Vor ein paar Monaten rief mich ein Mann im Büro an, der zur Begrüßung sagte: "Hallo, Stefan, hier ist Axel." Ich stutzte. Welcher Axel? Die Stimme kam mir unbekannt vor, der Name ebenso, und ich antwortete: "Tut mir leid, ich kenne dich nicht." Dann erwiderte er: "Wir haben zusammen Geschichte studiert, Ende der achtziger Jahre. Du hast damals auch etwas über mich in der Zeitung geschrieben. Damals war ich noch Pommesbuden-Tester im Ruhrgebiet." – "Tut mir leid, Axel", antwortete ich, "der Groschen fällt bei mir noch immer nicht." Als er weiterredete, googelte ich seinen Namen im Computer und stieß auf sein Foto. Natürlich, Axel, wie konnte ich ihn vergessen? Auf dem Foto steht er in einem dunklen Anzug neben der Kanzlerin und sieht sehr elegant aus. Er sei natürlich schon lange nicht mehr Pommesbuden-Tester, sagte er zu mir am Telefon, sondern Direktor eines Museums. Wahnsinn, dachte ich. Axel, dieser schräge Vogel, an der Spitze eines Museums.

Als er aufgelegt hatte, begann ich, andere Studienkollegen aus jener Zeit zu googeln, Menschen, an die ich jahrelang nicht mehr gedacht hatte. Viele von ihnen hatten Karriere gemacht, als Unternehmensberater oder Wissenschaftler, obwohl sie so scheinbar brotlose Fächer wie Geschichte, Politik oder Germanistik studiert hatten. Sie alle kamen 1962, 1963 oder (wie ich) 1964 auf die Welt, mein Jahrgang ist der geburtenstärkste der Bundesrepublik. Die wenigsten von ihnen stammen aus akademischen Verhältnissen. Die Eltern waren Schlosser, Fahrlehrer oder Möbelverkäufer. Wir waren die erste Generation, die es auf akademische Posten gebracht hat und die heute dafür angegriffen wird, dass sie nicht bemitleidenswert erfolglos geblieben ist.

Wir verkörpern nämlich ein riesiges Problem, schrieb mein 33-jähriger Kollege Alard von Kittlitz an dieser Stelle in der vergangenen Ausgabe der ZEIT. Wir haben gute Jobs, nehmen Berufsanfängern attraktive Positionen weg, verdienen mehr Geld als sie und setzen Rentenerhöhungen durch. Damit versüßen wir uns das ohnehin überzuckerte Leben. Dieser Vorwurf ist von Jüngeren in den letzten Jahren so oft formuliert worden, dass ich sämtliche Strophen der Elegie mitsingen kann.

Ihr, die Jüngeren, wollt darüber reden, wie hoch eure Rente später ausfallen wird? Man könnte meiner Generation vorhalten, dass sie zu den politischen Debatten unseres Landes viel zu wenig beigetragen hat, dass wir nicht offen genug für gesellschaftliche Veränderungen sind, dass wir unsere Ambitionen zu früh privatisiert haben, aber ihr wollt über Renten streiten, über materielle Wellness?

Ganz schön spießig. Wer schon mit 30 den Blick auf die Rente richtet, dem muss es ziemlich gut gehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Die sogenannten Babyboomer, Menschen wie ich, sollen von der demnächst anstehenden Rentenerhöhung übermäßig profitieren? Ich, der ich 51 Jahre alt bin und nach heutigem Stand mit 67 Jahren in Rente geschickt werde? Das ist fast so absurd, als würde ich behaupten, jede Rentenerhöhung nütze den heute 30-Jährigen, weil sie ihnen in schätzungsweise 35 Jahren zugutekommen wird. Ich glaube, ihr seid Meister der Verwechslung. Ihr bringt alles durcheinander, weil ihr leiden wollt. Ihr leidet in Wahrheit nicht, aber ihr steigert euch in einen Weltschmerz hinein, weil euer Hunger nach Mitgefühl kaum zu stillen ist. Ihr bildet euch Schmerzen ein. Nicht einmal um Phantomschmerzen handelt es sich, weil da nie etwas gewesen ist, was wehtun konnte und deswegen entfernt werden musste. Es muss sich bei euch eine chronische Form der Hypochondrie entwickelt haben, die offenbar ansteckend ist.

Ihr leidet – schrieb Alard von Kittlitz – zum Beispiel unter prekären Arbeitsverhältnissen. Viele seiner hoch qualifizierten Freunde müssten schon froh sein, wenn sie einen mies bezahlten, befristeten Job bekämen. Für den Einzelfall mag das stimmen, im Allgemeinen stimmt es nicht.

Vor ein paar Jahren bat ich eine junge Redakteurin, zu recherchieren, was eigentlich aus der Generation Praktikum geworden ist – jenen Jungakademikern, die sich von Praktikum zu Praktikum hangelten. Über diese Menschen ohne Perspektive, die damals ungefähr so alt waren, wie es Alard von Kittlitz heute ist, erschienen schon im Jahr 2006 große Artikel in Zeitungen. Nach dieser Generation suchte die Redakteurin und telefonierte tagelang herum, kam schließlich zu mir und sagte, da sei nichts Spektakuläres zu berichten. Die Generation Praktikum habe sich aufgelöst. Außerhalb des Journalismus und der Werbebranche hätten die allermeisten jungen Akademiker eine feste Stelle gefunden. Auch an Hochschulen und in Theaterhäusern sind prekäre Jobs verbreitet, aber das war schon üblich, als die Generation Praktikum noch gar nicht auf der Welt war. Vereinfacht gesagt: Die Generation Praktikum ist eine Halluzination, die dadurch entstand, dass junge Journalisten mit befristeten Arbeitsverträgen ihre eigene Lebenslage auf die ganze Gesellschaft übertragen haben. Es war der Versuch, Selbstmitleid zu verallgemeinern. Das klappt aber nicht, wenn die Wirklichkeit sich sperrt. Ein junger Ingenieur, der unter mehreren Jobs wählen kann, repräsentiert die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt heute erheblich besser als ein junger Journalist, der um Aufträge betteln muss.