Apokalypsen haben gemeinhin keinen guten Ruf. Man denkt an Krieg und Hungersnöte, Pest und Cholera und, je nach kultureller Prägung, an schauerliche Reiter oder Zombies. Aus literarischer Sicht haben Apokalypsen aber durchaus etwas für sich. Das lässt schon die Liste derjenigen Autoren erahnen, die Endzeit-Geschichten geschrieben haben. Arno Schmidt steht dort neben Günter Grass, Stephen King neben Cormac McCarthy, José Saramago neben Gabriel García Márquez. Denn für die Literatur ist die Apokalypse eine Art Idealzustand: In den letzten Tagen ist alles erlaubt.

Diese Freiheit ist für den Prosaspieler Georgi Gospodinov ohnehin der kategorische Imperativ seines Metiers. Zuletzt veröffentlichte Gospodinov, 1968 im bulgarischen Jàmbol geboren, mit Physik der Schwermut einen Roman, der grenzenlos in seinem formalen Einfallsreichtum ist, mythisch, märchenhaft und melancholisch. Ein Roman, so behauptete der Waschzettel, für den "postapokalyptischen Leser". Was auch immer das bedeutet: Die Rezensenten gehörten offenbar dazu. Gospodinov, so hieß es allenthalben, habe sich mit Physik der Schwermut in die erste Liga europäischer Autoren hineingeschrieben.

Nun gibt es in der Literaturgeschichte viele Beispiele dafür, dass auf den schnellen Aufstieg bald der Abstieg folgt. Doch Gospodinov hält die Klasse. Mit seinem Prosaband 8 Minuten und 19 Sekunden bestätigt er seine Rolle als Souverän unter den Erzähl-Anarchos der Gegenwartsliteratur.

Was es mit dem Titel auf sich hat, verrät schon der erste Absatz des Bandes. "In der Minute, in der du diesen Text zu lesen beginnst", heißt es da, "kann die Sonne bereits erloschen sein, du weißt es nur noch nicht. Dir bleiben noch 8 Minuten und 19 Sekunden, bis dich die Nachricht von ihrem Tod erreicht." Keine schöne Vorstellung. Heißt aber auch: In diesen 8 Minuten und 19 Sekunden kann noch erzählt werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Und so nutzt der Autor kleine Erzählanlässe und große Erfindungen, um die Frist in die Länge zu ziehen. Insgesamt 19 Geschichten versammelt er, die von der autobiografischen Anekdote (Fotografie) bis zur Science-Fiction-Dystopie (Und alles wurde Mond) reichen. Die Apokalypse, das Ende, das Sterben, ist dabei ein Leitmotiv. Ein anderes, die Antithese sozusagen, sind Rituale, Gewohnheiten, die üblichen Routen des Lebens. In Do not disturb beispielsweise hält sich eine Selbstmörderin in spe so lange mit "unvermeidlichen Kleinigkeiten" auf, bis sie ihr Vorhaben verschieben muss. Rettung gibt es aber nicht: "Sie wird sich beinahe zwei Jahre später (aus dem Fenster eines anderen Hotels) das Leben nehmen, unbehelligt."

Das ist folgerichtig, denn Apokalypsen haben nur selten ein Happy End. Trotzdem gibt es in dem Prosaband Geschichten, die man versöhnlich nennen kann. Sie werfen zwei Anker ins Chaos: Sprache und Vorstellungskraft.

So zum Beispiel in der Erzählung Einen Vater adoptieren. Die Hauptfigur, ein namenloser Knirps, lernt in einem bulgarischen Waisenhaus zunächst nur eine Sprache kennen, nämlich die vom Pförtner Michail, dem Invaliden, der den Kindern in den Nacken schlägt, um Hallo zu sagen. Der Knirps verfolgt deswegen eine ganz eigene Strategie: Er adoptiert Väter, um mit ihnen zu sprechen. Zunächst einen Walnussbaum, dann eine Stalin-Büste, schließlich einen Hund. Sie alle werden ihm genommen. Und doch entsteht, kurzfristig zumindest, ein Fluchtraum in der Fantasie, in dem der Knirps im doppelten Sinn wachsen kann. Er wächst, bis er imstande ist, die Rollen umzukehren: Der Knirps macht sich selbst zum Adoptivvater.

So oder so ähnlich verhält es sich in vielen Texten von 8 Minuten und 19 Sekunden: In jedem großen oder kleinen Untergang steckt auch etwas Schönes, Tröstliches. Man muss es nur finden. Das gilt, natürlich, ganz besonders für den Schriftsteller. Der, so heißt es in O, Henry, müsse ein Ohr sein, "das man wie einen alten Hut vergessen hat". So kann er lauschen und Geschichten stibitzen, um sie weiterzuerzählen.

Bleibt zu hoffen, dass Georgi Gospodinov sein offenes Ohr behält. Denn solange noch (so) erzählt wird, kann die Welt nicht untergehen.

Georgi Gospodinov: 8 Minuten und 19 Sekunden. Erzählungen; a. d. Bulgarischen v. Alexander Sitzmann; Droschl, Graz 2016; 114 S., 19,– €, als E-Book 14,99 €