Wo verbrachte der neue österreichische Bundeskanzler den spannendsten Wahlabend der letzten dreißig Jahre? Andere als er hätten am vergangenen Sonntag bis spätabends in ihrem Büro ausgeharrt. Christian Kern indes besprach sich kurz nach Schließung der Wahllokale mit seinem Vizekanzler und eilte dann zu seiner Frau ins Burgtheater. Auf dem Spielplan stand die Premiere von Carlo Goldonis Der Diener zweier Herren. Eine Commedia dell’Arte, das beste Kontrastprogramm zum Wiener Wahlkrimi.

"Kanzler Cool", "roter Gentleman", "Österreichs Messias": Die Bezeichnungen könnten schmeichelhafter nicht sein, die dem drahtigen 50-Jährigen mit der sonoren Stimme und einer Vorliebe für schmal geschnittene Anzüge zugedacht werden. Die politischen Erwartungen an den neuen Spitzenmann der österreichischen Sozialdemokratie und der Regierung sind enorm. Kern, erst seit Dienstag vergangener Woche offiziell im Amt, soll die zerstrittene große Koalition retten, die SPÖ aus ihrem Umfragetief hieven und wieder zur stärksten Kraft im Land machen – und noch dazu ein nach den Präsidentschaftswahlen tief verunsichertes und polarisiertes Land wieder einen.

Der Sohn eines Elektrikers und einer Sekretärin, aufgewachsen im Wiener Arbeiterbezirk Simmering, ist keiner aus dem "Apparat", wie die bei der Bundespräsidentenwahl unterlegene FPÖ das alte Polit-Milieu trotzig nennt. Er kommt von außen und hat nur einen Hauch von sozialdemokratischem Stallgeruch. Immerhin genug, dass die Partei ihm vertraut. Und wenig genug, um auch solche Bürger ansprechen zu können, die sich von der SPÖ abgewendet haben.

Zulauf erhalten die "Blauen" – das ist die Farbe der FPÖ – vor allem unter Arbeitern, vorwiegend männlichen, mit Hauptschulabschluss, von Modernisierungsverlierern und Pessimisten. Die SPÖ hatte ihnen bislang bloß einen Kanzler geboten, der für eine Art blauer Politik "light" stand und der FPÖ gleichzeitig signalisierte: Mit euch wollen wir niemals koalieren.

Just dieses widersprüchliche Profil will Kern vermeiden. Deswegen drückte er auf Pressekonferenzen die beiden quälendsten Fragen der Sozialdemokratie ganz managerlike gleich einmal weg. Darf die SPÖ mit der FPÖ koalieren? Wenn die SPÖ erst wieder stärkste Kraft im Land sei, stelle sich die Frage nicht, antwortete er selbstbewusst. Mit einer Partei, "die gegen Menschen und Minderheiten hetzt", würde er im Übrigen nicht zusammenarbeiten. Und die Flüchtlingskrise? Da gehe es um "Menschlichkeit", aber auch um "Ordnung und Sicherheit". Deswegen halte er an dem Plan seines zurückgetretenen Vorgängers Werner Faymann fest, bei Erreichen des Richtwerts von 37.500 Asylanträgen in diesem Jahr eine Notverordnung in Kraft treten zu lassen. Aber noch wichtiger sei ihm die Integration jener, die schon da seien.

Dieselben Worte, gesprochen vom politisch verbrauchten Faymann, hätten wohl nur Häme hervorgerufen. Aber bei Kern, der bereits während seines ersten öffentlichen Auftritts mit der "Machtversessenheit und Zukunftsvergessenheit" der alten Garde abrechnete, wirken sie anders. Was Faymann anbot, war ein halb leeres Glas; bei Kern ist es halb voll. Bleibt also die Frage: Wo steht dieser fesche Phönix politisch?

Es gibt Indizien. Wenn Kern über Wirtschaft spricht, zitiert er gerne die italienisch-amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato, deren Forschungsthema der Beitrag des Staates zu Innovationen ist. Wer ihn nach seinen politischen Vorbildern fragt, bekommt drei Namen genannt. Erstens den kanadischen Premier Justin Trudeau. Wie dieser hat Kern jetzt versucht, ein Kabinett zusammenzustellen, das dem Slogan "Because it’s 2016" gerecht wird. Mit der neuen Kanzleramt-Staatssekretärin Muna Duzdar, Tochter palästinensischer Zuwanderer, sitzt erstmals eine Frau mit Migrationshintergrund in einer österreichischen Regierung. Noch dazu zuständig für "Diversität". Der konservative Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz, das Wunderkind der österreichischen Politik, sieht daneben nicht mehr ganz so frisch aus.