Die Auswahl eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten folgt dem Gesetz der Evolution: Der Beste setzt sich durch. Ihm jubeln die Delegierten auf dem Nominierungsparteitag zu. Ihn küren sie zu ihrem offiziellen Bewerber. Ihn unterstützen die Spitzenfunktionäre seiner Partei.

Jedenfalls war das früher so. Vor Donald Trump.

Am Donnerstag vergangener Woche steigt Trump in New York in seine Boeing 757, auf deren Rumpf in riesigen Buchstaben "TRUMP" steht. Trump ist auf dem Weg nach Washington. Noch vor vier Monaten, als das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner begann, hatte er 16 Konkurrenten. Er galt als Großmaul, als Clown, kaum einer nahm ihn ernst. Doch Trump hat bei den Vorwahlen mehr Stimmen bekommen als alle anderen Bewerber der Republikaner. Er ist der Einzige, der noch übrig ist. Die politische Evolution bringt neuerdings seltsame Figuren hervor.

In Washington trifft sich Trump mit Paul Ryan, Sprecher des Repräsentantenhauses und ranghöchster Politiker der Republikaner. Nach Trumps Sieg bei den Vorwahlen hätte Ryan eigentlich in die Fernsehkameras rufen müssen, Trump sei der beste Präsident, den Amerika sich wünschen könne.

Stattdessen sagte er, er könne diesen Mann nicht guten Gewissens unterstützen. Einen Mann, der solche Sätze von sich gibt:

"Meine Finger sind lang und schön, so wie auch andere Teile meines Körpers."

"Die globale Erwärmung wurde von den Chinesen erfunden, um die amerikanische Wirtschaft wettbewerbsunfähig zu machen."

"Donald J. Trump verlangt die vollständige Schließung der Grenzen für Muslime, bis die Vertreter unseres Landes herausfinden, was vor sich geht."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Nach dem Treffen in Washington geschieht etwas Seltsames, etwas, das viel aussagt über den Aufstieg des Donald Trump. Paul Ryan verkündet nun plötzlich, Trump sei ein "warmherziger und aufrichtiger Mensch". Ryan hat seinen Widerstand aufgegeben. Eine der überraschendsten politischen Karrieren in der Geschichte der Demokratie geht weiter. Donald Trump könnte tatsächlich der mächtigste Mann der Welt werden.

Die ZEIT hat mit Menschen gesprochen, die Trump seit Jahren kennen. Sie sind mit ihm zur Schule gegangen, haben mit ihm gearbeitet, ihn beobachtet. Ihre Berichte fügen sich zum Porträt eines Mannes zusammen, der seit je vom trügerischen Gefühl erfüllt ist, der Stärkste zu sein – und dessen Stärke sich doch nur aus der Schwäche anderer nährt.

1. Beruf: Sohn

Der Immobilienunternehmer Fred Trump duldet keine Disziplinlosigkeit. Im Herbst 1959 geht sein 13-jähriger Sohn Donald auf eine Privatschule im New Yorker Stadtteil Queens. Als Donald den Unterricht schwänzt und immer wieder heimlich nach Manhattan fährt, um sich Klappmesser zu kaufen, steckt ihn sein Vater kurzerhand in eine Militärschule am Hudson River. Donald muss ausziehen aus dem Anwesen seiner Eltern mit den 23 Zimmern, den Angestellten und dem Chauffeur, der ihn und seine vier Geschwister jeden Morgen in die Schule fährt.

Die Militärschule ist ein von der Außenwelt abgeschirmtes Jungen-Internat, in dem Donald auch die Wochenenden verbringt. Er trägt eine Uniform, muss strammstehen, und wenn er im falschen Moment etwas sagt, wird er von brüllenden Ex-Soldaten gemaßregelt. Seine Familie sieht er nur noch in den Ferien.

Sandy McIntosh, Klassenkamerad: Ich war mit Donald auf der Militärschule, wir kannten uns. Unsere Familien waren Mitglied im selben Strandclub, dem Atlantic Beach Club. Da waren Schwarze und Juden nicht erlaubt. Donalds Vater war sehr streng, aber Donald betete ihn an. Ich glaube, die Tatsache, dass er bis heute überall Bestätigung sucht, hat ihren Ursprung in seiner Sehnsucht nach Fred Trumps Anerkennung.

Gwenda Blair, Trump-Biografin: Fred Trump war bis zu seinem Tod 1999 der wichtigste Mensch in Donalds Leben. Fred wollte immer, dass seine Kinder "Killer" werden – so nannte er harte Leute.

Sandy McIntosh: Das Motto an der Militärschule war: "Gewinnen ist nicht alles. Es ist das Einzige." Donald hat sich dort schnell zurechtgefunden. Er war ein Hitzkopf, aber er hat versucht, es nicht zu zeigen. Wir Jungs mochten ihn, trotzdem hatte er nie einen wirklich engen Freund.