Der Südafrikaner William Kentridge ist ein schwermütiger und doch genussfreudiger Mann. Seine Kunst ist untröstlich und zugleich ausgelassen, sie badet in Asche, Kohle und Staub. In seinen Zeichnungen und Trickfilmen ist die ausradierte Linie so wichtig wie die entstehende: Immerzu sieht man, wie Figuren in ihrer Bewegung zerfallen und verwehen. Sehr dunkel, das alles. Andererseits ist Kentridge ein geborener Schöpfer, Brückenbauer, Sinngeber. Er dreht Filme, spielt Theater, inszeniert Opern, schreibt Stücke. Er ist Aktivist und ein unermüdlicher Kämpfer gegen die Apartheid. In seiner Retrospektive No it is! im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt er, dass alles, was er tut, vom Genuss lebt. Seine obersten Genussmittel sind Bücher, Kunstwerke, Kaffee und Tinte. Aus ihnen entstehen seine eigenen Werke. In einer an Georges Méliès’ frühen Trickfilm Die Reise zum Mond angelehnten Arbeit sieht man, wie er das macht:

Kentridge liest ein Buch, trinkt Kaffee, und im Lesen verwandelt sich das Buch in ein Universum. Der Reisende ins All ist Kentridge selbst, und er braucht nur zwei Kraftstoffe, Druckerschwärze und Koffein. Dieses Wunder des Lesens feiert Kentridge noch in seinen abgründigsten Werken. Im Grunde ist der Zeichner Kentridge der neugierige erste Leser seiner eigenen Zeichen: Mit jedem Strich rettet er sich aus der Schwermut ins Offene. Schrift ist bei Kentridge ein irritierendes Zwischenwesen aus Staub und organischem Eigensinn: Vielleicht sind die Buchstaben, die er entziffert, eigentlich Kleinstlebewesen, Insektenschwärme, Ameisen, die es gelernt haben, in Letterform zu erstarren. Man kann sie keinesfalls beherrschen, man kann nur versuchen, sie mit Zeichnerhand zu zähmen.

Aus seinen Filmen lernen wir: Jede Form muss auch wieder vergehen. Dann verweht die Linie auf dem Papier – ungefähr so, wie am Schluss von John Hustons Schatz der Sierra Madre das erbeutete Gold in das Gebirge zurückweht, aus dem es stammt. Aus dem Zeichnen und dem Wegwischen, dem Zusammenspiel von Stift und Radiergummi, entstehen Kentridges Gestalten. Es ist ein ruheloser, bisweilen zermürbender Prozess. Die selbstironische Skizze Parcours d’Atelier (2007) dokumentiert die Laufwege des Künstlers durch sein Arbeitszimmer. Auf dem Grundriss des Raums notiert er, wo er welche Erfahrungen gemacht hat: hier "unerträglich schwere Augenlider", dort "6 ½ Minuten Schlaf". Im Gropius-Bau hat man nun sein Studio, seine Denklandschaft, ansatzweise nachgebaut. Der Besucher hat, indem er durch die Ausstellung geht, das Gefühl, Kentridges Arbeitsplatz hinterrücks, in dessen Abwesenheit, zu durchstöbern: The artist is not present.

Bücher dienen ihm als Quellen oder Brutstätten seiner Einfälle: Immerzu zeichnet er Skizzen in Bücher hinein. Die bemalten Seiten sind, wenn man sie schnell durchblättert, wie Einzelbilder eines Films. Gern zeichnet er seinen eigenen Körper in die Bücher; aus den durchblätterten Seiten steigt Kentridges bebende Gestalt. Er tanzt auf der Stelle, sozusagen auf dem Wellenkamm des Buches.

Das zentrale Werk der Ausstellung ist eine mythische Straße, auf der das Leben Afrikas an uns vorbeizieht. Eine 44 Meter lange Abfolge von Leinwänden, auf denen gezeichnete und gefilmte Lebewesen von links nach rechts durch eine trübe Graslandschaft wandern. Die Prozession marschiert unter dem Titel More Sweetly Play the Dance, das ist eine Anspielung auf Paul Celans Todesfuge: "Spiel süßer den Tod, der Tod ist ein Meister aus Deutschland." Ein Totentanz also? Kentridge wehrt sich gegen diesen Begriff, sein Tableau sei kein Aufmarsch der Wiedergänger; er zeige uns Schattenwesen, wie sie vor Platons Höhle vorbeizögen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 22 vom 19.5.2016.

Eine Brassband marschiert vorneweg, ihr folgen tanzend, im Rhythmus der Musik (Komposition: Johannes Serekeho), Hinkende, Beinlose, Menschen am Tropf. Sie tragen Palmwedel, Vogelkäfige, Schreibmaschinen, Reisigbündel. Und, als oberstes Symbol der Geborgenheit: eine Badewanne. Sie schieben Infusionsständer mit sich, brüllen in Megafone (denn sie führen noch auf der Flucht Wahlkampf), schleppen bandwagons hinter sich her, auf denen Skelette tanzen. Keiner hat ein Gesicht, nur die Gerippe scheinen uns anzusehen. Zudem sind im Menschenstrom zwei tückische, auf ihren Griffschenkeln stakende Riesenzangen unbeirrbar unterwegs. Und als Nachhut: eine bewaffnete Frau, die ihr Gewehr über dem Kopf schwingt. Beschützt oder bedroht sie die anderen? Immer wieder zielt sie auf jene, die ihr vorausgehen. Wohin sind sie alle unterwegs? Vielleicht trugen sie, jenseits des linken Bildrandes, eine Stadt ab und bauen sie nun, Stück für Stück, jenseits des rechten Bildrands wieder auf. Ein Strom von Flüchtenden? Mit ihren Habseligkeiten unterwegs zu der Lichtung, auf der sie ein neues Leben beginnen wollen? Nein, diese Prozession, die uns nur ihr Profil zeigt, wird für alle Zeiten weiterziehen.

Kentridges innere Landschaften sind Wüsten und Steppen, und vielleicht bestehen sie ausschließlich aus Radierstaub, aus aufgelöster Form. Staub bedeutet: Da war mal jemand; da ist einer ausgelöscht worden. Oder vielleicht sogar: Da lebt noch einer. In seinen Filmen sieht man bisweilen Kentridges eigenes Gesicht: einen Mann mit kohleschweren Lidschlägen. Er durchschaut den Staub. Er kennt die Gestalten, die darin wanderten. Er zeichnet Wesen aufs Papier und radiert sie wieder aus. Ein Vorgang von unerbittlicher Langmut. Vielleicht, denkt man sich, besteht die ganze afrikanische Wüste aus uraltem Staub, dem Radierstaub Gottes. Dahinein setzt Kentridge seine sprachlosen, unaufhaltbaren Figuren.

"No it is!" ist bis zum 21. August im Gropius-Bau zu sehen. Vom 5. bis zum 13. Juli zeigt Kentridge im Haus der Berliner Festspiele eigene Bühnenarbeiten, unter anderem seine "Drawing Lessons", in denen er seine Arbeitsweise erläutert