Naturgemäß sehen Menschen die Antarktis als Zeitlupenwelt, ewiges Eis eben. In den vergangenen Jahren aber mehren sich die Hinweise darauf, dass am Rande des Südkontinents schon verhältnismäßig kleine Veränderungen gigantische Folgen haben können.

Von jeder Tonne Eis auf unserem Planeten liegen 900 Kilogramm in der Antarktis. Das Schmelzwasser dieser unvorstellbar großen Menge würde ausreichen, um den Meeresspiegel weltweit um rund 60 Meter steigen zu lassen, also etwa auf die Höhe von Köln oder Bonn. Theoretisch, irgendwann. Gut, dass der Eiskontinent um den Südpol herum einen einigermaßen stabilen Kälteschlaf führt. Mit diesem Wissen beruhigte sich die Menschheit lange Zeit. Je mehr die Wissenschaftler aber über die antarktischen Eisschilde herausfinden, desto mehr Überraschungen hält das größte Süßwasser-Reservoir der Erde für sie bereit.

Es ist ein wenig so, als wäre das Klimasystem ein Uhrwerk, das die Klimaforscher auseinandernehmen, um es zu verstehen. Ein besonders großes Zahnrad lag dabei lange abseits. Und gerade erst wird deutlich, dass es sich schneller drehen könnte als gedacht: Das Eis der Ostantarktis, dem beim Anstieg des Meeresspiegels bisher eher eine Nebenrolle zugeschrieben wurde, könnte sich als erstaunlich instabil erweisen.

Etwa am Totten-Gletscher. Satellitenmessungen aus den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass wohl nirgendwo in der Ostantarktis das Eis rascher schwindet als hier. Seit wann? Und vor allem: warum? Antworten suchten Forscher um Martin Siegert vom Imperial College London unter den Eismassen – in der Vergangenheit. Mit Instrumenten an Bord eines Forschungsflugzeugs ergründeten sie die Form des Gesteins in der Tiefe, in welches das Eis seine Spuren geschliffen hat. Jetzt berichtet das Siegert-Team in der Wissenschaftszeitschrift Nature: Der Totten-Gletscher hat sich offenbar im Erdzeitalter Pliozän vor rund drei Millionen Jahren mehrfach weit zurückgezogen und entsprechend viel Schmelzwasser in den Ozean abgegeben. "Der Einfluss des Totten-Gletschers auf den Meeresspiegel der Vergangenheit ist klar erkennbar", schreiben die Wissenschaftler.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Diese Vergangenheit ist für unsere Gegenwart interessant, weil im Pliozän zuletzt in der Geschichte unseres Planeten die Kohlendioxid-Konzentration in der Luft so hoch war wie heute. Deshalb drängen die Spuren im Fels zur bangen Frage: Welche Folgen hat die menschengemachte Erderwärmung? Welche Prozesse lösen wir da vielleicht gerade aus?

"Die Ostantarktis wurde zu lange als unbeweglicher Klotz betrachtet"

Naturgemäß sehen wir Menschen die Antarktis als Zeitlupenwelt, ewiges Eis eben. In den vergangenen Jahren aber mehren sich die Hinweise darauf, dass am Rande des Südkontinents schon verhältnismäßig kleine Veränderungen gigantische Folgen haben können. Etwa im ostantarktischen Wilkes-Becken. An dessen Küste verschließen Gletscher wie frostige Pfropfen den Zugang zu einem kuriosen Gelände: Landeinwärts fällt der eisbedeckte Felssockel immer weiter ab, bis weit unter das Meeresniveau. Vor zwei Jahren hat der Physiker Anders Levermann, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und an der New Yorker Columbia University, in der Fachzeitschrift Nature Climate Change vorgerechnet: Wenn erst einmal der Eispfropfen an der Küste abschmilzt, sickert relativ warmes Meerwasser immer tiefer unter das Kontinentaleis und lässt dieses abschmelzen – ein schleichender, Jahrtausende währender Prozess zwar, aber, einmal in Gang gesetzt, auch ein unaufhaltsamer.

"Die Ostantarktis wurde zu lange als unbeweglicher Klotz betrachtet", sagt Levermann. "Jetzt kommen eine ganze Menge Studien heraus, die zeigen, dass große Teile der Ostantarktis instabil werden könnten. Bislang wusste man das nur von der Westantarktis."

Jener deutlich kleinere Teil des Kontinents mit seinem spitzen Zipfel Richtung Südamerika fasst allerdings nur ein Zehntel des Eisvolumens der Ostantartkis. Aus dem Westteil kennt man symbolträchtige Nachrichtenbilder: von den bröckelnden Flächen des Larsen-Schelfeises, von den kalbenden Thwaites- und Pine-Island-Gletschern, deren Kollaps unter Glaziologen schon als ausgemacht gilt. Wie anders erscheint da der größere, kühlere Osten. Durch steten Schneefall wächst hier das Inlandeis, und anders als über der Westantarktis erwärmt sich hier auch die Luft nicht dramatisch.

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Die Forscher entdecken instabile Stellen – und Hinweise auf einen raschen Wandel

Entsprechend spielte die Ostantarktis bislang auch keine große Rolle für Vorhersagen des Meeresspiegelanstiegs. "Die Abschätzungen in der Vergangenheit beruhten hauptsächlich auf dem, was die Westantarktis beiträgt", sagt Anders Levermann. Als der Weltklimarat im Jahr 2014 seinen neuesten Sachstandsbericht veröffentlichte, wurde darin als wahrscheinlichste Prognose ein Plus von insgesamt rund einem Meter bis zur Jahrhundertwende genannt, von dem nur 16 Zentimeter auf antarktisches Schmelzwasser entfallen sollen. Levermann, der selbst für den IPCC-Bericht am Kapitel über den Meeresspiegelanstieg mitgewirkt hat, sagt rückblickend: "Inzwischen wissen wir einfach mehr." Bis zum vorletzten IPCC-Bericht im Jahr 2007 sei Instabilität in der Antarktis nur am Rande genannt, aber nicht weiter thematisiert worden. In der aktuellen Fassung wurde sie berücksichtigt – unklar blieb aber, wie wichtig diese Möglichkeit sein könnte. "Jetzt korrigieren wir unser Bild und finden mit Modellen mögliche instabile Stellen", sagt Physiker Levermann. "Als Nächstes müssen wir herausfinden, ob die auch tatsächlich instabil werden und wie schnell das gehen kann."