3. Mehr, mehr, mehr!

Gwenda Blair: Als Donald in Manhattan als Unternehmer anfing, sagten die Leute, er sei förmlich durch das Telefon gekrochen, wenn sie mit ihm sprachen. Er war so voller Energie, so charismatisch. Als sei er nicht zu stoppen.

"New York Times", 1. November 1976: Er ist groß, schmal und blond, mit blendend weißen Zähnen, er sieht Robert Redford sehr ähnlich. Er lässt sich von seinem Chauffeur in einem silbernen Cadillac mit dem Kennzeichen DJT, seinen Initialen, durch die Stadt fahren. Er geht mit sexy Models aus, ist Mitglied in den elegantesten Clubs. Das Vermögen dieses erst 30-Jährigen wird auf mehr als 200 Millionen Dollar geschätzt.

Donald Trumps erstes großes Immobilienprojekt in Manhattan ist das Commodore Hotel. Einst eines der glanzvollsten und teuersten Hotels der Stadt, steht es Mitte der siebziger Jahre vor dem Bankrott. Donald Trump will es übernehmen, renovieren und neu eröffnen.

Einen potenziellen Geschäftspartner, der an seinen Plänen zweifelt, lässt Trump mit einer Limousine abholen und zum Rathaus fahren. Dort empfangen ihn der Bürgermeister von New York, Abraham Beame, der Vorsitzende der städtischen Planungskommission und Fred Trump. Beame, ein Demokrat, ist einer der engsten politischen Freunde Fred Trumps, er versichert dem überraschten Geschäftspartner: "Was auch immer Donald und Fred wollen, sie haben meine Unterstützung."

Es ist Trumps erste Berührung mit der Politik. Der Bürgermeister ist der mächtigste Mann von New York, jedenfalls offiziell. Donald Trump aber muss es so erscheinen, als sei der Bürgermeister ein Mann, der sich benutzen lässt, den er benutzen kann. Politik, das ist offenbar auch nur Geschäftemacherei mit anderen Mitteln. Donald Trump, der heute für die Republikaner ins Rennen geht, wird sich auch in den kommenden Jahren eng an die Demokraten halten. Das verspricht ihm Vorteile: Die Demokraten sind in New York damals die stärkere Partei.

Für die Übernahme des Commodore Hotel bekommt Trump von der Stadt eine 40-jährige Befreiung von der Grundsteuer – die Investition sei schließlich als "Industrieprojekt in einem unterentwickelten Gebiet" zu werten. Eine merkwürdige Einstufung der belebten Gegend rund um die Grand Central Station, den Hauptbahnhof von New York. Die Stadt verliert dadurch in den folgenden zehn Jahren mehr als 60 Millionen Dollar. Mit diesem Geld hätte sie Schulen erneuern, Krankenhäuser bauen, Museen betreiben können. Stattdessen finanziert sie den weiteren Aufstieg des Donald Trump.

Wayne Barrett: Vater und Sohn haben ihre Verbindungen zu den Parteien in Subventionen verwandelt. Sie hatten begriffen: Das beste Geschäft ist eines, bei dem die öffentliche Hand das Risiko übernimmt und sie den Profit einkassieren.

Heute gehört zum Standardrepertoire des Kandidaten Trump die Beschimpfung der politischen Klasse: "Versager" – "reden nur und tun nichts" – "können nicht verhandeln" – "inkompetente Typen, die uns in den Abgrund führen". Er, Donald Trump, müsse das Land vor solchen Leuten retten, denn als Geschäftsmann habe er gelernt, verantwortungsvoll zu handeln.

Gwenda Blair: Er ist sehr gut darin, Schwächen zu erkennen, und New York war damals in einer sehr schlechten Verfassung.

Ende der siebziger Jahre ist die Kriminalitätsrate in New York so hoch wie nie zuvor. Der früher so prachtvolle Times Square: bevölkert von Prostituierten und Drogensüchtigen. Die Zeitungen bezeichnen New York als fear city, als Stadt der Angst. Was fehlt, ist ein Bauprojekt, das wie das 1973 fertiggestellte World Trade Center die ganze Welt beeindruckt. Trump verspricht Abhilfe. 1980 lässt er das umgebaute, mit einer kolossalen Glasfassade versehene Commodore Hotel als Grand Hyatt Hotel neu eröffnen. New York feiert ihn als Retter.

An der öffentlichen Finanznot ändert das neue Hotel nichts. Die Stadt entlässt Tausende Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute. Gehälter werden gekürzt oder eingefroren.

Donald Trump aber geht weiter seinen Weg nach oben. Vom Millionär qua Geburt wird er zum Milliardär. 1983 baut er, wieder mit enormen Steuervergünstigungen, das Gebäude, das bis heute sein Markenzeichen ist, den Trump Tower nahe dem Central Park, Bronzefassade, 202 Meter hoch, 68 Etagen. Die Apartments verkauft er mit enormem Gewinn. Bis auf das Penthouse, das sich über die obersten drei Stockwerke erstreckt. Dort zieht er selber ein.

"New York Times", 4. April 1983: Man konnte davon ausgehen, dass der Trump Tower (...) albern, protzig und ein bisschen vulgär werden würde. (...) Aber tatsächlich ist das Atrium des Trump Tower der angenehmste öffentliche Ort in privater Hand, der in New York je gebaut wurde. Dieser Ort ist warm, luxuriös und sogar berauschend.

Barbara Res sitzt auf dem Sofa ihres großen, auf einer Anhöhe gelegenen Landhauses in der Nähe von New York. Sie ist Mitte sechzig, trägt kurze braune Haare und eine Brille.

18 Jahre lang, von 1980 bis 1998, war sie Trumps Bauleiterin. Sie hat darüber ein Buch geschrieben.

DIE ZEIT: Wie kam es, dass Sie für Donald Trump zu arbeiten begannen?

Barbara Res: Ich habe auf der Baustelle des Commodore Hotel einen Architekten angeschrien, der das Bauunternehmen, bei dem ich damals angestellt war, für ein Problem verantwortlich machte, das in Wahrheit seine eigene Schuld war. Trump bekam das zufällig mit. Er lobte mich: Ich sei ein Killer.

ZEIT: Donald Trump hatte damals einen guten Ruf, auch weil er es meist schaffte, die Kosten nicht zu überziehen. Wie hat er das fertiggebracht?

Res: Wir haben einige Handwerker im Preis gedrückt, bis sie pleitegingen.

ZEIT: Das war alles?

Res: Er ist ein geschickter Geschäftsmann. Beim Commodore Hotel hat er möglichst viele der alten Räume übernommen, weil er dachte, das komme billiger. Im Nachhinein war das ein Fehler. Es wäre günstiger gewesen, alles abzureißen und neu zu bauen. Er hat dann einfach die Zimmerpreise erhöht und ein Haus als Spitzenklasse-Hotel vermarktet, das eher Mittelklasse war.

ZEIT: Wie hat er Sie bezahlt?

Res: Er hat mich für das Gehaltsgespräch in seine Wohnung an der Fifth Avenue einbestellt. Das Wohnzimmer bot einen Blick auf den Central Park. Alles war weiß, die Möbel, die Vorhänge. Ich habe mich nicht getraut, den Orangensaft zu trinken, den Ivana, seine damalige Frau, mir angeboten hat: Ich hatte Angst, einen Fleck auf den Teppich zu machen. Trump bot mir dann 55.000 Dollar an, fast doppelt so viel, wie mir mein vorheriger Arbeitgeber gezahlt hatte. Sein Vater hat ihn später gezwungen, mein Gehalt auf 49.000 Dollar zu senken. Fred Trump war total gegen Frauen auf der Baustelle. Donald hat die 6.000 Dollar Differenz dann aus eigener Tasche bezahlt. Er hatte Angst vor seinem Vater. Er wollte immer größer und besser sein als sein Vater. Das trieb ihn an.

ZEIT: Wie haben Sie ihn als Chef erlebt?

Res: Trump war aggressiv. Mit den Jahren wurde das immer unangenehmer. Er konnte aber auch sehr nett sein. Wir hatten eine Frau im Büro, die ihren Nerzmantel verkaufen wollte, der sollte 1.000 Dollar kosten, das war für mich damals eine Menge Geld. Ich probierte ihn an, und in diesem Moment kam zufällig Donald vorbei. Er fragte: Gefällt dir der Mantel? Ich sagte: Ja, und er sagte: Dann kaufe ich ihn dir.

Sandy McIntosh: Was mich erschreckt, ist sein unglaublicher Hunger nach Aufmerksamkeit.

In New York spüren damals sehr viele Menschen diesen Hunger. Der politische Idealismus der sechziger und siebziger Jahre ist verschwunden. New York in den Achtzigern – das ist die Stadt des hemmungslosen Konsums, des Größenwahns und der Egozentrik, eine Stadt, die beschlossen zu haben scheint, sie müsse sich dem Gebaren dieses schillernden Immobilientycoons angleichen, der sie mit glitzernden Gebäuden vollstellt. 1987 formuliert ein Finanzspekulant den Satz, der als Leitspruch dieser Jahre dienen wird: "Gier ist gut." Der Spekulant heißt Gordon Gekko, er ist eine fiktive Figur aus dem Film Wall Street.

Donald Trump gibt es wirklich.