Was die Deutschen verdienen, ist heutzutage eine Frage von weltpolitischer Bedeutung. Es vergeht kaum eine internationale Wirtschaftskonferenz ohne Kritik an den mageren Lohnabschlüssen in Deutschland, die – so der Vorwurf – die Euro-Krise mitverursacht hätten und nun die Erholung der Weltwirtschaft behinderten. Eine "substanzielle Gehaltserhöhung" für die deutschen Arbeitnehmer sei überfällig, schrieb der frühere amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke kürzlich und brachte damit eine in Washington, London und Paris weitverbreitete Meinung auf den Punkt.

Nun steigen die Löhne wieder. Bei den Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel um immerhin 4,8 Prozent. Darauf verständigten sich die Gewerkschaft IG Metall und die Arbeitgeberverbände am vergangenen Freitag. Wenn der Abschluss wie vorgesehen bundesweit übernommen wird, gilt er für immerhin 3,8 Millionen Menschen.

Auch im öffentlichen Dienst, bei der Telekom, im Gastgewerbe und in der Holz verarbeitenden Industrie gibt es mehr Geld. Weil der Arbeitsmarkt vielerorts leer gefegt ist und viele Unternehmen dringend neue Mitarbeiter suchen, steigt die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer und ihrer Vertreter. Die Beschäftigten bekämen einen "fairen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg", sagt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann.

Trotzdem reißen die Klagen aus dem Ausland nicht ab. Das amerikanische Finanzministerium hat Deutschland vergangene Woche auf eine Art Beobachtungsliste für wirtschaftspolitische Schurkenstaaten gesetzt – zusammen mit China, Taiwan und Korea. Die deutsche Bundesregierung unternehme immer noch viel zu wenig, um die heimische Nachfrage zu stärken, heißt es in einem Bericht, der dem US-Kongress vorgelegt wurde. Wie passt das zusammen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Zunächst einmal gilt auch für Tarifrunden: Zahlen bedürfen der Interpretation. Die 4,8 Prozent für die Metallarbeiter beispielsweise sind das Ergebnis eines ganzen Sammelsuriums von tarifpolitischen Maßnahmen: Die Arbeitnehmer erhalten eine Einmalzahlung, dafür werden die Löhne bis Juni eingefroren. Danach steigen sie innerhalb von neun Monaten um 2,8 Prozent und dann bis zum Jahresende 2017 noch einmal um 2,0 Prozent.

Im Schnitt entspricht dies nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln einem Anstieg von 2,45 Prozent. Ganz ähnlich ist die Lage in vielen anderen Branchen: Bei näherer Betrachtung sind die Abschlüsse lange nicht so spektakulär, wie es zunächst erscheint. Insgesamt steigen die tatsächlich gezahlten Löhne in Deutschland in diesem Jahr nach Berechnungen der Commerzbank alles in allem um gerade einmal 2,6 Prozent – das ist ordentlich, aber im historischen Vergleich alles andere als üppig.