4. Der Wahnsinn der Achtziger

Die Wochenenden verbringt Trump meist auf seinem Landsitz in Connecticut oder in seinem 125-Zimmer-Anwesen in Florida. In Atlantic City baut Trump für knapp eine Milliarde Dollar das riesige Spielkasino Taj Mahal und bezeichnet es als "das achte Weltwunder". Er kauft das mondäne Plaza Hotel am New Yorker Central Park. Er kauft eine Jacht für 29 Millionen Dollar und tauft sie Trump Princess. Er kauft ein Footballteam aus New Jersey. Er kauft einen pechschwarzen Helikopter und fliegt damit herum. Er kauft eine Neun-Millimeter-Pistole und lässt sich von bewaffneten Bodyguards begleiten. Er könnte die ganze Welt kaufen, die Banken gewähren ihm jeden Kredit.

Sandy McIntosh: Zu den besseren Kreisen der New Yorker Gesellschaft hat Trump nie gehört. Dazu braucht es Kunst, Literatur, Fremdsprachen, Weltläufigkeit. All das fehlt Donald Trump. Sein Maßstab ist der Dollar.

Michael D’Antonio: Er hat mir einmal erzählt, dass er nie Bücher liest.

Aus europäischer Sicht mag Trumps damaliges Protzleben wie eine Karikatur des Kapitalismus wirken. Im Amerika der achtziger Jahre aber gilt materieller Erfolg als Zeugnis eines gelungenen Lebens – Trump hat offenbar alles richtig gemacht. Auf einmal sind da Millionen von Menschen, die am liebsten so wären wie er. Sie bewundern ihn, eifern ihm nach. Sie sorgen dafür, dass sein Buch The Art of the Deal, eine Mischung aus Biografie und Ratgeber, auf Platz eins der Bestsellerliste steigt und dort fast ein ganzes Jahr bleibt.

Heute ist Trumps Buch längst aus den Bestsellerlisten verschwunden. Aber die Sehnsucht, zu den Gewinnern zu gehören, sie hat sich erhalten – gerade in einer Zeit, in der immer mehr Menschen zu Verlierern werden.

Wenn Donald Trump im Wahlkampf des Jahres 2016 an seine Fans rote Baseballkappen mit der Aufschrift "Make America Great Again" verkauft, dann wirkt das wie das Versprechen, die achtziger Jahre zurückzubringen. Eine Ära, in der du als weißer Amerikaner so etwas wie ein geborener Gewinner warst. Eine Ära, in der dir niemand den Mund verbot, wenn du über Schwarze, Frauen oder Sozialhilfeempfänger hergezogen bist. Eine Ära, in der Great-Gatsby-Träume geträumt wurden und der Rest der Welt am liebsten so sein wollte wie Amerika. Eine großartige Ära!

1977 hat die Lokalzeitung New York Post eine Klatschseite namens Page Six eingeführt. Der Donald Trump der Achtziger ist die perfekte Figur für diese Seite. Fast täglich ruft Trump die Reporter an, um Namen von Supermodels zu streuen, mit denen er den Abend verbracht hat, oder genüsslich Beleidigungen zu verteilen. Die Journalisten tippen es in ihre Schreibmaschinen. Denn mit Trump schießt die Auflage in die Höhe.

Manchmal bekommen die Journalisten auch Anrufe von einem "John Miller" oder einem "John Barron" – Trumps Pressesprecher offenbar, die in warmen Worten von den großen Taten und dem edlen Charakter ihres Chefs berichten. Es ist Donald Trump selbst, der da ins Telefon spricht. Ein Mann, der seinen eigenen Ruhm herbeiredet. Heute streitet er es ab.

Bald sind es nicht mehr nur die Lokalblätter, die über Trump berichten. Auch renommierte Zeitungen wie die New York Times merken schnell, dass Trump aufregend ist. Mit ihren Artikeln verleihen sie ihm Seriosität. Trump erscheint in der Öffentlichkeit jetzt als ein Mann, den man ernst nehmen muss. Er nutzt die Gelegenheit, um seinen Mythos zu untermauern. Er erzählt, er habe die Universität als Jahrgangsbester abgeschlossen – in Wahrheit war er nur ein Absolvent wie viele andere. Er behauptet, er habe an der Elite-Uni Wharton Wirtschaft studiert – in Wahrheit hat er dort nur einige Grundkurse besucht. Dennoch werden in den folgenden Jahren ungezählte Artikel und Bücher wieder und wieder das Märchen vom klugen Trump verbreiten.

Es ist eine Kommunikationstechnik, die Donald Trump noch heute pflegt und die zu Zeiten der sozialen Medien besser funktioniert als je zuvor: Man muss einen Satz nur oft und laut genug in die Welt schreien, dann finden sich genügend Menschen, die ihn glauben.

Und nur wenige, die nachprüfen, ob er stimmt: Einer Berechnung zufolge waren 76 Prozent aller politischen Aussagen des Präsidentschaftskandidaten Trump im Jahr 2015 wahrheitswidrig.

Es wäre die Aufgabe der Zeitungen und Fernsehsender, Trumps Herumgerede zu überprüfen, aber das ist ihnen zu aufwendig – oder zu gefährlich, weil sie ihren Auflagenbringer nicht beschädigen wollen. Anders gesagt: Trump ist seit den Achtzigern immer stärker geworden, weil die Medien immer schwächer wurden.

Mithilfe der Journalisten wird er erst zum Popstar, dann ist er so bekannt wie der amerikanische Präsident, am Ende wird er auch so bewundert wie der Präsident.

Wäre er womöglich sogar der bessere Präsident?

Trump lässt sich damals von Roy Cohn beraten, einem Juristen, der in den fünfziger Jahren eng mit dem republikanischen Senator und Kommunistenjäger Joseph McCarthy zusammenarbeitete. Nach McCarthys Sturz ging Cohn zurück nach New York, um als Anwalt für die Reichen und Gefährlichen zu arbeiten, vor allem für die Mafia. Cohn schmeißt regelmäßig große Partys auf seinem Anwesen in Connecticut, zu denen Politiker, Künstler, Journalisten kommen.

Michael D’Antonio: Cohn war Donalds politischer Ziehvater. Von ihm hat er gelernt, wie man empörende Äußerungen und aufrührerische Rhetorik nutzen kann, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Cohn war ein Mensch, der jede denkbare Methode nutzte, um andere Menschen zu verunglimpfen.

Mitte der achtziger Jahre, im Kalten Krieg, sagt Trump unvermittelt zur Washington Post, er sei bereit, die Nuklearverhandlungen mit Russland zu übernehmen: "Manche Leute haben die Fähigkeit zu verhandeln, man ist damit geboren. (...) Ich bräuchte eine Stunde oder eineinhalb, um alles über die Nuklearwaffen zu lernen."

Auch dies ist eine Strategie, die Trump bis heute beibehalten wird: Mit völlig absurden Aussagen hält er sich erfolgreich in den Medien. Und mit seiner Attitüde, dass ein erfolgreicher Geschäftsmann der bessere Politiker sei, bedient er die Sehnsucht nach einem Präsidenten, der Amerika so stark macht, wie es sich selber sieht. 1988 wird Trump zum ersten Mal nach seinen politischen Ambitionen gefragt, in der Sendung der Talkmasterin Oprah Winfrey.

Oprah Winfrey: Könnten Sie sich vorstellen, als Präsidentschaftskandidat anzutreten?

Donald Trump: Ich würde es niemals ausschließen, denn ich bin es leid, mitanzusehen, was mit unserem Land passiert.