtteil Queens. Als Donald den Unterricht schwänzt und immer wieder heimlich nach Manhattan fährt, um sich Klappmesser zu kaufen, steckt ihn sein Vater kurzerhand in eine Militärschule am Hudson River. Donald muss ausziehen aus dem Anwesen seiner Eltern mit den 23 Zimmern, den Angestellten und dem Chauffeur, der ihn und seine vier Geschwister jeden Morgen in die Schule fährt.

Die Militärschule ist ein von der Außenwelt abgeschirmtes Jungen-Internat, in dem Donald auch die Wochenenden verbringt. Er trägt eine Uniform, muss strammstehen, und wenn er im falschen Moment etwas sagt, wird er von brüllenden Ex-Soldaten gemaßregelt. Seine Familie sieht er nur noch in den Ferien.

Sandy McIntosh, Klassenkamerad: Ich war mit Donald auf der Militärschule, wir kannten uns. Unsere Familien waren Mitglied im selben Strandclub, dem Atlantic Beach Club. Da waren Schwarze und Juden nicht erlaubt. Donalds Vater war sehr streng, aber Donald betete ihn an. Ich glaube, die Tatsache, dass er bis heute überall Bestätigung sucht, hat ihren Ursprung in seiner Sehnsucht nach Fred Trumps Anerkennung.

Gwenda Blair, Trump-Biografin: Fred Trump war bis zu seinem Tod 1999 der wichtigste Mensch in Donalds Leben. Fred wollte immer, dass seine Kinder "Killer" werden – so nannte er harte Leute.

Sandy McIntosh: Das Motto an der Militärschule war: "Gewinnen ist nicht alles. Es ist das Einzige." Donald hat sich dort schnell zurechtgefunden. Er war ein Hitzkopf, aber er hat versucht, es nicht zu zeigen. Wir Jungs mochten ihn, trotzdem hatte er nie einen wirklich engen Freund.

Ein erster Kampf

Trumps neue Schule ist eine Welt, die eine Abneigung gegen alles Intellektuelle nährt. Disziplin ist wichtiger als gute Noten. Im Verborgenen jedoch wachsen pubertäre Anarchie und Grausamkeit. Das Schikanieren der Schwächeren ist ein inoffizielles Ritual. Trump setzt sich schnell an die Spitze der Hierarchie.

Mit 18 Jahren schließt er die Schule ab und geht zunächst auf ein nicht besonders gutes College in der Bronx, einem Arbeiterstadtteil von New York. Seine Noten reichen nicht für eine Eliteuniversität. Donald Trump hat jedoch Glück: Ein Schulfreund seines älteren Bruders arbeitet im Zulassungsbüro der angesehenen University of Pennsylvania und verschafft ihm dort einen Studienplatz. 1968 schließt Trump sein Wirtschafts-Grundstudium ab.

Es ist die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und der Studentenproteste. Amerika ist in Aufruhr, Tausende junge Menschen träumen von einer besseren Welt. Hillary Clinton, die zur selben Zeit studiert wie Trump, entwickelt sich in diesen Jahren zu einer bekannten Aktivistin. Trump dagegen hält sich von den Protesten fern. Politik interessiert ihn nicht. Eine bessere Welt? Er ist doch schon reich, nach der Uni wird er in das Unternehmen seines Vaters einsteigen, was soll da noch besser werden?

Hillary Clinton und Donald Trump: Der Wahlkampf des Jahres 2016, er ist auch zu begreifen als Machtprobe zweier nahezu gleich alter und doch sehr unterschiedlicher Generationsgenossen. Babyboomer gegen Babyboomer.

Wayne Barrett, investigativer Journalist: Donald Trump hat einen riesigen Spiegel gegenüber seinem Schreibtisch im Trump Tower. Als er einmal gefragt wurde, zu wem er aufschaue, wenn er Rat suche, sagte er: "Zu mir selbst. Ich schaue mich im Spiegel an."

2. Ein erster Kampf

Im Juni 1972 steht ein Mann namens Godfrey Jacobs vor den Beach Haven Apartments, einem New Yorker Wohnkomplex, der zum Imperium der Trumps gehört. Die Familie besitzt 27.000 Mietwohnungen in New York, der 26-jährige Donald ist inzwischen Chef des Unternehmens, eines der größten in der amerikanischen Immobilienbranche.

Godfrey Jacobs würde gerne eine Wohnung mieten, aber der Hausmeister teilt ihm mit, es sei nichts frei. Dann sieht sich ein anderer Mann, George Johnston, die Apartments an. Er bekommt auf der Stelle einen Mietvertrag angeboten. Der Unterschied: Jacobs ist schwarz, Johnston ist weiß.

Beide Männer arbeiten in Wahrheit für eine Bürgerrechtsorganisation. Die Erlebnisse der Testmieter beweisen: Donald Trump hat gegen den Fair Housing Act verstoßen. Das Gesetz soll verhindern, dass Schwarze auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt werden.

Linke Studenten sind nun im ganzen Land unterwegs, um Verstöße gegen das neue Gesetz aufzudecken. Auch Hillary Clinton war zwischenzeitlich dabei. Die Recherchen der Staatsanwälte und des FBI ergeben: Trump hat seine Angestellten angewiesen, Unterlagen schwarzer Bewerber abzulehnen und mit einem "C" zu markieren. "C" für colored. Farbig. Ein klarer Gesetzesbruch.

Michael D’Antonio, Trump-Biograf: Donald Trumps Vater soll Verbindungen zum Ku-Klux-Klan gehabt haben. 1927 wurde er bei einer gewalttätigen Demonstration des Ku-Klux-Klan festgenommen.

Im Herbst 1973 beginnt das Gerichtsverfahren gegen Donald Trump. Am 12. Dezember hält er im New Yorker Hilton-Hotel eine Pressekonferenz ab. Er sagt: "Die Vorwürfe der Klage sind absolut lächerlich." Trump kündigt eine Gegenklage an. Die Regierung wolle ihn zwingen, Wohnungen an "Sozialhilfeempfänger" zu vermieten – ein Codewort für Schwarze.

Michael D’Antonio: Das war das erste Mal, dass Donald Trump diese Taktik benutzte: Er tat so, als sei in Wahrheit er das Opfer, dem ein Unrecht widerfährt.

Das Gerichtsverfahren dauert fast zwei Jahre, bis 1975. Es leidet darunter, dass nie richtig klar war, wie ein Verstoß gegen den Fair Housing Act zu bestrafen ist. Und kann man eine gemischte Mieterschaft überhaupt per Gesetz erzwingen? Am Ende sieht das Gericht davon ab, Donald Trump zu verurteilen. Er muss sich lediglich verpflichten, schwarzen Bewerbern künftig die gleichen Chancen zu geben wie weißen. 1978 werden die Richter feststellen, dass Trump sich nicht an die Auflagen gehalten hat. Aber auch dann wird er nicht verurteilt, sondern lediglich ermahnt. Noch 1983 leben in einigen seiner Wohnkomplexe fast ausschließlich Weiße, wie eine Bürgerrechtsgruppe recherchieren wird.

Heute, im Wahlkampf, fordert Donald Trump, Gesetzesbrecher endlich wieder richtig hart anzufassen. Wären die New Yorker Richter in den siebziger Jahren den Maßstäben des Donald Trump von 2016 gefolgt, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner wäre heute wohl ein anderer. Aber Trump hat damals Glück. Man lässt ihn gewähren.

Es ist dies ein Muster, das sich durch sein Leben ziehen wird: Immer wieder profitiert er von Zuständen, die er später kritisiert.

Trumps Vater hatte vor allem billige Mietskasernen in den New Yorker Stadtvierteln Queens und Brooklyn gebaut. Nach der für ihn so glimpflich ausgegangenen Begegnung mit der Staatsgewalt macht sich Donald Trump daran, das Geschäft auszuweiten: in das teure Manhattan.

Mehr, mehr, mehr!

3. Mehr, mehr, mehr!

Gwenda Blair: Als Donald in Manhattan als Unternehmer anfing, sagten die Leute, er sei förmlich durch das Telefon gekrochen, wenn sie mit ihm sprachen. Er war so voller Energie, so charismatisch. Als sei er nicht zu stoppen.

"New York Times", 1. November 1976: Er ist groß, schmal und blond, mit blendend weißen Zähnen, er sieht Robert Redford sehr ähnlich. Er lässt sich von seinem Chauffeur in einem silbernen Cadillac mit dem Kennzeichen DJT, seinen Initialen, durch die Stadt fahren. Er geht mit sexy Models aus, ist Mitglied in den elegantesten Clubs. Das Vermögen dieses erst 30-Jährigen wird auf mehr als 200 Millionen Dollar geschätzt.

Donald Trumps erstes großes Immobilienprojekt in Manhattan ist das Commodore Hotel. Einst eines der glanzvollsten und teuersten Hotels der Stadt, steht es Mitte der siebziger Jahre vor dem Bankrott. Donald Trump will es übernehmen, renovieren und neu eröffnen.

Einen potenziellen Geschäftspartner, der an seinen Plänen zweifelt, lässt Trump mit einer Limousine abholen und zum Rathaus fahren. Dort empfangen ihn der Bürgermeister von New York, Abraham Beame, der Vorsitzende der städtischen Planungskommission und Fred Trump. Beame, ein Demokrat, ist einer der engsten politischen Freunde Fred Trumps, er versichert dem überraschten Geschäftspartner: "Was auch immer Donald und Fred wollen, sie haben meine Unterstützung."

Es ist Trumps erste Berührung mit der Politik. Der Bürgermeister ist der mächtigste Mann von New York, jedenfalls offiziell. Donald Trump aber muss es so erscheinen, als sei der Bürgermeister ein Mann, der sich benutzen lässt, den er benutzen kann. Politik, das ist offenbar auch nur Geschäftemacherei mit anderen Mitteln. Donald Trump, der heute für die Republikaner ins Rennen geht, wird sich auch in den kommenden Jahren eng an die Demokraten halten. Das verspricht ihm Vorteile: Die Demokraten sind in New York damals die stärkere Partei.

Für die Übernahme des Commodore Hotel bekommt Trump von der Stadt eine 40-jährige Befreiung von der Grundsteuer – die Investition sei schließlich als "Industrieprojekt in einem unterentwickelten Gebiet" zu werten. Eine merkwürdige Einstufung der belebten Gegend rund um die Grand Central Station, den Hauptbahnhof von New York. Die Stadt verliert dadurch in den folgenden zehn Jahren mehr als 60 Millionen Dollar. Mit diesem Geld hätte sie Schulen erneuern, Krankenhäuser bauen, Museen betreiben können. Stattdessen finanziert sie den weiteren Aufstieg des Donald Trump.

Wayne Barrett: Vater und Sohn haben ihre Verbindungen zu den Parteien in Subventionen verwandelt. Sie hatten begriffen: Das beste Geschäft ist eines, bei dem die öffentliche Hand das Risiko übernimmt und sie den Profit einkassieren.

Heute gehört zum Standardrepertoire des Kandidaten Trump die Beschimpfung der politischen Klasse: "Versager" – "reden nur und tun nichts" – "können nicht verhandeln" – "inkompetente Typen, die uns in den Abgrund führen". Er, Donald Trump, müsse das Land vor solchen Leuten retten, denn als Geschäftsmann habe er gelernt, verantwortungsvoll zu handeln.

Gwenda Blair: Er ist sehr gut darin, Schwächen zu erkennen, und New York war damals in einer sehr schlechten Verfassung.

Ende der siebziger Jahre ist die Kriminalitätsrate in New York so hoch wie nie zuvor. Der früher so prachtvolle Times Square: bevölkert von Prostituierten und Drogensüchtigen. Die Zeitungen bezeichnen New York als fear city, als Stadt der Angst. Was fehlt, ist ein Bauprojekt, das wie das 1973 fertiggestellte World Trade Center die ganze Welt beeindruckt. Trump verspricht Abhilfe. 1980 lässt er das umgebaute, mit einer kolossalen Glasfassade versehene Commodore Hotel als Grand Hyatt Hotel neu eröffnen. New York feiert ihn als Retter.

An der öffentlichen Finanznot ändert das neue Hotel nichts. Die Stadt entlässt Tausende Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute. Gehälter werden gekürzt oder eingefroren.

Donald Trump aber geht weiter seinen Weg nach oben. Vom Millionär qua Geburt wird er zum Milliardär. 1983 baut er, wieder mit enormen Steuervergünstigungen, das Gebäude, das bis heute sein Markenzeichen ist, den Trump Tower nahe dem Central Park, Bronzefassade, 202 Meter hoch, 68 Etagen. Die Apartments verkauft er mit enormem Gewinn. Bis auf das Penthouse, das sich über die obersten drei Stockwerke erstreckt. Dort zieht er selber ein.

"New York Times", 4. April 1983: Man konnte davon ausgehen, dass der Trump Tower (...) albern, protzig und ein bisschen vulgär werden würde. (...) Aber tatsächlich ist das Atrium des Trump Tower der angenehmste öffentliche Ort in privater Hand, der in New York je gebaut wurde. Dieser Ort ist warm, luxuriös und sogar berauschend.

Barbara Res sitzt auf dem Sofa ihres großen, auf einer Anhöhe gelegenen Landhauses in der Nähe von New York. Sie ist Mitte sechzig, trägt kurze braune Haare und eine Brille.

18 Jahre lang, von 1980 bis 1998, war sie Trumps Bauleiterin. Sie hat darüber ein Buch geschrieben.

DIE ZEIT: Wie kam es, dass Sie für Donald Trump zu arbeiten begannen?

Barbara Res: Ich habe auf der Baustelle des Commodore Hotel einen Architekten angeschrien, der das Bauunternehmen, bei dem ich damals angestellt war, für ein Problem verantwortlich machte, das in Wahrheit seine eigene Schuld war. Trump bekam das zufällig mit. Er lobte mich: Ich sei ein Killer.

ZEIT: Donald Trump hatte damals einen guten Ruf, auch weil er es meist schaffte, die Kosten nicht zu überziehen. Wie hat er das fertiggebracht?

Res: Wir haben einige Handwerker im Preis gedrückt, bis sie pleitegingen.

ZEIT: Das war alles?

Res: Er ist ein geschickter Geschäftsmann. Beim Commodore Hotel hat er möglichst viele der alten Räume übernommen, weil er dachte, das komme billiger. Im Nachhinein war das ein Fehler. Es wäre günstiger gewesen, alles abzureißen und neu zu bauen. Er hat dann einfach die Zimmerpreise erhöht und ein Haus als Spitzenklasse-Hotel vermarktet, das eher Mittelklasse war.

ZEIT: Wie hat er Sie bezahlt?

Res: Er hat mich für das Gehaltsgespräch in seine Wohnung an der Fifth Avenue einbestellt. Das Wohnzimmer bot einen Blick auf den Central Park. Alles war weiß, die Möbel, die Vorhänge. Ich habe mich nicht getraut, den Orangensaft zu trinken, den Ivana, seine damalige Frau, mir angeboten hat: Ich hatte Angst, einen Fleck auf den Teppich zu machen. Trump bot mir dann 55.000 Dollar an, fast doppelt so viel, wie mir mein vorheriger Arbeitgeber gezahlt hatte. Sein Vater hat ihn später gezwungen, mein Gehalt auf 49.000 Dollar zu senken. Fred Trump war total gegen Frauen auf der Baustelle. Donald hat die 6.000 Dollar Differenz dann aus eigener Tasche bezahlt. Er hatte Angst vor seinem Vater. Er wollte immer größer und besser sein als sein Vater. Das trieb ihn an.

ZEIT: Wie haben Sie ihn als Chef erlebt?

Res: Trump war aggressiv. Mit den Jahren wurde das immer unangenehmer. Er konnte aber auch sehr nett sein. Wir hatten eine Frau im Büro, die ihren Nerzmantel verkaufen wollte, der sollte 1.000 Dollar kosten, das war für mich damals eine Menge Geld. Ich probierte ihn an, und in diesem Moment kam zufällig Donald vorbei. Er fragte: Gefällt dir der Mantel? Ich sagte: Ja, und er sagte: Dann kaufe ich ihn dir.

Sandy McIntosh: Was mich erschreckt, ist sein unglaublicher Hunger nach Aufmerksamkeit.

In New York spüren damals sehr viele Menschen diesen Hunger. Der politische Idealismus der sechziger und siebziger Jahre ist verschwunden. New York in den Achtzigern – das ist die Stadt des hemmungslosen Konsums, des Größenwahns und der Egozentrik, eine Stadt, die beschlossen zu haben scheint, sie müsse sich dem Gebaren dieses schillernden Immobilientycoons angleichen, der sie mit glitzernden Gebäuden vollstellt. 1987 formuliert ein Finanzspekulant den Satz, der als Leitspruch dieser Jahre dienen wird: "Gier ist gut." Der Spekulant heißt Gordon Gekko, er ist eine fiktive Figur aus dem Film Wall Street.

Donald Trump gibt es wirklich.

Der Wahnsinn der Achtziger

4. Der Wahnsinn der Achtziger

Die Wochenenden verbringt Trump meist auf seinem Landsitz in Connecticut oder in seinem 125-Zimmer-Anwesen in Florida. In Atlantic City baut Trump für knapp eine Milliarde Dollar das riesige Spielkasino Taj Mahal und bezeichnet es als "das achte Weltwunder". Er kauft das mondäne Plaza Hotel am New Yorker Central Park. Er kauft eine Jacht für 29 Millionen Dollar und tauft sie Trump Princess. Er kauft ein Footballteam aus New Jersey. Er kauft einen pechschwarzen Helikopter und fliegt damit herum. Er kauft eine Neun-Millimeter-Pistole und lässt sich von bewaffneten Bodyguards begleiten. Er könnte die ganze Welt kaufen, die Banken gewähren ihm jeden Kredit.

Sandy McIntosh: Zu den besseren Kreisen der New Yorker Gesellschaft hat Trump nie gehört. Dazu braucht es Kunst, Literatur, Fremdsprachen, Weltläufigkeit. All das fehlt Donald Trump. Sein Maßstab ist der Dollar.

Michael D’Antonio: Er hat mir einmal erzählt, dass er nie Bücher liest.

Aus europäischer Sicht mag Trumps damaliges Protzleben wie eine Karikatur des Kapitalismus wirken. Im Amerika der achtziger Jahre aber gilt materieller Erfolg als Zeugnis eines gelungenen Lebens – Trump hat offenbar alles richtig gemacht. Auf einmal sind da Millionen von Menschen, die am liebsten so wären wie er. Sie bewundern ihn, eifern ihm nach. Sie sorgen dafür, dass sein Buch The Art of the Deal, eine Mischung aus Biografie und Ratgeber, auf Platz eins der Bestsellerliste steigt und dort fast ein ganzes Jahr bleibt.

Heute ist Trumps Buch längst aus den Bestsellerlisten verschwunden. Aber die Sehnsucht, zu den Gewinnern zu gehören, sie hat sich erhalten – gerade in einer Zeit, in der immer mehr Menschen zu Verlierern werden.

Wenn Donald Trump im Wahlkampf des Jahres 2016 an seine Fans rote Baseballkappen mit der Aufschrift "Make America Great Again" verkauft, dann wirkt das wie das Versprechen, die achtziger Jahre zurückzubringen. Eine Ära, in der du als weißer Amerikaner so etwas wie ein geborener Gewinner warst. Eine Ära, in der dir niemand den Mund verbot, wenn du über Schwarze, Frauen oder Sozialhilfeempfänger hergezogen bist. Eine Ära, in der Great-Gatsby-Träume geträumt wurden und der Rest der Welt am liebsten so sein wollte wie Amerika. Eine großartige Ära!

1977 hat die Lokalzeitung New York Post eine Klatschseite namens Page Six eingeführt. Der Donald Trump der Achtziger ist die perfekte Figur für diese Seite. Fast täglich ruft Trump die Reporter an, um Namen von Supermodels zu streuen, mit denen er den Abend verbracht hat, oder genüsslich Beleidigungen zu verteilen. Die Journalisten tippen es in ihre Schreibmaschinen. Denn mit Trump schießt die Auflage in die Höhe.

Manchmal bekommen die Journalisten auch Anrufe von einem "John Miller" oder einem "John Barron" – Trumps Pressesprecher offenbar, die in warmen Worten von den großen Taten und dem edlen Charakter ihres Chefs berichten. Es ist Donald Trump selbst, der da ins Telefon spricht. Ein Mann, der seinen eigenen Ruhm herbeiredet. Heute streitet er es ab.

Bald sind es nicht mehr nur die Lokalblätter, die über Trump berichten. Auch renommierte Zeitungen wie die New York Times merken schnell, dass Trump aufregend ist. Mit ihren Artikeln verleihen sie ihm Seriosität. Trump erscheint in der Öffentlichkeit jetzt als ein Mann, den man ernst nehmen muss. Er nutzt die Gelegenheit, um seinen Mythos zu untermauern. Er erzählt, er habe die Universität als Jahrgangsbester abgeschlossen – in Wahrheit war er nur ein Absolvent wie viele andere. Er behauptet, er habe an der Elite-Uni Wharton Wirtschaft studiert – in Wahrheit hat er dort nur einige Grundkurse besucht. Dennoch werden in den folgenden Jahren ungezählte Artikel und Bücher wieder und wieder das Märchen vom klugen Trump verbreiten.

Es ist eine Kommunikationstechnik, die Donald Trump noch heute pflegt und die zu Zeiten der sozialen Medien besser funktioniert als je zuvor: Man muss einen Satz nur oft und laut genug in die Welt schreien, dann finden sich genügend Menschen, die ihn glauben.

Und nur wenige, die nachprüfen, ob er stimmt: Einer Berechnung zufolge waren 76 Prozent aller politischen Aussagen des Präsidentschaftskandidaten Trump im Jahr 2015 wahrheitswidrig.

Es wäre die Aufgabe der Zeitungen und Fernsehsender, Trumps Herumgerede zu überprüfen, aber das ist ihnen zu aufwendig – oder zu gefährlich, weil sie ihren Auflagenbringer nicht beschädigen wollen. Anders gesagt: Trump ist seit den Achtzigern immer stärker geworden, weil die Medien immer schwächer wurden.

Mithilfe der Journalisten wird er erst zum Popstar, dann ist er so bekannt wie der amerikanische Präsident, am Ende wird er auch so bewundert wie der Präsident.

Wäre er womöglich sogar der bessere Präsident?

Trump lässt sich damals von Roy Cohn beraten, einem Juristen, der in den fünfziger Jahren eng mit dem republikanischen Senator und Kommunistenjäger Joseph McCarthy zusammenarbeitete. Nach McCarthys Sturz ging Cohn zurück nach New York, um als Anwalt für die Reichen und Gefährlichen zu arbeiten, vor allem für die Mafia. Cohn schmeißt regelmäßig große Partys auf seinem Anwesen in Connecticut, zu denen Politiker, Künstler, Journalisten kommen.

Michael D’Antonio: Cohn war Donalds politischer Ziehvater. Von ihm hat er gelernt, wie man empörende Äußerungen und aufrührerische Rhetorik nutzen kann, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Cohn war ein Mensch, der jede denkbare Methode nutzte, um andere Menschen zu verunglimpfen.

Mitte der achtziger Jahre, im Kalten Krieg, sagt Trump unvermittelt zur Washington Post, er sei bereit, die Nuklearverhandlungen mit Russland zu übernehmen: "Manche Leute haben die Fähigkeit zu verhandeln, man ist damit geboren. (...) Ich bräuchte eine Stunde oder eineinhalb, um alles über die Nuklearwaffen zu lernen."

Auch dies ist eine Strategie, die Trump bis heute beibehalten wird: Mit völlig absurden Aussagen hält er sich erfolgreich in den Medien. Und mit seiner Attitüde, dass ein erfolgreicher Geschäftsmann der bessere Politiker sei, bedient er die Sehnsucht nach einem Präsidenten, der Amerika so stark macht, wie es sich selber sieht. 1988 wird Trump zum ersten Mal nach seinen politischen Ambitionen gefragt, in der Sendung der Talkmasterin Oprah Winfrey.

Oprah Winfrey: Könnten Sie sich vorstellen, als Präsidentschaftskandidat anzutreten?

Donald Trump: Ich würde es niemals ausschließen, denn ich bin es leid, mitanzusehen, was mit unserem Land passiert.

Trump fällt – aber er fällt weich

5. Trump fällt – aber er fällt weich

Vielleicht wäre Donald Trump schon gegen Hillary Clinton angetreten, als die noch gemeinsam mit Bill im Weißen Haus wohnt. Wäre nicht etwas eingetreten, das es in der Vorstellungswelt des Donald Trump eigentlich gar nicht gibt: eine Niederlage.

Zuerst endet seine Ehe mit Ivana in einer Schlammschlacht. Trump hatte eine Affäre mit der Schauspielerin Marla Maples begonnen, die auf Seite eins der New York Post mit der Schlagzeile zitiert wurde: "Der beste Sex meines Lebens". Die Trennung von Ivana wird von den Reportern der New Yorker Blätter über Monate minutiös begleitet. Man könnte das als nicht geschäftsrelevanten Kleinkram abtun, aber auf einmal beschließen Frauen überall im Land, Trumps Fluglinie Trump Shuttle zu boykottieren. Und, Zufall oder nicht, plötzlich sind da auch Gerüchte über wütende Geschäftspartner, die seit Monaten auf ihr Geld warten. Geld, das Donald Trump ihnen nicht geben kann. Weil er es nicht hat.

Marvin Roffman, früherer Wirtschaftsanalyst: In der ersten Märzwoche des Jahres 1990 erhielt ich einen Anruf eines Reporters des Wall Street Journal. Er wollte mit mir über das Taj Mahal sprechen. Ich arbeitete damals als Analyst der Kasinobranche, und ich sagte ihm, dass das überdimensionierte Taj Mahal keinen Erfolg haben werde. Der Markt in Atlantic City sei zu klein für dieses Riesenkasino. Drei Tage nachdem der Artikel erschienen war, wurde ich gefeuert. Trump hatte meinem Chef gedroht, ihn zu verklagen.

Jahrelang hatte sich Donald Trump benommen, als wachse ihm Geld auf der Hand. In Wahrheit musste auch er, wie fast alle Unternehmer der Welt, seine Investitionen mit Krediten finanzieren, musste sich Geld leihen, um all die Wolkenkratzer, Kasinos und Flugzeuge kaufen zu können. Geblendet vom Erfolg, hatte er sein Unternehmen, The Trump Organisation, immer weiter aufgebläht. 409 Millionen Dollar hatte er sich für den Kauf des Plaza Hotel geliehen, 380 Millionen für den Erwerb der Fluglinie, 220 Millionen für ein Bauprojekt an der Upper Eastside – und 675 Millionen Dollar für das Taj Mahal.

Donald Trump war eine Ein-Mann-Immobilienblase.

Anfang der neunziger Jahre platzt sie. Es stellt sich heraus, dass Trump seine Immobilien viel zu hoch bewertet hat. Das Taj Mahal bringt zu wenig Geld ein, es kommen einfach nicht genug Gäste. Trump aber muss jeden Tag allein 260.000 Dollar an Zinsen zahlen. Sein Vermögen schmilzt, das Unglaubliche geschieht: Donald Trump muss seine Jacht verkaufen und die Fluglinie.

TRUMP GEHT PLEITE!

Die Zeitungen machen jetzt Auflage, indem sie Geschichten drucken, in denen ihr gefallener Held frustriert um die Kasinotische in Atlantic City schleicht. Die New York Times fragt: "Ist Donald Trump, der angeschlagene goldene Junge, auf dem Weg vom Millionär zum Tellerwäscher?"

Wayne Barrett: Trotz seines Bankrotts hat er eine riesige Geburtstagsparty gefeiert, im Trump Castle in Atlantic City. Ich bin auch hin. Im Ballsaal trat zur allgemeinen Belustigung ein George-Bush-Double auf, das forderte, Trump solle Präsident werden. Ich war gerade angekommen, da ließ mich Trump wegen angeblichen Hausfriedensbruchs verhaften. Die Polizei war offenbar angewiesen worden, nach mir zu suchen. Trump mochte meine Artikel nicht. Ich verbrachte die Nacht in einer Zelle, stehend, eine Hand an die Decke gekettet.

Trump scheint am Ende zu sein. Doch wieder wird er gerettet, wie schon in den Prozessen wegen Rassismus gegenüber afroamerikanischen Mietern. Diesmal kommt ihm nicht die Schwäche der Justiz zu Hilfe. Sondern die Schwäche der Banken. Sie haben ihm schlicht zu viel Geld geliehen. Sie können es sich nicht leisten, sein Unternehmen zu zerschlagen und sämtliche Kredite abzuschreiben.

Michael D’Antonio: Es ging ihm bald besser, weil er merkte, dass er gegenüber den Banken einen Vorteil hatte: Wenn sie ihn fallen ließen, würden sie mit ihm untergehen.

Knapp 20 Jahre später, in der Finanzkrise des Jahres 2008, wird die Welt voller Erstaunen lernen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem, sagen wir, Handwerksbetrieb, der schlampig wirtschaftet, und einem Finanzkonzern, der dasselbe tut. Der Handwerksbetrieb bricht zusammen, der Finanzkonzern darf nicht zusammenbrechen, weil er zu viele andere Unternehmen mitreißen würde. Ab einer gewissen Größe wird unverantwortliches Verhalten also nicht mehr bestraft. Davon profitieren die Banken in der Finanzkrise. Davon profitiert Donald Trump in seiner privaten Immobilienkrise.

Trumps Geldgeber schenken ihm den Großteil seiner Schulden, lassen sein Imperium am Leben und setzen darauf, dass es ihm gelingen wird, wieder Fuß zu fassen. Sie wollen die Marke Trump nicht vernichten. Sie ist zu wertvoll geworden.

Marvin Roffman: Es gab damals eine Studie, wonach Trump der zweitbekannteste Markenname auf der Welt war, direkt nach Coca-Cola.

Gwenda Blair: Er ist durch seinen Konkurs hindurchgesegelt und machte dabei jede Menge Geld.

1993, nicht lange nach seiner Pleite, die keine war, heiratet Donald Trump in einer ausufernden Zeremonie mit rund 1.000 Gästen seine Freundin Marla Maples.

Michael D’Antonio: Marla spricht von ihm, als sei er ein König. Sie deutete mir gegenüber sogar an, dass er in einem früheren Leben ein König gewesen sein könnte. Diese Idee der Familie als Königshaus, das ist ein ständiges Thema im Trump-Clan. Dieses Gefühl, dass sie von Natur aus überlegen sind, dazu bestimmt, über andere zu herrschen.

Nach den Immobilienpleiten ändert Trump sein Geschäftsmodell. Andere Unternehmer können nun für viel Geld seinen Namen kaufen, um Produkte zu vermarkten. Bald gibt es Trump-Matratzen, Trump-Steaks, Trump-Mineralwasser, Trump-Spielzeug, Trump-Kleidung. Trump selbst muss keinen Cent seines eigenen Geldes einsetzen. Er profitiert einfach davon, dass andere Leute diese fünf Buchstaben auf irgendwelche Verpackungen drucken.

1996 ist er nach sechs langen Jahren wieder auf der Liste der 400 reichsten Amerikaner zu finden – auf Platz 373, immerhin.

Als habe ihm seine Wiedergeburt neues Selbstvertrauen gegeben, meldet sich Trump jetzt auch wieder häufiger zu politischen Themen zu Wort. Sein Berater Roy Cohn ist mittlerweile verstorben, Trump verlässt sich jetzt auf Roger Stone, der, wie Cohn, zuvor für die republikanischen Präsidenten Richard Nixon und Ronald Reagan gearbeitet hat. Stone trägt ein großes Nixon-Tattoo auf dem Rücken.

DIE ZEIT: Seit wann kennen Sie Donald Trump?

Roger Stone: Ich habe Donald Trump schon 1979 in New York kennengelernt, damals organisierte ich gerade den Wahlkampf für Ronald Reagan. Ich habe sofort gemerkt, der Typ hat Starqualitäten, der ist charismatisch.

ZEIT: Die Präsidentschaftskandidatur ist ihm inzwischen kaum noch zu nehmen – obwohl die Parteiführung der Republikaner lange gegen ihn war.

Stone: Trump hat die parteiinterne Opposition überwältigt, weil er die TV-Sendungen dominierte. Die Republikaner müssen begreifen, dass er gut ist für die Partei, er bringt neue Wähler. Donald Trump ist größer als die Republikanische Partei.

Wayne Barrett: Roger Stone hat mit dem berüchtigten Strategen Lee Atwater zusammengearbeitet, der George Bush senior mithilfe rassistischer Wahlwerbung ins Weiße Haus gebracht hat.

Es gehört zum Wesen der Politikberatung, dass nie ganz klar ist, ob der Berater den Politiker steuert oder ihm nur dezente Hinweise gibt. Tatsache ist: Schon Ende der achtziger Jahre hat Trump die Gelegenheit ergriffen, mit Hetze Politik zu machen. Damals wird eine junge Joggerin im Central Park vergewaltigt, die Polizei nimmt vier junge Schwarze und einen Latino fest. Die Männer beteuern ihre Unschuld. Trump schaltet ganzseitige Großbuchstaben-Anzeigen in den Zeitungen: "FÜHRT DIE TODESSTRAFE WIEDER EIN!" (In New York war seit 1963 niemand mehr hingerichtet worden.) Darunter lässt er schreiben: "Ja, ich will diese Mörder hassen, und ich werde es immer tun."

Die fünf Männer werden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. 13 Jahre später ergibt ein DNA-Test, dass sie nicht die Täter sind.

Michael D’Antonio: Ich bin nicht sicher, ob er gegenüber bestimmten Gruppen wirklich eine Abneigung hat, aber er bedient sich dieser rassistischen Rhetorik, um die Leute anzusprechen.

Vor dem aktuellen Präsidentschaftswahlkampf war die republikanische Parteiführung zu der Überzeugung gelangt, dass ohne die Stimmen von Schwarzen und Latinos keine Wahl mehr zu gewinnen sei. Donald Trump ist anderer Meinung.

Wayne Barrett: Seine Strategie ist ganz auf weiße Anhänger der Republikaner ausgerichtet. 2011 hat er behauptet, Barack Obama habe keine echte Geburtsurkunde. Trump sagt nicht: Obama darf nicht Präsident werden, weil er schwarz ist. Sondern: Obama darf nicht Präsident werden, weil er kein Amerikaner ist. Das reicht, um ein rassistisches Signal auszusenden.

Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 unterliegt der Republikaner Mitt Romney gegen Barack Obama. Sechs Tage nach der Wahl lässt sich Donald Trump unbemerkt einen Slogan als Marke eintragen: Make Amerika Great Again.

Die Show geht erst richtig los

6. Die Show geht erst richtig los

Am 16. Juni 2015 fährt Donald Trump im Trump Tower eine goldene Rolltreppe herunter, neben ihm ein paar Fernsehkameras und seine inzwischen dritte Ehefrau, Melania, mal wieder eine Osteuropäerin. Trump steigt auf eine Bühne und sagt: "Unser Land hat ernste Probleme. Früher haben wir noch Siege gefeiert, aber jetzt feiern wir keine Siege mehr."

Dann spricht er die Sätze, die ihm wie auf Bestellung die Titelseiten der Zeitungen in aller Welt sichern. "Wenn Mexiko seine Leute schickt, dann schicken sie nicht die Besten. (...) Die bringen Drogen, die bringen Kriminalität." Die Einwanderer, sagt Trump, seien "Vergewaltiger". Aber: "Manche, nehme ich mal an, sind auch gute Leute."

"Also, Ladys und Gentlemen, ich bewerbe mich offiziell als Präsident der Vereinigten Staaten, und wir werden unser Land wieder great machen."

Professoren, Journalisten, Wahlforscher – ernst nimmt ihn keiner. Was sie nicht davon abhält, über ihn zu reden, über ihn zu schreiben, die Kamera auf ihn zu richten. Es ist Geschichte, die sich wiederholt: Trump treibt die Auflagen und Einschaltquoten hoch. Alles andere ist zweitrangig.

Im ersten Jahr seines Wahlkampfes berichten die Medien über Donald Trump fast dreimal so ausführlich wie über Hillary Clinton. Für die entsprechenden Werbeplätze hätte Trump zwei Milliarden Dollar zahlen müssen.

Als die Journalisten ihn endlich ernst nehmen, als sie endlich recherchieren und kritische Fragen stellen, da hat er schon eine Anhängerschaft, die so groß ist, dass sie von allein weiterzuwachsen scheint. Journalisten? Braucht er jetzt nicht mehr.

Donald Trump via Twitter, 13. März 2016: Die erfolglose New York Times ist wirklich eine der schlimmsten Zeitungen. Die schreiben Lügen und rufen nicht einmal an, um ihre Aussagen zu überprüfen. Wirklich schlechte Leute!

Die amerikanische Justiz, die Stadt New York, die Banken, die Medien, die Republikanische Partei – gegen sie alle hat Donald Trump in den vergangenen Jahrzehnten gekämpft. Gegen sie alle hat er gewonnen, obwohl er meistens ganz allein war, weil sie zu schwach oder zu mutlos waren, sich gegen ihn zu stellen. Heute arbeiten für Hillary Clinton 1.000 hauptamtliche Wahlhelfer. Lauter Experten, Statistiker, Analysten, Politologen. Donald Trump beschäftigt weniger als 100.

Aber das heißt nicht, dass er weniger Unterstützung hätte. Ihm helfen viele Millionen Anhänger da draußen in diesem weiten Land. Die weiße Mittelschicht, die weiße Arbeiterschicht, die zu ihm aufsieht. Die so sein möchte wie er.

Donald Trump via Twitter, 9. Mai 2016: Die unehrliche Hillary Clinton sagt, sie hat mehr Vorwahlstimmen als Donald Trump. Aber ich musste 17 Konkurrenten schlagen – sie nur einen!

Donald Trump via Twitter, 10. Mai 2016: Warum beharren die Medien, mit starker Unterstützung der unehrlichen Hillary, auf der falschen Aussage, dass ich die Steuern erhöhen will?

Donald Trump via Twitter, 10. Mai 2016: Habt kein Mitleid mit der unehrlichen Hillary!

Trump hat seine Gegnerin ins Visier genommen. Wenn morgen Wahlen in Amerika wären, würden laut aktuellen Umfragen 48 Prozent der Wähler für Hillary Clinton stimmen, 45 Prozent für ihn. Die restlichen sind noch unentschlossen. Es wird knapp. Einen einzigen, einen letzten Kampf muss er noch gewinnen, um sich die wichtigste Immobilie der Welt anzueignen: das Weiße Haus.