5. Trump fällt – aber er fällt weich

Vielleicht wäre Donald Trump schon gegen Hillary Clinton angetreten, als die noch gemeinsam mit Bill im Weißen Haus wohnt. Wäre nicht etwas eingetreten, das es in der Vorstellungswelt des Donald Trump eigentlich gar nicht gibt: eine Niederlage.

Zuerst endet seine Ehe mit Ivana in einer Schlammschlacht. Trump hatte eine Affäre mit der Schauspielerin Marla Maples begonnen, die auf Seite eins der New York Post mit der Schlagzeile zitiert wurde: "Der beste Sex meines Lebens". Die Trennung von Ivana wird von den Reportern der New Yorker Blätter über Monate minutiös begleitet. Man könnte das als nicht geschäftsrelevanten Kleinkram abtun, aber auf einmal beschließen Frauen überall im Land, Trumps Fluglinie Trump Shuttle zu boykottieren. Und, Zufall oder nicht, plötzlich sind da auch Gerüchte über wütende Geschäftspartner, die seit Monaten auf ihr Geld warten. Geld, das Donald Trump ihnen nicht geben kann. Weil er es nicht hat.

Marvin Roffman, früherer Wirtschaftsanalyst: In der ersten Märzwoche des Jahres 1990 erhielt ich einen Anruf eines Reporters des Wall Street Journal. Er wollte mit mir über das Taj Mahal sprechen. Ich arbeitete damals als Analyst der Kasinobranche, und ich sagte ihm, dass das überdimensionierte Taj Mahal keinen Erfolg haben werde. Der Markt in Atlantic City sei zu klein für dieses Riesenkasino. Drei Tage nachdem der Artikel erschienen war, wurde ich gefeuert. Trump hatte meinem Chef gedroht, ihn zu verklagen.

Jahrelang hatte sich Donald Trump benommen, als wachse ihm Geld auf der Hand. In Wahrheit musste auch er, wie fast alle Unternehmer der Welt, seine Investitionen mit Krediten finanzieren, musste sich Geld leihen, um all die Wolkenkratzer, Kasinos und Flugzeuge kaufen zu können. Geblendet vom Erfolg, hatte er sein Unternehmen, The Trump Organisation, immer weiter aufgebläht. 409 Millionen Dollar hatte er sich für den Kauf des Plaza Hotel geliehen, 380 Millionen für den Erwerb der Fluglinie, 220 Millionen für ein Bauprojekt an der Upper Eastside – und 675 Millionen Dollar für das Taj Mahal.

Donald Trump war eine Ein-Mann-Immobilienblase.

Anfang der neunziger Jahre platzt sie. Es stellt sich heraus, dass Trump seine Immobilien viel zu hoch bewertet hat. Das Taj Mahal bringt zu wenig Geld ein, es kommen einfach nicht genug Gäste. Trump aber muss jeden Tag allein 260.000 Dollar an Zinsen zahlen. Sein Vermögen schmilzt, das Unglaubliche geschieht: Donald Trump muss seine Jacht verkaufen und die Fluglinie.

TRUMP GEHT PLEITE!

Die Zeitungen machen jetzt Auflage, indem sie Geschichten drucken, in denen ihr gefallener Held frustriert um die Kasinotische in Atlantic City schleicht. Die New York Times fragt: "Ist Donald Trump, der angeschlagene goldene Junge, auf dem Weg vom Millionär zum Tellerwäscher?"

Wayne Barrett: Trotz seines Bankrotts hat er eine riesige Geburtstagsparty gefeiert, im Trump Castle in Atlantic City. Ich bin auch hin. Im Ballsaal trat zur allgemeinen Belustigung ein George-Bush-Double auf, das forderte, Trump solle Präsident werden. Ich war gerade angekommen, da ließ mich Trump wegen angeblichen Hausfriedensbruchs verhaften. Die Polizei war offenbar angewiesen worden, nach mir zu suchen. Trump mochte meine Artikel nicht. Ich verbrachte die Nacht in einer Zelle, stehend, eine Hand an die Decke gekettet.

Trump scheint am Ende zu sein. Doch wieder wird er gerettet, wie schon in den Prozessen wegen Rassismus gegenüber afroamerikanischen Mietern. Diesmal kommt ihm nicht die Schwäche der Justiz zu Hilfe. Sondern die Schwäche der Banken. Sie haben ihm schlicht zu viel Geld geliehen. Sie können es sich nicht leisten, sein Unternehmen zu zerschlagen und sämtliche Kredite abzuschreiben.

Michael D’Antonio: Es ging ihm bald besser, weil er merkte, dass er gegenüber den Banken einen Vorteil hatte: Wenn sie ihn fallen ließen, würden sie mit ihm untergehen.

Knapp 20 Jahre später, in der Finanzkrise des Jahres 2008, wird die Welt voller Erstaunen lernen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem, sagen wir, Handwerksbetrieb, der schlampig wirtschaftet, und einem Finanzkonzern, der dasselbe tut. Der Handwerksbetrieb bricht zusammen, der Finanzkonzern darf nicht zusammenbrechen, weil er zu viele andere Unternehmen mitreißen würde. Ab einer gewissen Größe wird unverantwortliches Verhalten also nicht mehr bestraft. Davon profitieren die Banken in der Finanzkrise. Davon profitiert Donald Trump in seiner privaten Immobilienkrise.

Trumps Geldgeber schenken ihm den Großteil seiner Schulden, lassen sein Imperium am Leben und setzen darauf, dass es ihm gelingen wird, wieder Fuß zu fassen. Sie wollen die Marke Trump nicht vernichten. Sie ist zu wertvoll geworden.

Marvin Roffman: Es gab damals eine Studie, wonach Trump der zweitbekannteste Markenname auf der Welt war, direkt nach Coca-Cola.

Gwenda Blair: Er ist durch seinen Konkurs hindurchgesegelt und machte dabei jede Menge Geld.

1993, nicht lange nach seiner Pleite, die keine war, heiratet Donald Trump in einer ausufernden Zeremonie mit rund 1.000 Gästen seine Freundin Marla Maples.

Michael D’Antonio: Marla spricht von ihm, als sei er ein König. Sie deutete mir gegenüber sogar an, dass er in einem früheren Leben ein König gewesen sein könnte. Diese Idee der Familie als Königshaus, das ist ein ständiges Thema im Trump-Clan. Dieses Gefühl, dass sie von Natur aus überlegen sind, dazu bestimmt, über andere zu herrschen.

Nach den Immobilienpleiten ändert Trump sein Geschäftsmodell. Andere Unternehmer können nun für viel Geld seinen Namen kaufen, um Produkte zu vermarkten. Bald gibt es Trump-Matratzen, Trump-Steaks, Trump-Mineralwasser, Trump-Spielzeug, Trump-Kleidung. Trump selbst muss keinen Cent seines eigenen Geldes einsetzen. Er profitiert einfach davon, dass andere Leute diese fünf Buchstaben auf irgendwelche Verpackungen drucken.

1996 ist er nach sechs langen Jahren wieder auf der Liste der 400 reichsten Amerikaner zu finden – auf Platz 373, immerhin.

Als habe ihm seine Wiedergeburt neues Selbstvertrauen gegeben, meldet sich Trump jetzt auch wieder häufiger zu politischen Themen zu Wort. Sein Berater Roy Cohn ist mittlerweile verstorben, Trump verlässt sich jetzt auf Roger Stone, der, wie Cohn, zuvor für die republikanischen Präsidenten Richard Nixon und Ronald Reagan gearbeitet hat. Stone trägt ein großes Nixon-Tattoo auf dem Rücken.

DIE ZEIT: Seit wann kennen Sie Donald Trump?

Roger Stone: Ich habe Donald Trump schon 1979 in New York kennengelernt, damals organisierte ich gerade den Wahlkampf für Ronald Reagan. Ich habe sofort gemerkt, der Typ hat Starqualitäten, der ist charismatisch.

ZEIT: Die Präsidentschaftskandidatur ist ihm inzwischen kaum noch zu nehmen – obwohl die Parteiführung der Republikaner lange gegen ihn war.

Stone: Trump hat die parteiinterne Opposition überwältigt, weil er die TV-Sendungen dominierte. Die Republikaner müssen begreifen, dass er gut ist für die Partei, er bringt neue Wähler. Donald Trump ist größer als die Republikanische Partei.

Wayne Barrett: Roger Stone hat mit dem berüchtigten Strategen Lee Atwater zusammengearbeitet, der George Bush senior mithilfe rassistischer Wahlwerbung ins Weiße Haus gebracht hat.

Es gehört zum Wesen der Politikberatung, dass nie ganz klar ist, ob der Berater den Politiker steuert oder ihm nur dezente Hinweise gibt. Tatsache ist: Schon Ende der achtziger Jahre hat Trump die Gelegenheit ergriffen, mit Hetze Politik zu machen. Damals wird eine junge Joggerin im Central Park vergewaltigt, die Polizei nimmt vier junge Schwarze und einen Latino fest. Die Männer beteuern ihre Unschuld. Trump schaltet ganzseitige Großbuchstaben-Anzeigen in den Zeitungen: "FÜHRT DIE TODESSTRAFE WIEDER EIN!" (In New York war seit 1963 niemand mehr hingerichtet worden.) Darunter lässt er schreiben: "Ja, ich will diese Mörder hassen, und ich werde es immer tun."

Die fünf Männer werden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. 13 Jahre später ergibt ein DNA-Test, dass sie nicht die Täter sind.

Michael D’Antonio: Ich bin nicht sicher, ob er gegenüber bestimmten Gruppen wirklich eine Abneigung hat, aber er bedient sich dieser rassistischen Rhetorik, um die Leute anzusprechen.

Vor dem aktuellen Präsidentschaftswahlkampf war die republikanische Parteiführung zu der Überzeugung gelangt, dass ohne die Stimmen von Schwarzen und Latinos keine Wahl mehr zu gewinnen sei. Donald Trump ist anderer Meinung.

Wayne Barrett: Seine Strategie ist ganz auf weiße Anhänger der Republikaner ausgerichtet. 2011 hat er behauptet, Barack Obama habe keine echte Geburtsurkunde. Trump sagt nicht: Obama darf nicht Präsident werden, weil er schwarz ist. Sondern: Obama darf nicht Präsident werden, weil er kein Amerikaner ist. Das reicht, um ein rassistisches Signal auszusenden.

Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 unterliegt der Republikaner Mitt Romney gegen Barack Obama. Sechs Tage nach der Wahl lässt sich Donald Trump unbemerkt einen Slogan als Marke eintragen: Make Amerika Great Again.