Die Runde sitzt bei Krabbenbrötchen und Kaffee zusammen – auf dem Tisch stehen auch Flaschen mit Bier, sogar alkoholfrei, aber in den nächsten Stunden wird niemand danach greifen. Die drei Gäste sind gekommen, um über ein heikles Thema zu sprechen: den Alkoholkonsum der Deutschen. 90 Prozent der Erwachsenen trinken hierzulande Alkohol, traditionell zählen wir zu den Vieltrinkern auf dieser Welt. Schon unsere germanischen Vorfahren galten als gefürchtete Zecher, im Mittelalter brachten die Bräute stets einen Braukessel mit in die Ehe. Und heute? Eine halbe oder ganze Flasche Wein, zwei, drei Biere – für viele ist das ein lieb gewonnenes Feierabendritual. Wer gern trinkt, befindet sich in bester Gesellschaft: Der gesundheitlich riskante Alkoholkonsum steigt mit dem Bildungsniveau. Fachleuten wie unseren drei Gästen bereitet das Sorge: Fast zehn Millionen Deutsche trinken nach Schätzungen zu viel, 1,3 Millionen gelten als süchtig.

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ZEIT ONLINE ruft auf zur größten Drogenumfrage.

ZEIT Doctor: Stellen wir uns eine Situation vor, die viele kennen – man ist am Samstagabend eingeladen, die Freunde kochen, reichen einen Aperitif, beim Essen trinkt die Runde ein paar Flaschen Wein, später gibt’s noch einen Digestif oder zwei. Am Ende hat man fünf Getränke oder mehr gehabt. Ein Grund, sich Gedanken zu machen?

Hausarzt: Wenn das ein Mal in der Woche oder in 14 Tagen vorkommt, gehört es dazu. Das ist nun mal unsere Ess- und Trinkkultur. Die Frage ist aber, ob der Einzelne die Grenze ziehen kann oder ob es mit den Jahren immer mehr wird.

Suchtexpertin: Der Hauptpunkt ist, sich zu fragen: Wofür setze ich Alkohol ein? Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu bekommen, dass Alkohol eben kein normales Konsumgut für jeden Tag ist.

Hausarzt: Es gibt eine sehr große Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft, die Alkohol so sorglos zu sich nehmen wie Brause, und das kann schon mal grenzwertig sein.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Sozialmediziner: Und mindestens zwei Drittel von denen, die zu viel Alkohol trinken, halten ihren Konsum für total normal.

Suchtexpertin: Ja, die Menschen lesen ja auch immerzu, wie gesundheitsförderlich Rotwein sei und dass man mit Bier hervorragend Giftstoffe ausscheide. Aber das stimmt nicht, das ist ein Mythos.

ZEIT Doctor: Was stimmt stattdessen?

Sozialmediziner: Viele Fachleute weltweit sind heute nicht mehr davon überzeugt, dass ein moderater Alkoholkonsum Herzerkrankungen vorbeugt, wie es früher hieß. Diese Idee beruht nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf statistischen Fehlern. Und andersherum belegen inzwischen große Studien, dass selbst der Konsum geringster Mengen Alkohol Krebs begünstigt.

Suchtexpertin: Im Prinzip muss man sagen: Jeder Konsum ist gesundheitsschädlich.

Hausarzt: Na ja, man muss die Kirche da schon im Dorf lassen. Alkohol ist auch ein Genussmittel, und da ist gar nichts gegen zu sagen.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Suchtexpertin: Alkohol wird in unserer Gesellschaft als Kulturgut betrachtet, aber das ist ja keine Selbstverständlichkeit. Da gibt es Interessen, die dieses Image ganz gezielt fördern. Schauen Sie sich mal die Werbung oder Serien an: Da schenken sich die Leute erst mal einen ein, sobald sie nach Hause kommen. Und in den Kochshows trinken sie schon beim Kochen unablässig Wein. So als gehöre das dazu, zum normalen Stressabbau, zum gewöhnlichen Abendprogramm. Da wird für einen Lebensstil geworben.

Sozialmediziner: Der Konsum in der Gesellschaft entsteht durch Wirkkräfte aus der Wirtschaft.

ZEIT Doctor: Sie meinen jetzt aber nicht im Ernst, wir seien alle Opfer von Manipulation?

Hausarzt: Was die Werbung angeht, schon.

ZEIT Doctor: Na ja, aber wir gucken ja nicht alle Werbung.

Sozialmediziner: Fakt ist, dass die Werbung unsere sozialen Normen sehr stark prägt. Bei Alkohol sind massive Player im Spiel. Denken Sie mal an den Brauerbund, einen der stärksten Lobbyverbände der Republik. Der Bundeslandwirtschaftsminister wird da mit viel Tamtam zum Botschafter des Bieres gekürt. Da brauchen Sie sich nicht zu wundern, dass Alkohol als Lebensmittel wie jedes andere erscheint und viele Leute riskantes Trinken für unproblematisch halten.

ZEIT Doctor: Aber die Menschen haben sich doch immer schon gerne ein bisschen berauscht. Alkohol hat ja offenbar eine Funktion, die sehr viel tiefer greift.

Suchtexpertin: Ja, aber er war früher nicht so verfügbar. Man trank bei Festen oder Ritualen wie dem Abendmahl. Heute finden Sie allerdings im Supermarkt Regalmeter voll Alkohol und an jeder Tankstelle als Reiseproviant – im Straßenverkehr!