Sie haben sich wirklich Mühe gegeben in ihrer Wut. Haben den Fußboden aufgehackt. Haben die Fassade hinter billigen Planen versteckt. Haben die stolze Eingangstür aus den Angeln gehoben und ersetzt durch einen Direktimport aus der bundesdeutschen Vorstadthölle. So gut wie nichts ließen die Künstler und Architekten in den letzten Jahren und Jahrzehnten unversucht, um ihrem liebsten Hassobjekt, dem Pavillon in Venedig, 1938 errichtet und mit "Germania" überschrieben, den ach so schlimmdeutschen Großgeist auszutreiben. Noch vor Kurzem wurde ernsthaft verlangt, das Bauwerk müsse dringend dem Erdboden gleichgemacht werden. Verglichen mit solchen Exorzismusfantasien, ist das, was die Architekten jetzt angerichtet haben, nachgerade harmlos. Und doch könnte es eine Debatte auslösen, von der sich die bauende Zunft so rasch nicht erholen wird.

Löcher haben sie hineingestemmt, groß wie Garagentore. Von Ferne sieht der Pavillon aus, als habe man ihm eine SUV-kompatible Einfahrt verpassen wollen, vielleicht damit BMW oder Audi hier ihre neuen Modelle präsentieren können. Aber das ist natürlich Unsinn, es geht hier wie immer ums Symbolische, ums kühne Hineinsäbeln ins historisch bedeutsame Gemäuer. Was bislang Wand war, geschlossen, geweißt, eine undurchdringliche Sperre, ist nun torartig aufgebrochen. Dieser Pavillon braucht keine Tür mehr, er steht allen offen, und das unbewacht, ungeschützt, man könnte sagen: uneingegrenzt, bis zum Ende der großen Architekturbiennale, die an diesem Samstag in Venedig beginnt.

Nein, das sei keine gebaute Regierungserklärung. Oliver Elser, der Kurator des Pavillons, fühlt sich bemüßigt, das zu betonen. Er weiß schließlich, dass hier, im deutschen Staatskunsthaus, noch die kleinste Geste zur hehren Allegorie gerät, und das erst recht, wenn sich die Ausstellung so beherzt ins politische Geschehen stürzt wie in diesem Jahr.

Was für eine blöde, biedere, populistische Idee, möchte man rufen. Da will einer mitten in der Flüchtlingsdebatte die offene Gesellschaft beschwören, und was tut er? Bricht Tore in ein Haus, das ohnehin jedem offen steht, so er denn 25 Euro Eintritt zahlen kann und will. Doch nur ein paar Schritte, die Stufen hinauf, schon steht der Besucher mittendrin im Pavillon – und der Ärger ist wie weggeblasen. Was eben noch vordergründige Geste war, wird räumliche Erfahrung. Wird zu einem Augenblick, in dem die Welt sich seltsam weitet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Kaum hat man nämlich die sehr weiße, sehr hohe, sehr kahle Halle betreten, wandern die Augen hinüber auf die andere Seite, zu jener Nische, die kein Fenster, keine Tür besaß und die nun durchbrochen ist und die Blicke freigibt: auf die Sonne, die in den Bäumen spielt, auf Venedigs glitzernde Lagune, auf Kreuzfahrtschiffe, die so schwerfällig vorbeiziehen, als stäche ein Hochhaus in See.

Ein feiner Wind geht durch den Pavillon, es wird jetzt quer gelüftet, dauerhaft. Auch der Regen, wenn er mal fällt, schlägt herein und sammelt sich zur Pfütze. Und ob hier gesoffen, gegrölt und womöglich randaliert wird, weil ungebetene Gäste des Nachts die Zäune der giardini übersteigen, ob sich also die unabschließbare Offenheit des deutschen Pavillons bitter rächen wird, weil des morgens erst einmal ein großes Putz- und Malerteam anrücken muss, um zumindest die gröbsten Schäden zu beheben, das scheint den Kurator Elser und seine Mitstreiter (allen voran Peter Cachola Schmal und Anna Scheuermann) kaltzulassen. Vielleicht liebäugeln sie sogar mit dem Risiko. Denn darum geht es ihnen ja: die Architektur, die sich so gerne um sich selber dreht, zu öffnen, den Blick hinauszulenken auf die Welt und am Ende mit dem klarzukommen, was sich nicht planen, nicht kontrollieren lässt. Das Unabsehbare wird zum Leitmotiv – und das rührt an den tiefsten Fundamenten der Architektenzunft.

Der Mensch baut, um seinem Dasein ein geklärtes Gehäuse zu verleihen, er entwirft eine Ordnung. Davon aber will dieser Pavillon nichts wissen, er räumt nicht auf, er räumt aus. Er verzichtet auf alles, was sonst als unverzichtbar gilt: auf Modelle, auf Grundrisse und Längsschnitte und nebenbei auch auf jede Diskussion über Gestaltungsfragen. Es ist eine Architekturausstellung, die von Architektur nichts wissen will.

Das erinnert an die Biennale, die vor zwei Jahren von Rem Koolhaas ausgerichtet wurde. Nach einem Jahrhundert der Utopien erklärte er die Architektur für gescheitert, sie sei von Sachzwängen erniedrigt, von Vorschriften drangsaliert, von Renditegier erstickt worden. Sein Nachfolger im Amt des obersten Biennale-Aufsehers, der Chilene Alejandro Aravena, hätte demzufolge nach seiner Benennung gleich abdanken können. Wenn die Architektur tot ist, wie dann noch Ausstellungen damit füllen? Doch Aravena glaubt an ein Leben nach dem Tod, an einen Neuanfang – irgendwo im Nirgendwo der rauen Wirklichkeit.

Zwar hat er auch einige stolze Kulturbauten in die Welt gesetzt, bekannt und berühmt geworden ist er aber mit Häusern, die sich eigentlich nicht ihm, sondern den Bewohnern verdanken. Zigtausendfach hat er das mittlerweile erprobt: für wenig Geld nur einen Anfang zu setzen, für das Notdürftigste zu sorgen, vier Wände, Decke, Klo – und mit allem anderen, mit der zweiten Hälfte des Hauses, so lange zu warten, bis die Besitzer das nötige Geld beisammen haben und es sich selbst ausbauen können. Diese Art von Pragmatismus sieht dann nicht unbedingt schön aus. Es ist eine Architektur (fast) ohne Architekten.

Nicht zufällig taucht sie auch im deutschen Pavillon auf, auf einigen Fotos wird sie mit dem verglichen, was Ernst May im Frankfurt der zwanziger Jahre realisieren konnte: einfachste Häuser für einfache Menschen, massenhaft produziert und so uniform in der Gestalt, dass die Bewohner rasch darangingen, sich mit Auf- und Anbauten mehr Raum und mehr Individualität zu verschaffen. Auch hier: Pragmatismus siegt über Architektenidee.